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Die Welt · 1903-09-30 · 40 (30.9.1903) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
40 (30.9.1903)
Article
An den Flüssen Babels
Date
1903-09-30
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 „bis j> weit" Nr. 40 zum denkenden Juden sprechen sie Bände. Er muss sich sagen, dass unzählbar viele blühend junger jüdischer Menschen alljährlich dem sicheren Verderben entgegengehen. Er muss sich fragen, warum sie zum Opfer fallen, trotz der berühmten granitenen Säule guter jüdischer Sitte und jüdischer Familienliebe. Um diese Säule ins Wanken zu bringen, bedarf es einer kolossalen Kraft. Sie wird geliefert von der bitteren Not. Von der Not des Körpers wie der des Geistes. Wo das Sattwerden ein hie erreichtes Ideal ist, übertönt das Klingen der Rubel die Warnungen der Mutter. Wenn die Märchen des Verführers das erste sind, was man von der Welt erfährt, ist der Flug zur erträumten Sonne leicht gewagt. So erhebt sieh der Mädchenhandel als ein riesiger Giftbaum auf seinen endlosen Wurzeln: keine Schule, kein Haus. Solange die Wurzeln fort wuchern, werden sie stets neue Stämme treiben. Der einzig wirksame Kongress gegen den jüdischen Mädchenhandel wäre ein Kongress gegen das jüdische Elend. Darin liegt aber der Hauptfehler der gegenwärtigen Judenpolitik, dass man sieh von den Augen regieren lässt, statt von der Einsicht. Man hört schaudernd von unserem Sklavenhandel und beruft einen Kongress dagegen. Verwundete in Zablotow? Nach, Argentinien! In Dowlais? Nach Kanada! So heilt man bereitwilligst alle Blasen auf der Haut, statt der inneren Krankheit entgegenzutreten. Bereitwilligst wird die silberne Nähnadel geschwungen, um ein Loch nach dem anderen zu flicken, hartnäckig wird sie einer neuen Hülle, versagt. Deswegen wird es noch viele Kongresse wie den in Lemberg geben und noch manche Dowlais und Zablotows. Deswegen werden noch viele gesetzliehe und eigenmächtige Fremdenkommissionen ihres grausamen Amtes walten. Der getreue Trabant des Juden, der Hass gegen ihn, ist jetzt überall zu. furchterregender Grösse emporgewachsen und zertrümmert unbarmherzig Existenzen und unsere heiligsten Güter: Gute Sitte und Selbstbewusstsein. Sollte man nicht glauben, dass dem. allgemeinen Ansturm eine geschlossene Masse der Bedrohten sich gegenüberstellt? Sollte man nicht glauben, dass alle unsere Sprecher und Führer wie ein Mann zur Einigkeit aufrufen? Sollten nicht unsere kleinen Kommandeure ihren unerfüllbaren Traum von der Völkerverbrüderung fahren lassen und wie Brüder zu ihrem Volke stehen? Jetzt könnten doch die angeblich so klugen Juden schon wissen, was sie alle tun müssen, damit ihnen von niemandem mehr etwas getan werden kann. Wein! sagen zu unserer Trauer noch viele, die im Judentum noch etwas zu reden haben. Nein! sagen zu unserem Zorne noch manche, die für das Judentum schreiben. Die für das Judentum reden — sie sind meist für ihre brave Opferwilligkeit, zu der sie befähigt sind, auf die Tribüne gekommen. Ihr Beruf liegt meist abseits von der Wissensehaft des Judentums. Ihre und des Volkes Verführer aber sind jene Söhne des Ghettos, die das Gute kennen und das Schlechte tun. Wer für das Judentum schreibt, hat von berufswegen Erfahrung. Doppelt schlecht, wenn diese den Bau des jüdischen Schutzdammes, den Wiederbau der jüdischen Einheit stören. Doppelt schlecht, wenn sie den ruhebedürftigen Reichen, statt dem hilfebedürftigen Volke dienen. Sie erwerben einen traurigen Ruhm : die Stützen dos Mottos zu sein, das der jüdischen Geschichte in der Zerstreuung vorgesetzt ist, das in diesen Tagen furchtbar zur Geltung kam und dem der energische Kampf des Zionismus gilt : „An den Flüssen Babels sitzen wir und weinen." J. Upfimny. Briefe aus Hornel. i. Die Tage von Kiscfyenew sind zurückgekehrt. Ich glaube, Sie haben über die Judenmetzelei von Hömel gewiss schon etwas gehört. Freitag, am 11. September (29. August a. c.) entstand auf dem Markte eine Schlägerei zwischen Juden und Russen. Viele Juden und Christen stiessen zusammen, Die Russen begannen ihr liebes „Schlag' die Juden" zu rufen und Sie können sich die Stimmung der jüdischen Bevölkerung vorstellen, denen das Bild der Kischenewer Metzeleien vorschwebte. Die Schlägerei begann. Es gab viele Verwundete. Auf russischer Seite angeblich deren mehr als jüdischerseits (ungefähr zehn Verwundete), dazu stellte es sich auch heraus, dass ein Christ getödtet wurde. Wenn Sie wüssten, wie die ganze christliche Bevölkerung in Aufregung geriet, vom Bauer und Arbeiter bis hinauf zu den Staatsbeamten. „Wie? Wagten die Juden sich zu wehren?" Darnach dürfen nur Juden gemordet werden, nicht aber Russen. Die Stimmung der Juden war schrecklich. Das Militär war gerade nicht in der Stadt, sondern im Lager. Am Samstag und Sonntag ging es ruhig zu. Sonntag abends kam das Militär, Die Juden freuten sich, da sie auf seine Hilfe hofften. Man verteilte viele Flugschriften antisemitischen Charakters. Am Montag ging die Metzelei wie in Kischenew los. Die christliche Bevölkerung beschloss wegen des unglückseligen Vorfalls von Freitag, die Juden gehörig zu bestrafen. Wirklich gab es eine Menge Gemordeter, viele Strassen sind ausgeplündert. Man mordete nicht nur im Kampfe, sondern auch direkt auf den Strassen. Die Lage ist furchtbar. Schutz vom nirgends. Man hat uns sogar die Möglichkeit genommen, uns selbst zu wehren. Als Montag um die Mittagsstunde die Bahnarbeiter aus den Werkstätten hinausgingen und die Strasse, die in der Nähe des Bahnhofes liegt, zu plündern begannen, wollten die Juden sich wehren, da stürmten aber die Soldaten heran, stellten sich den Juden entgegen und schössen auf sie. Sieben Menschen fielen auf der Stelle, Verwundete gab es eine Menge. Die Plünderer zertrümmerten einstweilen die jüdischen Häuser und schlugen die Julen, die sich nicht geflüchtet hatten, tot. Die Soldaten und die Polizei verhafteteten alle Juden, die sich zur Wehr setzen wollten. Ungefähr 60 Menschen sind verhaftet worden. Man hat alle durchsucht und verhaftete einen jeden, bei dem man Waffen fand. Von den Russen hat man nur wenige verhaftet. Bis jetzt ist bekannt, dass 15 Juden ermordet wurden. Schwerverwundete gibt es sehr viele. Im allgemeinen sind über hundert Menschen verwundet worden. Vor meinen Augen ermordete man auf unserer Strasse einen alten Juden. Den Gemordeten führten die Soldaten auf einem Wagen fort. Die Hauptstrassen wurden ausgeplündert. Nur die Armen haben Schaden gelitten. Tausende hungern, es ist unmöglich, die Strassen zu passieren. Die Stadt ist leer. Sämtliche Frauen und Kinder und alle, die nur konnten, flohen. Die Geschäfte sind schon seit vier Tagen geschlossen. Es ist keine Hoffnung auf Schutz vorhanden. Die jüdische Selbstwehr hat man verhaftet, geschlagen und gemordet. — Die Lage ist sehr schwer. Man kann täglich die Erneuerung der Krawalle erwarten, und es ist von niemandem Hilfe zu erwarten. Man fürchtet auf die Strasse zu? gehen, die Juden sind vom Leben ganz abgeschnitten. --- # Wir haben noch einen zweiten Brief aus Hornel bekommen, der den eben angeführten bestätigt und in manchen Punkten ergänzt. Er macht auf die feige Haltung der jüdischen Bourgeoisie und auf die mannhafte Selbstwehr der jüdischenArbeiter und der Jugend aufmerksam. Die jüdischen Zeitungen in Russland, speziell der „Hazofe" und der „Fraind" bringen deprimierende Berichte über das Unglück von Hornel. Die Not und der Schrecken sind furchtbar.--- * Von gut unterrichteter Seite erhalten wir folgende Einzelheiten über die Judenexzesse in Hornel: Seit Monaten hiess es allgemein in Hornel, dass die Juden früher oder später von Seite der Christen Feindseligkeiten zu gewärtigen haben. Niemand wusste, woher diese Gerüchte kamen, niemand vermochte den Verbreiter dieser Gerüchte zu entdecken. Aber die Aufregung, welche sich der Juden in RusslanÄ seit Kischenew bemächtigt hatte, erfuhr durch diese Gerüchte nur eine Steigerung. In Hornel tauchten „intelligente0 Personen auf, welche die dortige christliche Bevölkerung und die Arbeiter der Libau - Romny - Eisenbahn gegen die Juden aufzuhetzen suchten. Die widersinnigsten Gerüchte über die Juden

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