Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 41 (9.10.1903)
- Article
- Russische Blätterstimmen zur Ostafrikafrage [Kommentar]
- Date
- 1903-10-09
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 8 „bis & weit11 Nr. 41 Bewegung bildet Mit ungewöhnlicher Klarheit hat er bewiesen, welche verschiedenartige Elemente sich um die gemeinsame Fahne des Zionismus geschart haben, und wie verschiedenartig der Inhalt ist, welchen die Anhänger dieser Bewegung einem und demselben Losungsworte zuschreiben. Aber wir heben heivor, dass sich nichts Neues, Uneiwartetes ereignet hat; es ist nur das eingetreten, was man voraussehen konnte. Dr. Herzl hatte vollkommen Recht, als er erklärte, seinem alten Programme nicht untreu geworden zusein. Herzl, der Präsident des sechsten Kongresses, ist wirklich derselbe, als welcher erim„Judenstaat" und in „Altneuland" erscheint. Für Dr. Herzl war und ist „Zion" der politische Judenstaat, wohin ein riesiggrosser Teil unseres Volkes auswandern soll, um die jüdische Frage zu lösen, welche seiner Ar sieht nach mit der Konkurrenzfrage in enger Verbindung steht, und so lange Juden in grosser Anzahl in der Diaspora leben und ihre Konkurrenz sich unter der einheimischen Bevölkerung besonders fühlbar macht, wenig Hoffnung lässt, dass der Judenhass und seine Folgen aufhören." Die „Buduschznostj" schreibt zur Ostafrikafrage unter anderem folgendes: „Die Frage von der Kolonisation Ostafrikas befindet sich noch im keimenden Zustande; es muss erst ein Material zum Studium dieser Frage gesammelt werden. Es liegt aber kein Grund vor gegen die Aufstellung dieser Frage sich aufzulehnen. Wenn die praktische Bedeutung des Projektes klar werden wird, dann werden viele sich der Tätigkeit in dieser Eichtung widmen, viele werden abseits von ihr stehen bleiben, in beiden Fällen aber werden die alten Traditionen erhalten bleiben.0 Eine beachtenswerte Ansicht über die Aufstellung des Ostafrikaprojektes spricht in derselben „Buduschznostj* der weibliche Arzt Frau Brodskaja aus. Sie sagt darüber : „Jene, welche die Erwerbung von Palästina auf diplomatischem Wege als Utopie bezeichnen, körnen aus dem Vorschlage Erglands in Bezug auf Ostafrika ersehen, dass die Grundidee ganz und gar nicht utopistisch sei/4 Ein in mehr als einer Hinsicht interessantes Urteil über Uganda fällt der halbamtliche und antisemitische W a r s c h a w s k i j D n e w n i k". Er schreibt wörtlich : „In Wirklichkeit wird nach Ostafrika der beste Teil der Judenschaff, der am meisten produktive, für die einheimische Bevölkerung am wenigsten gefährliche und am meisten fähige, dem Staate etwas Positives und Wertvolles zu geben, auswandern. Jene Elemente aber, welche eine parasitäre Rolle spielen uod welche eigentlich allein die „Judenfrage" verursachen, weiden in unserem Vaterlande verbleiben. Wir werden einen Teil unserer Untertanen, denen wir nicht wenig Kräfte für die Lebenstätigkeit unseres Reiches entnehmen könnten, England geben, welches ihn statt unser, für sich benützen wird, mit dem grossen Erfolge, den herbeizuführen wir uns als unfähig erwiesen haben. Warum sollen wir England dieses Geschenk machen? Warum sollen wir ihm einen Judenstaat schenken, in welchem sich die in der reichen Produktion zerstreuten Kräfte vereinigen werden, die sich auch bei uns konzentrieren könnten? Wäre es unmöglich, dass es bei uns irgend ein Territorium in der „gepachteten" Mandschurei irgendwo am Pamir oder ein Mittelding angeboten würde, wo ein autonom unter unserem Protektorate stehender Judenstaat gegründet werden könnte?" Und das sagt dei „ W a r s c h a w s k i j D n e w n i k", welcher noch vor kurzem der „Nowoje Wremja", dem „Swjef und allen anderen Orga-nep des Menschenhasses in Russland sekundiere Jun4, gleich ilinen> ^ie^yiswa^^eju^g f$£fi9flj$fB Rüssland iforderte j ... * In der „Hazeflrah" Nr. 210 schreibt S. C z e r n o w i t z als Betrachtung zum Jahreswechsel ungefähr folgendes: „Das verflossene Jahr 5663 kann zu den bedeutsamsten unserer Geschichte gezählt werden. Der Organismus unserer Volkspsyche war infolge der vielen Leiden erschlafft und unfähig geworden, ohne äusseren Anstoss seine Lebensfunktionen zu verrichten. Das nationale Seibstbewusstsein schlummerte in tiefer Lethargie und erwachte nur dann zur Aeusserung einer Lebenstätigkeit, wenn plötzlich ein Sturm ausbrach und die schlaffen Saiten der Volksseele in Schwingung brachte. Diesmal gab es einen heftigen Sturm. Mit elementarer Gewalt entlud sich der ftunge Vulkan, auf dem wir uns seit Jahrzehaten befanden und er wnk.e verheerend. Die traurigen Ereignisse dieses Jahres mahnen unser Voiksbewusstsein zur Abrechnung mit uns selbst. Wir sind nun fortgeschritten, befinden uns nicht in solchem Zustande der Schlaffheit, wie in früheren Zeiten des Golus, dass wir alles mit Schweigen über uns ergehen lassen. Mit den Zeiten haben auch wir uns geändert und uns schimmert bereits ein Funke von Freiheit und Selbsterkenntnis. Wir können, da wir einmal hell sehen, nicht mehr untätig und gelassen, ohne innere Empörung alles hinnehmen, was uns widerfährt. Und so sind wir zur Erkenntnis gekommen, dass wir uns selbst helfen müssen, wenn wir in Zukunft verschont bleiben sollen von Ereignissen, die bei öfterer Wiederholung geeignet sind, unser Volkstum durch Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung zu vernichten. Worin besteht unser Leiden? Darin, dass wir überall fremd sind. Das Milieu, in welchem wir uns befinden, ist nicht unser eigenes; da wir fremd sind, werden wir gehasst. Da wir Fremde sind, glauben die, unter denen wir wohnen, dass alles, was wir besitzen, ihr gutes Eigentum sei, und weil wir die Schwächeren und sie die Stärkeren sind, so sind wir immer im Nachteil. Die grosse Zerstreuung ohne nationales und polisches Zentrum löst die Nation in kleine unbedeutende Teilchen auf und wir sind oft versucht zu glauben, dass wir nicht mehr ein einheitliches Volk von gemeinsamer Eigenart, sondern nur einig sind durch die gleichen Leiden. Der Mangel an sozial-politischer und ökonomischer Basis bringt auch den kulturellen und den geistigen Verfall mit sich. Was wir auf geistigem Gebiet mit noch so viel Mühe und Aufopferung schaffen — es schwebt in ewiger Gefahr. Der Erhaltungstrieb vieler Juden führt sie oft dorthin, wo ein Schimmer von Hilfe sichtbar wird. Und sie opfern dem verheissenen Glück alles, auch ihr Judentum. Nach und nach schleichen sie sich aus unserem Lager, nach und nach fallen sie wie losgelöste Glieder von unserem Volkskörper ab, und nichts vermag diesen Abfall aufzuhalten. Uns fehlt also ein jüdisches Milieu. Das ist die endgiltige Lösung und das letzte Wort unserer nationalen Frage. Wir müssen ein gesichertes jüdisches Heim schaffen, in welchem ein jüdisches Milieu, eine jüdische Mehrheit entstehen soll. Dort würden die Juden das haben, dessen Mangel sie jetzt so sehr empfinden : Freiheit und sozial-politische Lebensbedingungen. Dort würde sich das Volk ökonomisch frei entfalten und auch imstande sein, seine Kultur in freier, ihm eigener origineller Weise auszubauen; da es in sein em Milieu leben wird, werden seine Genossen, wie die Glieder einer grossen Familie in eigenem, heimischen Kreise die Gewohnheiten und Sitten der Familie hochhalten und ungestört ihren heiligen Traditionen und Idealen leben können. ^^0,n.Wo'; s\)llT dieses jüdische/Milieu geschaffen werden? '|(r|^V«™g%^Wi% *Wt & e¥Wöhren angesichts einer solchen Verheeriin^^^earfWörtii^1'wenn wir nur vom Wunsche beseelt wären, anstatt nach Palliativ-