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Die Welt · 1903-09-30 · 40 (30.9.1903) · p. 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
40 (30.9.1903)
Article
Jüdischer Volkskalender für das Jahr 5663 (1903/4) [Rezension]
Date
1903-09-30
Page
14 (sequence 2)
Language
German
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Seite 14 „bi* & W^lt" Nr. 40 heit war ja bekanntlich ausgesprochen religiös, während aber die Manifestationen desselben Geistes in der Zukunft ausgesprochen national zu werden versprechen. Dem Zionismus fällt die Aufgabe zu, die Kluft zwischen den sich scheinbar widersprechenden Welt- und Lebensanschauungen auszufüllen, die eine in die andere hinüber zu leiten. Die Verjüngung der jüdischen Nation, wie sie der Zionismus anstrebt und vorbereitet, werde unfehlbar eine Verjüngung der jüdischen Religion mitenthalten. Ein kostbares Geschenk für die Leser des Jahrbuches ist zweifellos: „Ein vergessener Aufsatz von Graetz", den Zlocisti als Beitrag zur Entwicklungsgeschichte des jüdisch-nationalen Gedankens einleitet Der Aufsatz erschien ira Jahre 1863 im „Jahrbuch für Israeliten", redigiert von Komp ert und Werth eimer, unter dem Titel: „Die Verjüngung des jüdischen Stammes*, handelt von der Rückkehr der Juden aus dem babylonischen Exil und erregte wegen Graetzens Aeusserung über die Verjüngungsfahigkeit des Judentums, die ihm als Messianität erscheint, den Zorn der Orthodoxie. Es entstand ein heftiger Kampf in der Judenheit Mitteleuropas, der zu den düstersten Blättern unserer Golusgeschichte gehört. Zlocisti schildert diesen Kampf in eingehender Weise und verweist darauf, wie sehr diejenigen den Altmeister Graetz missverstanden haben, die ihn vor dem Rufe eines „Nationaljuden im landläufigen Sinne* retten wollen. Zu den wissenschaftlichen und publizistischen Aufsätzen, die diesen Kalender zieren, gehören ferner: Dr. Heinrich Loewes Abhandlung über die „Chalukah* in Palästina und ihre Ausschreitungen, besonders die der deutsch-holländischen; „Unser nationales BewusstFein in Gegenwart und Zukunft" von Dr. Emil Cohn; „Zur Philosophie Ruits" von Martin Joseph; „Aus dem Ghettoleben in Deutschland" von Dr. Max Beermann: „Ein Stück Talmud im deutschen Recht" von Dr. Max Eschelbacher und „Fremdwörter im Hebräischei." von Gotthold Weil. Wir müssen es nur bedauern, im engen Rahmen dieser Besprechung nicht auf den Inhalt aller einzelnen eingehen zu können. lieber die „moderne Jargonskizze" schreibt Zlocisti und gibt uns ein klares zutreffendes Bild von den Leistungen auf diesem, in Aufschwung begriffenen Gebiete der jüdischen Volksliteratur. Die Uebereetzungen aus Asch und Perez bestätigen das, was Zlocisti in seinem Essay über die Jargonskizze schreibt. Dem jung-jüdischen D i c h t e r Z 1 o ci s t i reihen sich in dem Jahrbuche eine hübsche Zahl von Talenten an, deren Lieder unser Gemüt aufs angenehmste bewegen. Eine wahre Perle dichterischer Kraft und philosophischen Gedankenreichtums ist die prosaische Dichtung „Schaddai" von E. L. Auch Morris Rosenfelds Lieder dürften für die Leser eine willkommene Gabe sein* Die gelungenen Reproduktionen von Illustrationen und Porträts, sowie die schöne äussere Ausstattung dieses Kalenders bedeuten ebenfalls einen nicht zu unterschätzenden Fortschritt gegen den des ersten Jahrganges. M.B. Brandeis. Illustrierter israelitischer Volkskalender 5664 1903-1904. Verlag Jakob B. Brand eis, Prag, Zeitnergasse 33. Ein sehr handlicher Taschenkalender, dessen Inhalt ausserordentlich reichhaltig ist. Er zerfällt in drei Hauptteile : 1. Synagogen- und Handelskalender; % Geschäftskalender; 3, Belletristischer Teil (etwas umfangreich .Salon für Unterhaltendes und Belehrendes" betitelt). Der Kalender, der gut und übersichtlich redigiert ist, eignet sich namentlich für alle die Geschäftsleute, welche sich rasch über die wichtigsten Anforderungen des täglichen praktischen Lebens informieren wollen. Die Erzählungen und Biographien sind schlicht gehalten, die beigefügten Illustrationen gut, der Brief des italienischen Kriegsministers an den Herausgeber interessant« Der Kalender kann, was Reichhaltigkeit und praktische Verwendbarkeit betrifft, bestens empfohlen werden. I. Rechenschaftsbericht des Mädchen-u. Frauen-Vereines „Bikur Chaulim" Wien. Feuilleton. Im Staub. Herr! Lange, lange rief ich Dich nicht mehr, Erkannte Dich nicht, wollte Dich nicht kennen, Sprach trotzig : meine Faust sei meine Wehr! Liess lautlos trotzig meine Schwären brennen. — Aus meinen Träumen hab* ich Dich gejagt, Du weisst, o Herr! und meine Stirn erhoben, Und frevlen Munds verlästert und verklagt, Den grossen, blauen, reinen Himmel droben-- Verzeih* mein Gott und Herr! Sieh', zitternd liegt AU7 mein Gebein vor Dir dahingegossen, Der harte Nacken in den Staub geschmiegt, Die stolzen Lider reuvoll zugeschlossen. Hör' mich, o Herr; Du zürnst und schlägst gerecht! Wirf alles in die Winde, was ich bete! Wirf mich in Schmach und Spott! Ich bin Dein Knecht, Und willst Du mich verderben, Herr, so töte! Nur eines, Herr, nur dieses gib, o Gott! 0, löse meinem Volke seine Bande: 0, meinem Volke gib sein Morgenrot, Und seine Freiheit gib in seinem Lande! Israel Auerbach. Gehe zum Pharao. Und Gott sprach zu Moses: Gehe zum Pharao und rede mit ihm, dass er das Volk ziehen lasse. Und Moses machte sich auf, um das Gebot Gottes zu erfüllen. Es waren aber etliche Jünglinge unter dem Volke, deren Weisheit war gering wie die Zahl ihrer Jahre. Die sprachen also zu Moses auf seinem Wege: Gehe nicht zum Pharao; denn er hat viele unserer Brüder und Schwestern getötet; und wird noch viele andere töten aus unserer Mitte in den künftigen Tagen. Und seine Rede ist voll Hohn und Hass. Darum sollst du dich nicht demütigen vor seinem Angesicht. Also sprachen die Jünglinge. Aber Moses schüttelte schweigend sein Haupt und ging aum Pharao. Denn also hatte Gott ihm befohlen. * Es geschah aber am vierzehnten Tage des Monats Nissan desselbigen Jahres, da führte Moses: das Volk aus Mizrajim und dem Hause der Knechtschaft hinaus in die Freiheit. „Jüd. Rundschau/ E. Simonson. Wie ich Zionist geworden bin, Einige Tage vor Beginn des Kongresses kam ich nach Basel. Das erste war, nach dem Stadtkasino zu gehen, Ein merkwürdiges Bild! Ueberall Juden! Juden, die einem grossen Ideal nachstrebten, die auferstanden schienen aus den Geschlechtern, die längst dahin, aus jenen Geschlechtern, die noch von der Zerstörung des Tempels zu erzählen wussten. Eine seltsame Stimmung überkam mich! Ein Stamm, der 1900 Jahre lang seines Glaubens, seiner Abstammung wegen gehetzt und verfolgt wurde, tat sich hier zusammen, als jüdisches Volk, nicht um sich bei den Völkern, unter denen er wohnt, seine Stellung zu verbessern oder zu behaupten, sondern einzig und aliein, um Palästina, dem Lande seiner Väter, seine Treue zu beweisen und zu beraten, wie er den geheiligten Boden jemals wieder betreten könne. Viel arme^Juden sah man dort, die wohl zwei Jahre lang — seit dem letzten Kongress — gedarbt und sichs vom Munde algespart haben, um die weite Reise nach Basel unternehmen zu können und die wohl weiter nichts als diese Kosten aufbringen konnten. Wovon lebten sie dort während des Kongresses? Wenn sich die anderen zu den Mahlzeiten auf der Kasino-Terrasse zusammenfanden, schlichen sie von dannen jn ihre entlegenen Vorstadtwohnungen, um dort vielleicht trockenes Brot

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