Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 39 (25.9.1903)
- Article
- Sir Johnstons Brief an die "Times"
- Date
- 1903-09-25
- Page
- 9 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 39 „bis # weit11 Seite 9 unter den gewöhnlichen Bedingungen sich als Kolonisten in irgend einem unbewohnten Gebiete des Protektorates niederlassen. Es wäre aber unklug seitens des Foreign Office, von dem Standpunkt der Neutralität abzuweichen und an der Gründung eines halb unabhängigen, fremden jüdischen Staates oder Gemeinwesens in Ostafrika oder Uganda mitzuwirken. Solche Experimente sind in ungeheuren Gebieten, wie die Vereinigten Staaten oder Brasilien, zulässig, sie sind aber gefährlich in einem beschränkten Lande wie Ostafrika, das schon zum Teil von kriegerischen, einheimischen Stämmen bewohnt ist. Ich werde nie an das Ende des wahnsinnigen „Freilandttplanes des Dr. Hertzka in Ostafrika vergessen. Die Kolonisten, die sich entschlossen hatten zu bleiben, wurden gesetzlose Freibeuter, die die Eingeborenen beraubten, Kriege unter ihnen provozierten, das Wild, trotz der Gesetze, vertilgten, und dem Sir Arthur Hardinge, damals High Commissioner für Ostafrika, möglichst grosse Unannehmlichkeiten bereiteten. Glücklicherweise wurde einer der schlimmsten von einem 'inspirierten Nashorn getötet. Aber die Negerbevölkerung hält natürlicherweise die britische Regierung für verantwortlich für die Aufführung aller Weissen innerhalb des britischen Schutzgebietes. & Die „Times" verhält sich durchaus ablehnend dem Zionismus überhaupt und speziell dem ostafrikanischen Plane gegenüber* Schon am 28. August schrieb pie in einem Leitartikel: „Wir wollen nicht mit Geringschätzung von den Männern reden, die sich der etwas unbestimmten Sache des Zionismus gewidmet haben. Sogar wenn sie nicht gerade das Ziel erreichen, zu dem sie hinstreben, so leisten sie schon ihrem Volke Gutes dadurch, dass sie die Einigung grosser Massen zu edlen Zwecken bewirken, ihnen mit weitsichtiger Politik beispringen und mit Standhaftigkeit den Verfolgungen trotzbieten. Mari sagt, der Optimismus sei ein Grundzug des jüdischen Charakters. Aber es muss ein zum Wahn gesteigerter Optimismus sein, die enormen Schwierigkeiten, die dem Zionismus im Wege sind, zu ignorieren. Die finanziellen Schwierigkeiten sind sehr ernst ..... Und dann sind auch politische Schwierigkeiten vorhanden. Viele sind für Palästina, aber das ist im Besitz der Türkei .. . Die naturgemässe Wanderung ist die von den armen Ländern in die reicheren. Jeder Plan, °dies Verhältnis umzukehren, muss fehlschlagen . . . Wenn der gewählte Staat irgendwo in Afrika sein wird, so werden die Juden nach Kapstadt, Durban oder Mombassa gravitieren, vielleicht sogar nach Aegypten ..♦Sie werden die Zentren des Handels und des Reichtums aufsuchen . 4 . Man möge wohl ein Experiment in Ostafrika machen, trotzdem es auf grosse Opposition stossen wird, aber der Zionismus möge lieber aufhören, vielleicht für immer....." Im Leitartikel vom 7. 1. M. wendet sich die „Times" wieder gegen den Zionismus und gegen Zangwills Ausführungen. Sie schaut sehr optimistisch auf die Zukunft der Juden in England und sagt: „Die frommen Juden, die in England wohnen, bleiben Sektierer, geradeso, wie die Quäker es sind; ausserhalb ihres Sektierertums haben sie dieselben Interessen, wie ihre übrigen Mitbürger im weltweiten Reiche. Ein kleiner jüdischer Staat in Ostafrika, beschränkt in seiner Tätigkeitssphäre von der englischen Regierung, aber in manchen Hinsichten selbstverwaltet, würde, gedeihen oder scheitern, jenachdem es gelingen würde die jüdischen Fähigkeiten dort geltend zu machen. Uganda würde keinen genügenden Spielraum für Talent und Strebsamkeit bieten ... Es wäre sehr erwünscht, dass man ihnen (den armen Juden) nach einem Lande, Uganda oder anderwärts, auszuwandern helfe, es ist aber sehr fraglich ob man helfen soll, eine Massenemigration zu fördern, und einen eigenen kleinen Staat oder eine eigenes Gemeinwesen zu errichten. Wäre noch im Volke selbst eine Meinungsgleichheit, so könnte man den Versuch mit dem Staate wagen, trotz der zweifelhaften Aussichten auf Erfolg: da aber diese Meinungsgleichheit fehlt, so fehlt das wesentliche Element des Erfolges. Die Bereitwilligkeit der britischen Regierung, Land in Uganda zu verschaffen möge für einen „legitimen" und weniger ehrgeizigen Kolonisationsversuch ausgenützt werden? . / Mr. Lucien Wolf antwortet in der „Times" vom 10. 1. M. auf die Kritik von Zangwill: Mr. Zangwill irrt sich, wenn er meine Feindseligkeit gegen den Ostafrikaplan dadurch erklärt, dass ich „nicht das leiseste Verständnis für die neuen Kräfte habe, die sich im Juden turne entwickeln"* Eben weil ich zu klar die Tragweite des neuen Zionismus erkannt habe, weil ich fühle, dass seine Lehre eine grosse Gefahr für das jüdische Volk berge, habe ich meine Stimme gegen den Plan erhoben. Was ist seine Lehre? Mr. Z an g will vermied es sorgfältig, während seines ganzen beredten Vortrages von Samstag sie zu formulieren, aber die Zionisten in Basel waren nicht so schweigsam. Hier ist sie in wenigen Worten, wie sie von Dr. Max Nordau unter dem Beifall des Kongresses vom 24<. August ausgesprochen wurde: „Ich nehme es als ein grosses Verdienst des Zionismus in Anspruch, dass er dieser Zufriedenheits-Heuchelei und Dankbarkeits-Komödie ein Ende gemacht hat. . . Wir sind nicht zufrieden. Wir halten eine grundstürzende Aenderung unserer Lage für eine Lebens-Notwendigkeit. Nach den demütigenden Erfahrungen, die wir mit den Annäherungsversuchen an andere Völker gemacht, haben wir uns auf uns selbst besonnen und wollen uns in unserer Art, in eigenem Recht, auf eigenem Boden ausleben." Wenn das bloss Rhetorik wäre, würde ich dem keine Bedeutung beimessen. In der Hitze des Kampfes sagt mancher vieles, was ihm nicht einmal einfällt auszuführen, wenn die Stunde der Verantwortlichkeit schlägt. Aber die Zionistentaten sind ebenso unsinnig, wie ihre Worte. Sie haben bei der Regierung Seiner Majestät ein Versprechen erwirkt, den Plan einer Kolonisation zu fördern, wonach eine jüdische Ansiedelung in einer britischen Kolonie auf Basis der Selbstverwaltung zu gründen wäre „mit", um Mr. Zangwill zu zitieren, Jüdischer Home- Rule, jüdischer Nationalität und einem jüdischen Gouverneuru. Ich kann mir kaum einen grösseren Rückschlag jüdischer Geschichte denken, als es dieser Plan ist. Es ist nicht unvernünftig, dass Juden, denen der gebührende, rechtmässige Platz im nationalen Leben der Völker versagt wird, wie in Russland oder Rumänien und vor denen auch die freiheitlicheren Länder gesperrt werden, von der Wiederbelebung eines selbständigen jüdischen Staates auf dem geheiligten Boden Palästinas träumen. Wenn ich manchmal eine Kaltwasserdouche darüber goss, so war es aus dem Grunde, dass ich an der Ausführbarkeit dieses Traumes zweifelte und angesichts der schrecklichen Konsequenzen, des'Fiaskos von Sabbatai Zewi im 17. Jahrhundert nicht ein Mitschuldiger an der Enttäuschung sein wollte, die sicherlich eine Demoralisation zur Folge haben müsste. Aber ich behauptete immer, dass wenn durch eine politische Umwälzung.im Osten Europas es möglich geworden wäre, das heilige Land für einen jüdischen Staat unter dem Schutze der Mächte zu sichern, dann müsste das gesamte jüdische Volk trotz der Schwierigkeit alle seine Kräfte anstrengen, um in einem solchen Staate die nicht assimilierte jüdische Bevölkerung Europas dort anzusiedeln und sie politisch und sozial gedeihen lassen, Das ist aber nicht der Plan, der uns vorliegt. Der Ausgangspunkt der gegenwärtigen Zionisten ist nicht die politische Lage der nichtemanzipierten jüdischen Gemeinden von Russland und Rumänien, sondern eine Kapitulation vor den Verleumdungen der Antisemiten .. .* Nachdem er die weitläufigen Argumente der Theoretiker und Praktiker der Assimilation vorgebracht hat, die in dem Satze gipfeln: was werden u'n sere christlichen Mitbürger sagen, schliesst er folgen der m assen: „Wenn nun eine Aussicht vorhanden wäre, die ostafrikanische Kolonie zum Platze der politischen Unabhängigkeit aller nicht emanzipierten Juden zu machen, mit einer Emigration en gros, in ein legalisiertes Heim in einer absehbaren Zeit, so wäre ich nicht so beunruhigt; aber das ist nicht der Fall. Der ganze Ersatz ist, dass man beiläufig 800 Juden — nicht aus Russland — in Nachbarschaft von Uganda mit 240.000 Pf. St. Kosten ansiedeln wird. Kann es grösseren Leichtsinn geben? Man sagte mir, meine Aufgabe sei eine undankbare, da die Zionisten Idealisten sind. Ich bin schon dieses Liedes vom Idealismus überdrüssig... In dem gegenwärtigen Plane der Zionisten ist nichts von diesem Idealismus (der auf Realem fusst)... Deshalb glaube ich sehr ernst, dass der gesunde Verstand und die öffentliche Meinung des jüdischen Volkes nicht auf seiner Seite sein wird ..(Wir hoffen, dass Mr. Lucien Wolf seinen Kampf gegen den Zionismus fortsetzen wird. Er entwickelt sich durch seine alle denkenden Juden geradezu aufreizenden Argumente zum heftigsten Agitator der Bewegung. Die Red.)