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Die Welt · 1903-09-30 · 40 (30.9.1903) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
40 (30.9.1903)
Article
Delegiertentag zur Bekämpfung des Handels mit jüdischen Mädchen
Date
1903-09-30
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 40 lfbi$ W^lt11 Seite 5 Mädchen. Haus- und Fabriksindustrie. Darlehenskassen. (Siehe die Jahrgänge der „Welt". Die Red.) Ueber die Gefahren der planlosen Auswanderung sprach Horr P. L a s k a r—Hamburg. Er bedauerte die Auswanderung der dafür ungeeigneten Elemente und beantragte allgemeine intensive Aufklärungen durch die BJätter, das Rabbinat, die Gemeinden und Wohlfahrtsbureaus. Genügende Geldmittel bei der Abfahrt und ein sicherer Empfang von Verwandten sind sehr erwünscht. Der Kongress nimmt hierauf einige zweckentsprechende Resolutionen an, aus denen wir folgende Sätze wörtlich herausnehmen : „Tausende (galizischer Juden) sterben jährlich an Hungertyphus dahin." „In bitterster Notlage kommen viele körperlich, geistig, sittlich immtr tiefer herab.*4 „Der Kampf gegen den Mädchenhandel würde jedoch aussichtslos bleiben, wenn er hinsichtlich der verarmten und verelendeten jüdischen Bevölkerung Galiziens sich nicht auf ein auf breitester Grundlage aufgebautes Rettungswerk stützen könnte, das sich planmässig und unentwegt einer Fülle wirtschaftlicher, moralischer, erziehlicher, ästhetischer und gesellschaftlicher Mittel zu bedienen vermag. Die Anwendung solcher Mittel mussderartig geschehen, dass die Wechselwirkungen einen EinfLuss aufeinander ausüben und sich gegenseitig durchdringen/ Es folgen Detailanträge, Begrüssungsreden und abends eine Fete seitens der Kultusgemeinde Lemberg, am nächsten Abend seitens der Loge. Reise durch Rumänien, i. Ich komme aus Rumänien, aus den dunkelsten Gegenden Rumäniens. Im Norden der Moldau, in der Nähe der bukowinaischen Grenze liegen die judenreichsten Städte und Städtchen Rumäniens. Man hat viel über den Schmutz und die Verwahrlosung der jüdischen Städtchen geschrieben. So viele geistreiche Westeuropäer haben diese „Bemerkung" gemacht, dass sie heute fester steht, als der Ernst jener, von welchen diese Herren ihre originelle Bemerkung abgeschrieben haben. Ich habe diesen Schmutz nicht gesehen, wahrscheinlich weil ich k^in geistreicher Westeuropäer bin. Die kleinen, niederen, alten Häuser unterscheiden sich äusserlich durch nichts von den Wohnungen christlicher armer Leute. Was dem jüdischen Viertel seine Physiognomie gibt, ist die Dichte der Häuser. Wenn man in ein Jadenviertel eintritt, so fällt einem sofort auf, wie eng aneinander geschmiegt die Häuser da sind. Dieses Häusergedränge atmet Unruhe, Furcht; das jüdische Viertel hält jeden in seinem Weg auf, wie ein tragisches Gesicht, das ihm inmitten einer banalen Promenade plötzlich begegnet. Selten mischt ein magerer Akazienbaum seine chlorotischen grünen Blätter unter das Weiss der Wände. Man möchte sagen, die Häuser lehnen sich aneinander an, damit sie einem Feinde, vielleicht dem jähzornigen Wind und der unerbittlichen Zeit, besser widerstehen können. Vielleicht aber einem anderem Feinde, dem sekulären Judenhass, der heftiger als alle Winde und seit langer, langer Zeit gegen jüdische Häuser braust und stürmt, der so viele jüdische Häuser schon erstürmt hat und ach, noch erstürmen wird! „Wir sind Fremde hier", scheint die eine arme Judenhütte der anderen wehmütig zuzuflüstern, „wir sind Fremde hier, Fremde und allein. Wenn die Nacht kommt, die dunkle, traurige, nähern sich uns feindliche Schritte und böse Gedanken umlauern uns. Hilf mir Schwesterchen, wenn die Grausamkeit sich meiner Schwelle nähert, wir sind Fremde hier, Fremde . . .* Die reichen Juden, die den Schutz der Gesetze wirksamer beanspruchen können, sind wie auch anderswo in Europa, aus dem Juden viertel ausgezogen. Die wohnen im Bojarenviertel und wie es schon einmal im Geschmacke der jüdischen Bourgeoisie ist, mit Vorliebe in alten Bojarenhäusern, die sie für hohe Preise kaufen. Die Zahl dieser Juden mit Bojarenhäusern und Bojarenprotektion ist gering- Die grösste Zahl der Juden des Mittelstandes lebt in Miethhäusern. (Als die grosse Auswanderungsbewegung nach Nordamerika im vorigen Jahre und vor zwei Jahren in Rumänien so viele Juden über den Ozean führte, gerieten die moldauischen Hausbesitzer in sehr grosse Geldverlegenheiten und die Zinse sanken um 30 —40°/«,.) Spezifisch jüdisch in Rumänien sind die Chedarim. Auch die kleinsten jüdischen Häuser haben ihre Chedarim. Das niedere, kleine Häuschen brillirt wirklich nicht durch Sauberkeit. Aber da muss man zweierlei bedenken, 1. dass es eine Schule für ganz kleine Kinder ist, die mit der Reinlichkeit gewöhnlich auf Kriegsfuss stehen und 2. dass es eine Schule für armer L^ute Kinder ist. Man muss bedenken, dass dieselbe Volksklasse, die bei den Ju ien ihreKinder in die Chedarim schickt, bei den anderen Völkern nur Analphabeten zählt, die ihre Kinder brutalisieren und alkoholisieren, d e aus ihnen Zoia'sche und Dostoyewski'sche Märtyrer machen. Ich spreche hier natürlich nicht von dem pädagogischen Wert der Chedarim, Es wäre dagegen gar vieles zu sagen. Noch ein Wort über die jüdische Tracht in Rumänien. Die sogenannte polnische Tracht ist seit langem schon abgelegt. Nur in kleinen, chassidischen Nestchen, in der Nähe irgend eines Wunderrabbi z. B. Buhuschi, sieht man vereinzelte Liebhaber der alten Tradition, die aber auch mehr als Protest gegen das heutige gottlose Geschlecht, als aus innerer Sympathie, die Joppe tragen. Die Masse trägt „deutsche" Kleider: färbige, meistens dunkelfarbige Hosen, Gilet und Sacco. Einige, die Städtchen- und Dorfbewohner, tragen im Winter die rumänische Bauernmütze (Caciula, eine aus Schafsfell gemachte, von den Bauern Sommer und Winter getragene Mütze). Die Meisten Hüte. Die Witze über den Schmutz der Ostjuden sind, wenigstens was die rumänischen Juden betrifft, antisemitische und börseanische Dummheiten. Die Bauern, mit welchen man die Juden vergleichen darf (nicht mit den Helden des Herrn Paul Bourget, ich meine was Reinlichkeit der Kleider betrifft), sind nicht um ein Fleckchen reinlicher als die Juden. Die rumänische Bauerntracht besteht im Sommer aus Hemd und Hosen aus groben Leinen. Zu diesen kommt in Winter der Mantel (Suman) und der Pelz (Coje) hinzu. Die Kleidung des Bauern besteht also aus seiner Wäsche, die er jede zweite Woche waschen kann und die er jeden Sonntag wechselt. In einigen Gegenden Rumäniens aber, wo der Bauer sehr arm ist, kann er selbst diese Kleidung nicht rein halten, er hat nämlich kein Hemd zum wechseln. Natürlich macht, wenn so ein armer Teufel mit seinem schmutzigen, einzigen Hemd dem hypereleganten Bojarensohne begegnet, der mit dem Expresszug direkt aus der Rue Drouot zu dem Vater aufs Land gekommen ist, natürlich macht dann die arme Biene keinen angenehmen Eindruck neben der eleganten Drohne. So geht es auch dem armen rumänischen Juden, wenn er einem westeuropäischen Literaten begegnet, der nach Rumänien gekommen ist, um dort sensationelle Romansujets zu finden. Der Jude kann seine Kleider nicht waschen und oft wechseln kann er sie aus Armut auch nicht. Man vergleiche nur die Kleider des Juden mit denen des Bauern, den unwaschbaren Kleidungsstücken, dem Suman und dem Cojoc, und man wird sehen, dass die Juden in den Umständen, in denen sie leben, das grösstmögliche Mass der Reinlichkeit einhalten. Auch die ärmsten Juden haben ein Schabbes-Gewand, das sie jeden Samstag früh anziehen und jeden Sonntag abends peinlich zusammengelegt in den einzigen Koffer zurücklegen, für die kommenden Feiertage. Ah! Die Tragödie eines im Alltagskleid durchgemachten Passahfestes! Der arme, arme Vater, dessen Kinder nichts Neues anzuziehen haben — am Rosen haschonoh! Der geistreiche Amerikaner, der

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