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Die Welt · 1903-10-09 · 41 (9.10.1903) · p. 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
41 (9.10.1903)
Article
Eine Prozession für den Nationalfonds
Date
1903-10-09
Page
15 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 41 „bis & w^it Seite 15 Eine Prozession für den Nationalfonds. In London haben sie eine zionistische Bewegung im vollen Sinne des Wortes. Sie sammeln sich auf einem grossenPlatze, nehmen wehendeFahnen und bildgeschmückte Banner in die Hand und bewegen sich durch das ganze East-End hinter Musikbanden einherschreitend; die jüdische Nationaliieder spielen, während links und rechts wackere junge Leute ausschwärmen, um in verschlossenen Büchsen Geld für den Nationalfonds einzusammeln. Die männlichen Sammler haben weissblaue Seidenschärpen um die Brust geschlungen und den Kopf mit weissen Seidenkappen bedeckt, deren Deckel ein Mögen Dovid ziert. Die Mädchen tragen zwar Modehüte mit wehenden Straussenfedern, aber die jüdische Nationalschärpe deckt auch ihre zierlichen Gestalten. Lautes Hailoh erweckt ein Zionist, der mit einem Säckchen auf einer langen Bambusstange den Zuschauern in den oberen Stockwerken ihren Beitrag für den Nationalfonds abnimmt. Wer nicht weiss, was der Nationalfonds bedeutet, der kann sich für einen kleinen Betrag eine aufklärende Broschüre kaufen. Dies benützt ein jüdischer Sozialdemokrat, um unter falschem Deckblatte eine antizionistische Schmähschrift zu verkaufen. Der Mann hat Mut, denn im East-End von London kann man für geringere Vergehen gegen den Zionismus Arbeiterfäuste zu spüren bekommen. Die Anstalten zu diesem kurzen Prozess waren schon getroffen. Meine Intervention hat die Londoner Blätter an diesem Tage — um eine interessante Notiz gebracht. Noch auf andere Art suchten Antizionisten aus dem Umzüge Nutzen zu ziehen. Sie nannten sich Beugelbäcker und gaben vor, zu streiken. Wie ernst dieser Streik war, geht aus Folgendem hervor. Ein Bäcker nannte mir als Grund des Ausstandes — eine 24stündige Arbeitszeit. Die Streikenden standen in solchen Massen an allen Strassenecken mit ihren Sammelbüchsen, dass man von der Bedeutung der Beugelindustrie im jüdischen East-End eine grosse Meinung erhielt. Auch ihre Büchsen waren mit jüdischen Worten bedruckt und auch ihre Fahnen schmückte eine jüdische Legende. Aber hinter ihrer Musikbande wars leer. Zion zog stärker. Dort marschierten Tausende. Mein Begleiter meinte, da gingen auch viele mit, die hinter allem herziehen, was da klingt und singt. Ei, freilich — aber, dass es einen Zionismus gibt, der ihnen aufspielt, das finde ich so nett — und wenn die Musikbande „Hatikwah" spielt, zur Freude alter Männer mit grauen Bärten, die vor Behagen laut aufjauchzten, dann möchte ich am liebsten mitsingen. Meine sichtbare Teilnahme hat mir ein dralles Zionsfräulein an den Hals gehetzt, das mir dicht auf den Leib rückt und ein seidenes Band an meinen Rock heftet. Das Band ist mit der Widmung „Für den Nationalfonds" bedruckt und kostet Geld. So wie es ruchbar wird, dass man mir an den Kragen dürfe, bin ich von eifrigen Zionistinnen umworben, und mein schwarzer Rock wird mit hellen Bändchen übersäet. Die heranrollenden Festwagen zerstreuen die reizenden Bedrängerinnen. Pferde und Fahrzeuge sind mit Bändern in jüdischen Farben geziert, die Ladung ist jüngstes Zion: Bübchen und Mägdelein in allen Farben Schattierungen. Ich sehe auffallend viel blonde Kinder, woraus untrüglich hervorgeht, dass wir lange nicht so schwarz sind — wie man uns malt. Unter den Wagen fallen zwei Fahrzeuge besonders auf: das eine ist nur armselig geschmückt, es gehört wohl einem Obsthändler, der rasch seine Ware abgeladen hat, als die zionistische Prozession begann. Die Kinder auf diesem Gefährte sind auch recht ärmlich gekleidet _ aber seine Schärpe in den Nationalfarben hat jedes. Nur ein winziger Sohn Zions weint, weil ihm dieser Schmuck fehlt. Der Vater weiss Rat. Er kauft weisses und blaues Crepppapier und legt die zwei Bogen um des Kindes Brust, das nun seine Tränen trocknet. Es gab reich und geschmackvoll gekleidete Kinder in dieser Prozession, aber ich musste lange und immer wieder auf dieses arme jüdische Proletarierkind mit seiner improvisierten Schärpe schauen. Auf dem zweiten Festwagen sassen etwa fünfzig Kinder, alle gut genährt, reinlich gekleidet und mit Emblemen in den Nationalfarben reich geschmückt. Die bewegliche Schar jauchzte, lachte und schäkerte in jugendlichem Eifer, die Aeuglein grüssten munter und schelmisch aus den rosigen Gesichtern hinauf zu den menschenbeladenen Dächern, Baikonen und Fenstern. Dieser Wagen war reich verziert und auf einem breiten Bande war folgende Legende zu lesen : „The Jews seeking a home", „Die Juden, die eine Heimat suchen.* Ob die Kinder so fröhlich wären, wenn sie den tiefen, erschütternden Ernst dieses Satzes verstehen könnten. Und ich weiss, dass sie seinen Sinn bald genug begreifen werden, wie er ihren Vätern und ihren armen Müttern aufging — die zumeist in fluchtartiger Eile den Osten Europas verlassen mussten, um hier im fremden Lande auf fremdem Boden eine Zuflucht zu finden — eine Zuflucht, die nicht gar gerne mehr gewährt wird. Ein Asyl mit Kündigungsrecht. Dieser Wagen mit seinen fröhlichen Kindern und seinem ernsten Spruche wollte mir lange nicht aus dem Sinn. Als wir zum ersten Kongress rüsteten, suchten wir ein passendes Sinnbild, ein malerisches Emblem für unsere Einladungskarten. Damals kam uns der Gedanke, die beiden Pole der Liebe zu Palästina darzustellen. Den Juden, der die letzten Steine des Salomonischen Tempels beweint und den freien jüdischen Kolonisten, der dem heiligen Heimatsboden die Saat anvertraut. Viele Künstler haben das Motiv seither variiert und es ist fast zum zionistischen Symbol geworden. Unter den Bannern, die in dieser Prozession getragen wurden, sah ich gleichfalls eine neue Variante dieses Bildes. In einem hässlichen Stadtzimmer, bei einer Nähmaschine steht ein müder, lässig gekleideter Mann, der Typus des bekannten Schwitzarbeiters — im Nebenfelde schreitet ein jüdischer Bauer über den Acker, mit fester Hand die Saat streuend. Nun aber weiss ich ein neues Bild für einen starken Künstler von jüdischem Gefühl. Es ist rührend und drollig lieblich und doch erschütternd. Ich habe mir den Vorwurf im Ghetto von London geholt. Ein Wagen mit herzigen, ahnungslos fröhlichen Kindern beladen, über deren Häuptern eine Fahne flattert, auf der zu lesen ist: Die Juden, die eine Heimat suchen — — — Und noch ein Bild hätte ich aus meiner Londoner Zeit. Am Tage nach dem Umzüge brachten sie den gesammelten Schatz in unsere Bank: an 40 Pfund Sterling 960 Kronen zumeist in Kupfer. Wenn man den Goldschatz der Bank von England besichtigen durfte, wenn einem gestattet ist, die grossen Aktienbanken zu studieren, wenn man an einem Tage in dem legendarischen Clearinghause 60,000.000 Pfund Sterling =■ 1.444,000.000 Kronen in Geldsurrogaten an sich hat vorbeifluten sehen, kurz, wenn man einige Zeit in dem internationalen Geldstrome geschwommen ist, der sich über die City von London ergiesst, dann wird man in Gelddingen leicht blasiert — aber dieser Haufe Kupfergeld hat mir zu denken gegeben. Es waren an 10.000 Münzen, die tagelang sortiert und gehörig verpackt wurden. Wieviel Opferwilligkeit aus diesem Metallhaufen spricht, wieviel Verzicht auf Genuss von Leuten, denen die Genüsse gar ärmlich zugemessen sind, und wieviel Freude an der Sache unseres Volkes. Von den Männern, die eine Woche hindurch das East End haranguiert hatten, die gezeichnet, gemalt, genäht, geschnitzt und Geld gesammelt hatten

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