Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1903-10-09 · 41 (9.10.1903) · p. 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
41 (9.10.1903)
Article
Die Geschichte einer Notiz
Date
1903-10-09
Page
11 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3316013-3316061-3337455--43505-3337579
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 41 „bie & weit Seite 11 nationaljüdischen Blätter, denn die gewissen anderen nehmen alles, was gegen den Zionismus ist oder zu sein scheint, mit Jubel und fetten Lettern auf. Die Nachricht ist in der Form, in welcher sie gebracht wurde, vollkommen unrichtig. Es handelt sich in Wirklichkeit um folgendes: Nach dem Baseler Kongresse, als die Presse der ganzen Welt sich mit dem Ostafrika Projekte und dem Zionismus beschäftigte, brachte auch die „Vointza Natzionala", einen Artikel über den Zionismus. Die „Vointza Nationala" ist ein Regierungsblatt, das ist wahr, aber man kann doch nicht die rumänische Regierung mit der „Vointza Natzionala" identifizieren. So brachte sie in den ganz letzten Tagen erst, eine Artikelserie politischökonomischen Inhaltes, die sie dann als persönliche Meinungen eines Redaktionsmitgliedes ausgegeben hat, die die Regierung und die liberale Partei nichts angehen. Der genannte Artikel über den Zionismus enthielt eine Masse konfuses Zeug. Der betreffende Schreiber geruhte nicht zu wissen, was er wollte. Er begann mit der Beteuerung, dass nicht die Rumänen es sein werden, die gegen die Gründung eines jüdischen Staates, sei es in Palästina, sei es in Uganda sich erklären werden, weil die Rumänen selbst ihre Unbhängigkeit im Namen des Nationalitätenprinzipes bekommen haben. Nach dieser ritterlichen Beteuerung versuchte er dann zu beweisen, dass die jüdische Frage ein schweres Problem sei, die den grössten Staaten wie England und Russland zu denken gibt, und erklärtesich mit dem Gedanken v. P1 e hwes einverstanden, dass jenes Surplus einer Bevölkerung, das zu beunruhigen beginnt, in andere Gegenden befördert werden solle. (Der Gedanke v. P 1 e h w e s ist übrigens seit früher schon der Gedanke der meisten rumänischen Po. litiker, der Herren Stourdza, Carp, TakeJonescu etc.) Der Artikel endigte folgendermassen : Aber die grosse Zahl der Zionisten in Rumänien sehend, müssen wir eine klare Situation haben, damit später dem rumänischen Staate keine Schwierigkeiten aus der Bewegung entstehen soll. Der Zionismus ist — bevor sich der jüdische Staat gegründet hat, das Bekenntnis einer Anzahl von Leuten mosaischer Konfession als Bürger jenes zukünftigen Staates, und man weiss, dass der Mensch nicht Bürger zweier Staaten, Sohn zweier Mütter, Patriot zweier Vaterländer sein kann. Darum müssen wir unterscheiden zwischen jenen Juden, welche arbeiten und dem Staate reelle Dienste erweisen, damit sie sich das Einbürgerungsrecht verdienen, und jenen anderen, die sich schon jetzt als Untertanen des Staates, der sich einmal an den Ufern des Jordans oder in Uganda gründen wird, betrachten/ Wie man sieht, bestand der Artikel aus den ersten, in der Eile zusammen gekitteten Gedanken, die der imposante diesjährige Kongress in dem Gehirn irgend eines Redakteurs der „Vointza Natzionala" erweckt hat. Der gute Mann glaubte sich verpflichtet, irgend etwas an den rumänischen Juden und dem Zionismus aussetzen zu müssen, und wird sich wahrscheinlich im Stillen mit Macchiavelli verglichen haben, als er den Satz von dem Sohne mit den zwei Müttern niederschrieb. Wenn er aber ein wenig nachgedacht hätte, hätte er sich vielleicht gesagt, dass seine Beweisführung eigentlich doch zu genial einfach sei, dass sie niemandem anderen in Europa bis jetzt einfallen konnte, und dass diese seine Weisheit anlässlich gerade dieses Kongresses, auf welchem das hochherzige Anerbieten Englands an die Zionisten kam, gar zu beschämend für die englischen Politiker sei; denn es gibt auch in England Zionisten, und es sollten auch die dortigen Staatslenker wissen, dass es nicht einen Sohn mit zwei Müttern geben kann. Oder nicht? Er hätte sich dann sicherlich auch den hochpeinlichen Widerspruch erspart, den ihm der „Adeveiul" nachwies. Die Bukarester Zeitung „Adeverul", bemerkte zudem Artikel der „Vointza Natzionala" folgendes: „Wir verstehen nicht, was für Schwierigkeiten der Zionismus dem rumänischen Staate machen soll?u Er erstrebt eben die Beförderung des Surpluses einer Bevölkerung, das zu beunruhigen beginnt, in andere Gegenden, und damit ist doch die „Vointza Natzionala" einverstanden. Ja, sie hat auch nichts dagegen, dass die Juden einen Staat gründen sollen. Die Zionisten also, die nichts als das wollen, was die „Vointza" billigt, können doch damit dem rumänischen Staate keine Schwierigkeiten machen, und indem sie das Surplus, das die „Voiniza* beunruhigt, in andere Gegenden befördern, gehören sie zu jenen Juden, die arbeiten und dem rumänischen Staate reelle Dienste erweisen." Uebrigens scheint der betreffende Artikelschreiber selbst darüber nachträglich nachgedacht zu haben, denn er kam trotz dieser Abfuhr nicht mehr auf die Sache zurück. Aber angenommen, dass die rumänische Regierung den Zionismus als Grund der Nichteinbürgerung der rumänischen Juden angibt — den Mut, dieses brillante Argument zu gebrauchen, trauen wir ihr zu — kann man das ohne Kommentar ruhig nachdrucken? Hat denn der Zionismus die rumänische Judenfrage gezeitigt? Hat der Zionismus Rumänien veranlasst, in 25 Jahren 79 Juden einzubürgern? Wir haben aber wie gesagt, keinen Grund anzunehmen, dass die rumänische Regierung sich dieses „Arguments11 bedienen wird, denn sie hat es nicht i.olwendig; so dass es einstweilen Eigentum des nicht unterschriebenen Macchiavelli von der „Vointza Natzionala" bleibt. Suum cuique! Also hätten die Zeitungen, die die betreffende Notiz gebracht haben, das erwähnen und die Lorbeeren auf der richtigen Stirne ruhen lassen müssen. Th. Plebe. Judenunruhen in England. In Pontypridd (Glarmonshire), einer Stadt in Südwales, kam es am Roschhaschanah-Tage zu ernsten antijüdischen Unruhen. Während die Juden in der Synagoge beteten, verbreitete sich das Gerücht, dass die Juden ein christliches Mädchen in die Synagoge geschleppt und dort misshandelt hätten. Das erregte grosse Unruhen unter der welshredenden, ignoranten Bevölkerung und es rotteten sich bald bedrohliche Volkshaufen zusammen, misshandelten einige Juden und wollten eine englische Ausgabe von Kischenew veranstalten. Die Polizeibehörde entsendete sofort bewaffnete Macht auf den Schauplatz des nPogromms% der es auch gelang, die aufgehetzten Massen zu zerstreuen. In der Stadt herrscht Bestürzung und Unruhe. London. Die jüdischen Arbeiter, die in Wales hauptsächlich durch irische Arbeiter überfallen und verfolgt wurden, weil sie angeblich den englischen Arbeitern die Beschäftigung entziehen, werden nach Kanada geschickt werden. Die Leute sind zumeist aus Polen. Als Tag der Abreise von Liverpool ist der Dienstag nächster Woche festgesetzt worden. Einige von ihnen werden nach Neuschotiland gebracht, während andere nach Woodstock in Montreal geschickt werden. Die Zahl der Auswanderer beläuft sich auf 60 Köpfe. Da man am Samstag eine Erneuerung der Unruhen in Dowlais erwartete, war die Polizei bedeutend verstärktworden, und der Ort wurde beständig abpatrouilliert.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.