Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 41 (9.10.1903)
- Article
- Italienische Zeitungen [Kommentar]
- Date
- 1903-10-09
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 10 & W^lt" Nr, 41 Italico sich versteckende Jude Primo Levi, der Verfasser des Artikels, in der letzten Nummer des „Corriere Israelitico" vom Rabb. Dante A. Lattes. * „Die „Haschkafa" von Ben Jehuda in Jerusalem schliesst ihren Kongressbericht mit folgender Bemerkung: „Ich begreife wohl den Seelenkampf vieler von den Delegierten des jüdischen Volkes in Basel, als ihnen der Vorschlag gemacht wurde, einen Judenstaat zu gründen, und zwar nicht in dem Israel heiligen Lande. An Stelle des Ahnenlandes wird ihnen ein Land der Kinder, ein Land für di# Nachkommen geboten! Allein, sollen wir denn gar nichts aus der Geschichte lernen? Sollen wir weiter in demselben Fehler fortleben, den unsere Vorfahren seit achtzehnhundert Jahren begingen, indem sie an die Gegenwart nicht dachten und sich mit blossen Hoffnungen begnügten? Wenn „unsere Zähne noch stumpf sind, von den Herlingen, die unsere Väter gegessen haben", sollte uns nicht bang sein vor dem Gedanken um wie viel stumpfer die Zähne unserer Nachkommen sein würden von den Herlingen, die wir jetzt essen? Sollten wir unsere Augen verschliessen und die grosse Verantwortung vor der Geschiche nicht beachten,die wir auf uns laden? Angesichts der Weltlage im allgemeinen und der des jüdischen Volkes im besonderen, angesichts, des glücklichen Zusammentreffens, dass es in Afrika, das nichtmehr wie vor 50 Jahren herrenlos ist, noch Platz für uns gibt, und dass eine der grössten Weltmächte so viel Edelmut gegen uns zeigt und diesen Platz uns anweist und uns, wie einst Cyrus unsere Vorfahren, einladet, ein freies Heim zu gründen, wo wir als Menschen, als freies Volk unter dem Schutze des freiheitlichen Volkes der Engländer leben können — angesichts solcher Tatsachen sollten wir ganz empfindungslos sein gegen den Gedanken, dass wenn wir diesen grossen historischen Moment unbenutzt vorübergehen lassen, dass vielleicht morgen, über ein Jahr, nach zwei, drei Jahren, für uns die günstige Gelegenheit vorüber, die Regierung eine andere und das Land nicht mehr unbesetzt sein könnte, dass selbt, wenn wir dann wollen, bitten, flehen und wehmütig rufen, alles vergeblich sein könnte? O, welch schrecklicher, furchtbarer Gedanke!..... Aus Russland. Simferopol, (Eine Rede des Gouverneurs T r e p o w.) Der Gouverneur von Taurien, General Trepow, besuchte am Jomkippur die jüdische Synagoge zu Kamenka und wohnte einem Teile des Gottesdienstes bei. Vor dem Verlassen der Synagoge hielt General Trepow folgende, von der „Nowoje Wremja" reproduzierte Ansprache: „Es hat mich sehr gefreut, Eurem Gottesdienste beigewohnt zu haben. Ich muss gestehen, dass ich nicht als Feind der Juden nach dem Taurischen Gouvernement kam; von vorneherein fand ich es für zweckmässig, durch erklärende Rundschreiben den Juden eine grössere Freiheit im temporären Aufenthalte ausserhalb des angewiesenen Wohnortes zu gönnen, ohne jedoch das Gesetz zu überschreiten. Zu meinem Bedauern muss ich aber eingestehen, dass das Verhalten Eurer Glaubensgenossen meine Erwartungen getäuscht hat, denn dte Juden erwiesen sich in allen Unruhen nicht nur als Teilnehmer, sondern auch als Anstifter. Ich verstehe sehr gut, dass die bestehenden Einschrärkungen auf Euch und Euren Glaubensgenossen schwer lasten, jedoch die von Euch gewählte Art, Aenderungen hervorzurufen, kann nur zu einem entgegengesetzten Resultate führen. Ich bin der Meinung, dass Ihr in der Hoffnung einer Ausgleichung Eurer Rechte leben müsstet, welche letztere nur einzig durch ein ordentliches Verhalten der Regierung die Ueberzeugung abzwingen könnte, dass Ihr eines grösseren Vertrauens wert seid." Wilna. (Ein Erlass des kommandierenden Generals Skugarewskij.) In den Kasernen und im Lager von Wilna wurden unlängst viele revolutionäre Proklamationen vorgefunden, General Skugarewskij verlautbarte deshalb einen Tagesbefehl, in welchem unter anderen gesagt wird : „Die Proklamationen wurden gewiss von jüdischen Soldaten verbreitet. Ich befehle« jüdische Soldaten unter gar keinen Umständen zu beurlauben. Sollte aber die zwingende Notwendigkeit eintreten, jüdische Soldaten zu beurlauben, so müssen sie überwacht werden, wohin sie gehen, wen sie besuchen, und wo sie verweilen!" Pinsk. Der vom „Regierungsboten" gemeldete angebliche Ueberfall von drei Juden auf den Christenknaben Kisselew wird von dem nationalrussischen und judenfeindlichen „Wilenskij Wjestnik" als Mystifikation bezeichnet. Der älteste Bruder und Vormund des Josef Kisselew, Konstantin Kisselew, hat, wie der „Wilenskij W j e s tn i ku meldet, an die Redaktion des „Regierungsboten" ein Telegramm gerichtet, in welchem der gemeldete Ueberfall dementiert und die Sache als ein harmloser Streit zwischen K i s s e 1 e w und dem Judenknaben Pomeranz geschildert wird. Der „Wilenskij Wjestnik" drückt sein Erstaunen darüber aus, wieso der „Regierungsbote" mystifiziert werden konnte. Die Dementir- Depesche Kissele ws ist im „Regierungsboten bis jetzt noch nicht erschienen . . . Mohilew am Dnjeper. Die Meldungen verschiedener Blätter über angebliche Judenmassacres in Mohilew sind dis jetzt noch nicht verifiziert worden. Einer Privatmeldung entnehmen wir jedoch, dass in dem bekannten Ausflugsorte Karawanowka bei Mohilew am 23. September eine Rotte halbwüchsiger Bauernburschen die jüdischen Mädchen und ihre ^Begleiter überfallen und misshandelt hat. Anlass dazu gab das Gerücht, die Juden hätten die Absicht, das in der Nähe liegende Dorf als Strafe für Hornel zu demolieren. gt. * Einen grossen Eindruck bei den Juden Petersburgs machte die Rede von Dr. Drabkin, des amtlichen Rabbiners, am Rosch-Haschana. -nrnn imn hü* meinte er, man dürfe nicht stolz und vorlaut sein. Seine Rede war sowohl gegen die jüdischen Demokraten in Russland, die im Kampfe ihr Recht erwerben wollen, als gegen die Zionisten, die dem Ostafrikaprojekt feindlich gegenüberstehen, gerichtet. „Wir müssen den Strom der jüdischen Emigration ordnen und lenken, wir müssen uns vereinen und alle unserer Bestrebung, ein „rechtlich gesichertes Heim" zu erlangen, anzupassen suchen. Und zu dieser Arbeit müssen sich alle Teile unseres Volkes und alle jüdischen Kräfte vereinigen." Mit diesen Worten schloss Dr. Drabkin seine diesjährige Predigt Sie hat, wie gesagt, unter den Juden eine ungewöhnliche Wirkung hervorgerufen, Die Geschichte einer Notiz. Schon vor einigen Wochen, kurz nach dem Kongresse, brachten einige Zeitungen ein Telegramm aus Rumänien, worin es hiess, dass die rumänische Regierung gegen den Zionismus Stellung genommen hat. Diese so verfasste Notiz machte die Runde durch viele Blätter und gelangte merkwürdigerweise auch in einige nationaljüdische Blätter, die sie ohne Kommentar, trocken und ernsten Tones brachten. Man konnte sich fragen, warum es die genannten Blätter nicht interessiert hat zu erfahren, worin diese Stellungnahme eigentlich bestehe, — ich meine die