Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 40 (30.9.1903)
- Article
- Reise durch Rumänien
- Date
- 1903-09-30
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3315709-3316013-3316060-3337262--43355-3337373- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 6 „bie £ Weit*1 Nr. 40 sagt: 8Unter einem Schmutzigen Gewand wirst du vielleicht oft ein reines Herz finden, aber niemals eine reine Haut", hat nicht immer Recht In den kleinsten jüdischen Städtchen haben die Juden eigene Bäder (Fereden), gewöhnlich russische Schwitzbäder. Die in den Dörfern wohnenden kommen wöchentlich zweimal in das Badstädtchen. Dass es die unwaschbare Kleidung des armen Juden ist, die ihm den Ruf der Unreinlichkeit gemacht hat, beweist der Umstand, dass die stoffkleidertragenden Dorfbewohner, wie der Pfarrer zum Beispiel (Popa), in der rumänischen Literatur als schmutzig geschildert werden. Natürlich gibt es aber auch saubere Popen, wenn sie reich sind. II. Die in Rumänien lebenden Juden werden nach der offiziellen Statistik auf 260.000 Seelen geschätzt. Nach den letzten Auswanderungen werden jetzt nur 225.000 übrig sein. Der grösste Teil davon lebt in der Moldau und nur ein winziger Teil in der Wallachei (Muntenia und Oltenia). Die Moldauer Juden unterscheiden sich von den Wallachen nach ihrer Abstammung. Die Wallachen sind aus Spanien, die Moldauer sind aus Polen. In der letzten Zeit sind mehrere Moldauer Familien nach Bukarest (Muntenia) übersiedelt, aber die Spaniolen halten sich scharf abgesondert von den „Polnischen*. „Der Stolz der Hidalgos", sagen einige schönrednerisch — ich meine, der Stolz der Reichen und die Furcht vor Konkurrenz. Denn die Spaniolen sind im allgemeinen besser situiert, als die anderen. Es sollen sich Spuren der Anwesenheit der Juden in Rumänien aus der Zeit der Dacier nachweisen lassen. Jedenfalls sind die Juden viel früher in Rumänien gewesen, als die jetzigen antisemitischen Kläffer. Tatsache ist es aber, dass viele Juden aus Polen, am Anfange des vorigen Jahrhunderts nach Rumänien eingewandert sind. Die Masse der Juden spricht rumänisch und Jargon. Die jüngeren können auch rumänisch lesen und schreiben, die älteren nur jüdisch. Wie M. Schwarzfeld behauptet, trifft man unter den rumänischen jüdischen Kaufleuten viele, die gute Hebraisten sind. Viele haben ihre Namen rumänisiert; die Anhängsel escu und e anu an jüdischen Namen trifft man oft. Auch übersetzte Namen. Die Zahl der Getauften aber ist gering. Die Männer sind von mittlerem Körperwuchs, kräftigem Knochenbau, mässig entwickelter Muskulatur, blasser Gesichtsfarbe, regelmässigen jüdischen Zügen. Der Typus ist der des schwarzen Juden. Die Blonden und Roten sind selten und meist eingewandert. Die Frauen sind schlank und berühmt durch ihre Schönheit. Das mittlere Lebensalter ziemlich niedrig, um die 30. Die Mortalität hat in den letzten Jahren (akute und chroni* che Inanition, floride Pthysis) stark zugenommen. Die mittlere Kinderzahl pro Familie 3. Die Krankheiten, denen die rumänischen Juden unterworfen sind, sind die Krankheiten der Gegenden, in welchen sie wohnen. Alkoholismus und Syphilis aber, die eine wahre Plage ür die rumänischen Bauern (vide Prof. Babes) sind, fallen bei den Juden fast ganz weg. Der Alkoholismus nicht mehr ganz. Die Pellagra dafür, die Kukuruzmehlkrankheit, hat in den letzten Jahren ihren Einzug auch bei den Juden gehalten. Die Malaria (Sumpffieber) dezimiert die jüdische Bevölkerung. Durch die chronische Kachexie, die sie zurücklässt, öffnet sie den anderen infekftiösen Krankheiten Tür und Tor, in erster Linie der Tu b e r k u 1 o s e. Eine andere grosse Seuche ist das Trachom (egyptische Augenkrankheit). Die meisten akquirierten es beim Militär, wo es nahezu endemisch ist, und tragen es dann in ihre Häuser. Von den nervösen Kränkheiten sind die Neurasthenie und Hysterie ziemlich verbreitet, Psychosen Weniger. Progressive Paralyse etc. in der letzten Zeit in grösserer Zahl, zumeist im Handelsstande, der in dieser Zeit grossen psychischen Krisen ausgesetzt war. Von den Enfcwicklungskrankheiten ist Rhachitis (englische Krankheit) ziemlich häufig. Von den Kinderkrankheiten Skrophulose, lymphatische Dyathese und Anämien verschiedener Art. Neoplasmen (bösartige Neugebilde) in mässig grosser Zahl. Das Heiratsalter ist bei den Männern im Durchschnitt 25 Jahre, bei den Mädchen etwa 19. Nur in wenigen, chassidischen* Familien verheiratet man die Burschen mit 16—18 Jahren, die Mädchen mit 12—14. Bei den rumänischen Juden unterscheidet man vier soziale Klassen: 1. Klasse, die der Handwerker, die zahlreichste. Sie wohnen in den grossen wie in den kleinen Städten und handhaben jedes Handwerk, die anstrengendsten und die feinsten. Die Juden sind: Maurer, Schlosser. Mechaniker, Drechsler, Zimmermaier, Dachdecker, Fassbinder, Uhrmaoher, Sattler, Schuster, Schneider, Spengler, Töpfer, Seifensieder etc. etc. 2. Klasse, der Städtchen bewohn er, die teils Feldarbeiter sind, teils Kleinhandel treiben. In diese Klasse fallen auch die Kleinhändler aus den grösseren Städten, die kleinen Privatbeamten; die letzteren berühren sich aber schon mit der 3. Klasse, der Luftmenschen. Das sind die Trödler der grösseren Städte, die Vermittler etc. Die bilden kaum 2°/0 der rumänischen Juden. In der neueren Zeit hat sich eine neue Gruppe zu den Luftmenschen hinzugesellt. Es sind Maturanten, Absolventen und Diplomierte irgendeiner Fakultät Diese Gruppe ist die traurigste. Dieser Staub der sozialen Energien, die sich zwischfh den fixen sozialen Klassen zerreiben, der vom Winde zu diesem Haufen geführt wird, diese Intellektuellen, die homerische Kämpfe führen, um sich ein Mittagmahl oder einen Schlussrock zu verschaffen, sind ein herzzerreissender Anblick. Die sich in den Strassen einer schlecht administrierten Stadt ansammelnden, unbenutzten Abfallsprodukte sind eine stete Gefahr für die Bewohner. Der kleinste Sturmregen wandelt sie in insalubre Sümpfe, sagt ein französischer Denker. Diese Energien könnten Berge versetzen, wenn man sie ausnützen wollte. Die 4. Klasse ist die am wenigsten zahlreiche. Die Klasse der reichen Juden, grossen Kaufleute, Bankiers, höheren Privatbeamten, reichen Männer mit Titeln. Wir wollen die Lage jeder dieser Klassen untersuchen Th. Plebe. Zion und Ostafrika. In der Wiener „Neuzeit" berichtet Frau RosaFei g e ii-. bäum über den VI. Zionistenkongress und das Ostafrikaprojekt wie folgt: Ich habe eine volle Woche in Basel zugebracht und kenne in dieser Stadt keine, andere Strasse, als die ich täglich einigemale passieren musste, um den Kongress-Sitzungen beizuwohnen, das ist die Strasse von meinem Hotel zum Stadtkasino* wo der Kongress tagte. Fast den ganzen Tag verbrachte ich im Kongresssaale und wenn die offizielle Sitzung geschlossen war, begann die Sitzung der Landsmannschaft, in welcher die Stellungnahme zur Tagesordnung besprochen ward oder hierzu einschlägige Anträge in Beratung gezogen wurden. Voll von all den Aufregungen und Anregungen, die mir der VI. Zionistenkongress geboten, verliess ich das den Zionisten so freundlich gesinnte Basel, ohne nur einen Augenblick Bedauern darüber empfunden zu haben, dass es mir nicht möglich war, die^Q a^i