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Die Welt · 1903-09-30 · 40 (30.9.1903) · p. 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
40 (30.9.1903)
Article
Wie ich Zionist geworden bin
Date
1903-09-30
Page
15 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 40 „bis w?ittÄ Seite 15 zu verzehren. Aber die Begeisterung für ihr Ziel, die Reden, die sie halten konnten, das alles erhielt sie aufrecht, sie, die VerKörperung des ganzen jüdischen Volkes: Hunger und Not, geistige und körperliche — aber Palästina ihr Traum, ihr Ziel. Am Sonnabend vor der Eröffnung des Kongresses fand in der Synagoge zu Basel ein Gottesdienst statt. Ich bin schon oft mit in den Tempel genommen worden, ich verstand das Hebräische fast gar nicht, das Deutsche, das die Rabbiner predigten, sagte mir nicht zu. Ich war überhaupt kaum jemals Jude gewesen. Ich wusste nicht, dass es Juden gibt, die offen und frei bekennen: ich bin ein Jude, und ich bin stolz darauf. Ich betrachtete es immer als ein Unglück, Jude zu sein, wegen der Verachtung und Zurücksetzung von allen Seiten. Hier lernte ich nun Menschen kennen, die Juden, wirkliche Juden waren, wenn sie auch nicht täglich in die Synagoge gehen. Das war das Judentum! Der Gottesdienst! — Feierliche Stille herrschte; Herzl wurde zur Thora aufgerufen, wie ein Mann erhob sich die ganze Gemeinde von den Sitzen. Ich betrachtete mir das Bild, das Bild des verfolgten Volkes. Aus Amerika, Frankreich, England, Deutschland, Oesterreich, Italien, Russland, der Schweiz waren sie hier zusammengekommen, nicht Germanen, nicht Gallier, sondern Juden und nichts als Juden. Wir kannten uns nicht und waren eins, wir verstanden uns nicht und wussten doch, was wir wollten. Die Predigt begann, ich konnte ihr kaum folgen, denn ich war ergriffen. Zum erstenmale weinte ich über mein Volk heisse Tränen, über das tausendjährige Unglück der Juden. Wie sie sich zusammengefunden, und dass sie sich hier zusammengefunden, das war etwas so rührend Schönes, etwas so Erhabenes, wie es die Weit noch nie gesehen. Die Geschichte des jüdischen Volkes ist die grösste Tragödie der Welt. Nennet mir ein Elend, das länger gedauert, dem länger widerstanden! Völker Kamen und gingen, aber sie gingen wieder, die Juden kamen, wurden verfolgt, vertrieben, getötet, aber sie blieben. Sie wurden verstreut über die ganze Erde, sie behielten ihr Erkennungswort, ein Wort, das sie alle zu Brüdern macht: das Schema Jisroel. Diese Stunde in der Synagoge machte micTi zum Juden, zum Zionisten. Am Sonntag, den 23. August, war ich um 9 Uhr im Saal. Feierliche Erwartung erfüllte mich. Wie es den andern ging, weiss ich nicht, aber wohl jeder war sich der Grösse des Augenblicks bewusst. Unten die dichten Reihen der Delegierten, die jüdischen Abgeordneten; das grösste Parlament, das die Welt gesehen, war vereinigt. Keine Vertretungskörperschaft hat so zahlreiche Mitglieder, aber leider auch keine kommt so selten zusammen und wird, nachdem sie ihre Arbeiten erledigt, so in alle Welt verstreut, wie diese hier. Die Tribünen waren zum Brechen voll. Männer, die kein Mandat bekommen oder keins haben wollten, Frauen in Festkleidern und viele russische Studenten und Studentinnen. Unten Leute im Kaftan, das ehrwürdige Haupt mit dem Käppchen bedeckt, Westeuropäer im tadellos sitzenden Frack, weisser Binde, den Zylinder in der behandschuhten Rechten; mitten im Gewühl zwei tscherkessische Bergjuden in der kleidsamen Tracht ihrer Gegend, die Lammfellmütze auf dem Kopfe, dann russische Studenten und Studentinnen, diese ärmsten der Armen, die Ihr Elend fühlen und ihm mit Gewalt ein Ende machen wollen, die reden, wenn sie glauben, etwas Redenswertes zu haben, die streiten, wenn sie dazu aufgelegt sind und weinen und jammern; wenn sie Jerusalems gedenken. Theodor Herzl erscheint! Dass die Zionisten diesen Führer haben, ist ihr Glück. Er wirkt überwältigend mit seiner Ruhe, seiner schlichten Vornehmheit! Die Worte kommen langsam und ruhig, fast zu leise von seinen Lippen; aber Totenstille herrscht im Saal, jede Silbe Kann man verstehen. Alles, was er spricht, ist klar und einfach; auch der ungebildetste, ungeübteste Geist muss ihm folgen können, als er von den Arbeiten und Schritten berichtet, die er während der letzten zwei Jahre unternommen hat. Daun bringt er das Ostafrika-Projekt vor. Noch ist es ruhig, aber die Gemüter fühlen, welche Kämpfe sich um diesen Punkt noch abspielen werden. Feierlich ist der lag, feierlich die Stunde für alle, die sie erleben, und ich hatte nur den einen Wunsch, dass alle Juden, besonders die reichen aus den westeuropäischen Kulturzentren, die sich einbilden, dass es ihnen gut geht, und die in den Augen ihrer Mitbürger doch nichts als eben Juden sind, dass diese Juden einmal eine Stunde in diese Vormittagssitzung hineingeraten wären, ich glaube, mancher wäre zu der Ueberzcugung gekommen, wie elend, wie grenzenlos elend er bei allen Erfolgen, bei dieser Jagd nach dem Glück geblieben ist. Manch eiuer wäre bekehrt worden und hätte sich mit in die vorderste Reihe der zionistischen Kämpfer gestellt, unbekümmert um die Mitbürger seines Zirkels, unter denen er eine Rolle zu spielen versucht hatte. Und diese Neulinge sind nicht die schlechtesten Streiter; ich selbst bin einer, ich bin in diesen grossen Tagen in Basel Jude und Zionist geworden, und mir ist, als ob icli das Versäumte nachholen müsste, als ob ich alles tun müsste, um einem Volke abzubitten, zu dem ich das Glück habe zu gehören. Die Tage eilten an uns vorüber. Vormittags-, Nachmittags- und Nachtsitzungen und Versammlungen in den Landsmannschaften. Auf den Höfen und Treppen, in den Gängen und Zimmern „kleine Kongresse''; überall Gruppen heftig redender und gestikulierender Menschen. Aber der Höhepunkt der Verhandlung, der Prürstein der Gemüter war die Ostafrika-Debatte und die sich daran schliessende namentliche Abstimmung. Man hatte „für*' gestimmt, für Einsetzung einer Kommission und Entsendung einer Expedition nach Ostafrika. Da erhoben sich die russischen Vertreter im Aktions-Comite, gingen durch den Mittelgang des Saales, und die russischen Delegierten schlössen sich ihnen an; etwa .150 Menschen verliessen den Sitzungssaal. Oben sass Herzl totenbleich; er Hess sie hinausziehen, keine Muskel bewegte sich in seinem tiefernsten Gesicht, aber es schmerzte ihn, es tat ihm weh, das sah man. — Draussen spielten sich Szenen ab, die ich nie vergessen werde. Frauen fielen in Ohnmacht, Männer weinten, sie Klagten und jammerten um Jerusalem, das man ihnen rauben wolle — und das ihnen doch nicht gehört hatte. Ein armes Volk, das nichts hat, als seine Ideale. In dieser Nacht ging der totmüde Führer zu ihnen, erklärte ihnen, wie man es wohl Kindern erklärt, dass er so und nicht anders habe handeln können. Am nächsten Tage waren sie alle wieder da. Herzl hatte sein grösstes und schönstes Talent, die aufgeregten Gemüter zu beruhigen, auszuüben gewusst. Die russischen Führer sassen wieder auf ihren alten Plätzen. Im Saal waren die übrigen Delegierten, die Männer und Frauen, totenbleich, abgespannt, übermüdet. Sie sassen ruhig, wie Kinder, die den Ermahnungen des Vaters endlich Gehör schenken, und die, nachdem sie sich müde geweint und genug gejammert haben, erschöpft und beruhigt sind. Sie taten mir so leid, so bitter leid, dieses Häuflein russischer Juden, diese Frauen mit den bleichen, übernächtigen Gesichtern, diese Männer, die sich beherrschten, um nicht aufzubrausen und die Versammlung dadurch zu stören; sie alle standen wieder unter dem Banne des grossen Führers, sie respektierten seine Bitte um Ruhe. Mit dieser Debatte war das Bedeutungsvollste des Kongresses vorüber. Geschäftliche Referate und Reden wechselten miteinander ab; ab und zu wurde es sogar noch recht stür misch. E-5 kam die Freitag-Nachmittag-SitzungT Wieder die Erwartung, die Ruhe, die Feierlichkeit des ersten Tages, aber alles hastiger, drängender, schnell dem Schlüsse zustrebend, denn Schabbes stand vor der Tür und man wollte den Ruhetag berücksichtigen. Herzl sprach die Schlussworte. Nicht enden wollender Jubel, die Freude über den vergangenen und die Hoffnung auf einen baldigen, neuen Kongress! Alle erhoben sich, viele stiegen auf die Stühle und alle sangen ihr Lied, das Lied der Zionisten: „Od lo owdo tikwossenu".

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