Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 39 (25.9.1903)
- Article
- Die Voraussetzungslosen
- Date
- 1903-09-25
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 39 #lbie & weit" Seite 3 immer die Hauptsache bei derartigen Manifestationen des deutschen Geistes sind, aus: erst flogen die Juden beim feierlichen Eröffnungsahend feierlich hinaus, dann mussten sie, als sie zur Festvorstellung im Theater Karten verlangten, mit langer, oder wie die Gegenseite behauptet, krummer Nase abziehen. Daraufhin verlangten die Juden, um, wenn schon nicht mit ihren Mitstreitern saufen, so doch wenigstens raufen zu können, ritterliche Genugtuung mit den Waffen. Allein die Arier, die ihnen doch schon genug getan, verweigerten diese Genugtuung, indem sie sich auf das bekannte „Waidhofener Prinzip" beriefen, nach' welchem Juden als nicht satisfaktionsfähig erachtet werden. Das ist der Sachverhalt und es wäre lächerlich, aus dieser kleinlichen Angelegenheit eine Staatsaktion zu machen, zumal jeder Kenner der Verhältnisse diese Dinge voraussehen musste, und sich die Assimilationsjuden bei ihren Anbiederungen und Speichelleckereien schon viel gröbere Fusstritte geholt haben. Auch die Frage, welche Stellung die österreichischen Juden gegenüber diesem Universitätsgezänk einzunehmen haben und von vornherein hätten einnehmen müssen, ist schnell beantwortet: vollständige Neutralität ist auch hier, wie bei den meisten politischen Streitigkeiten in Oesterreich, das einzig richtige. Sind doch die Deutschnationalen in demselben Masse Antisemiten wie die Klerikalen, ja theoretisch sogar in einem höheren Masse, da die Klerikalen wenigstens im Prinzip an dem Juden nur die Religion bekämpfen und auf dem Missionärstandpunkte stehen, während die Deutschnat:c:;alen die Juden als Rasse zu vernichten bestrebt sind. Weshalb die Bereitwilligkeit der Juden, sich von den Deutschnationalen als Waffe gegen die Klerikalen gebrauchen — und dann wegwerfen zu lassen, umso widersinniger erscheint. Und die Voraussetzungslosigkeit der Wissenschaft? Ais ob eine deutschnationale Forschung voraussetzungsloser wäre als die klerikale! Ueberall suchen die Deutschnationalen das Verdienst jüdischer Dichter, Denker und Forscher systematisch zu verkleinern und die Bedeutung arischer Pygmäen ins riesenhafte aufzubauschen. Diese Leute leugnen die Bedeutung der Juden für die deutsche Literatur, obwohl man ruhig behaupten könnte, es gäbe in der Gegenwart überhaupt fast keine deutsche Literatur, sondern nur eine jüdische, die leider in deutscher Sprache erscheinen musste, weil die Herren Dichter zufälligerweise ihre Muttersprache verlernt; sie suchen durch Petitionen und Demonstrationen die jüdischen Gelehrten von den Universitäten zu verdrängen; sie verlangen ausschliesslich arische, deutschnational gesinnte Universitätsprofessoren, wie die Klerikalen ausschliesslich christlich-religiöse, und behaupten dann, für die Voraussetzungslosigkeit der Wissenschaft zu kämpfen! Vielleicht wird der Welt einmal eine Hochschule beschert werden, auf der wirklich und wahrhaft voraussetzungslose Wissenschaft und Forschung getrieben werden vdrd: eine Hochschule, an die alle jene Forscher und Gelehrten fliehen werden, die der Antisemitismus von den staatlichen Universitäten ausgeschlossen haben wird, eine jüdische Hochschule, die eine weit grössere kulturelle Bedeutung haben körnte als jene zahllosen berühmten Judenschulen vergangener Zeiten, in denen die Vorfahren jener deutschnationalen Schreier lesen und schreiben lernten, wenn es gerade in der Nähe* Keine Klosterschule gab.-- Bleibt nur noch, um zum Ausgangspunkte dieser Erwägungen zurückzukehren, die Frage offen, welchen Einfluss die Salzburger Blamage auf die fernere Haltung der deutschtümelnden jüdischen Studentenschaft haben wird. Darüber klärt der Schlusspassus eines Leitartikels in einem Prager Blatte auf, in dem der Manager der deutsch-jüdischen Studentenschaft Prags, nachdem er in fünf Spalten eingehend und mit dem ganzen Wortreichtum deutsch-fortschrittlicher Phrasengiesskannen die Geschichte des Ausflugs nach und des Hinausfiugs in Salzburg geschildert, die ungemein tröstliche Versicherung gibt: „An der Haltung der deutschfortschnttlichen Studentenschaft werden die Salzburger Vorfälle zweifellos nicht das Geringste ändern, sie wird gewiss mit iingcmindertem Eifer den Bestrebungen ihre Unterstützung leihen, die auf eine weitere Ausgestaltung der Ferialkurse hinzielen-- Nein, die jüdisch-böhmisch-deutschiortschrittlichen Studenten lernen gar nichts! R. W.-ff. Zion und Ostafrika. Die Redaktion wird in dieser Rubrik in übersichtlicher Weise die Stimmen pro und kontra publizieren, die in den verschiedenen Blättern über diese Frage laut werden, insoweit sie nicht durch ihren Ton eine Publikation aiisschliessen. Auch werden Artikel über das Ostafrika-Projekt erscheinen, damit durch die eingehende Diskussion die Frage nach allen Seiten hin geklärt werde. Wir werden uns der strengsten Unparteilichkeit befleissigen und hoffen, nach einiger Zeit ein klares Bild über die Stimmung aller Kreise des jüdischen Volkes zu erhalten. AM. Warnung. Das ./Israelitische Familienblatt" (Hamburg) ycvöffentlicht in seiner Nummer vom 17. September folgende Notiz: „(Das Ostafrika-Projekt der Zionisten) wirft bereits seine Schatten. Folgende Notiz entnehmen wir den rumänischen Tagesblättern: Eine Gruppe junger jüdischer Handwerker in Jassy hat die Absicht, nach Ostafrika auszuwandern. Vorgestern hirlt die Gruppe in der Synagoge eine Versammlung ab, in welcher beschlossen wurde, Fonds für die Ausführung dieses Planes zu sammeln. Es wurde ferner beschlossen, sich an Dr. Herzl zu wenden und ihn zu bitten, dass er zugunsten der Emigranten bei den englischen Behörden interveniere. Es wäre angebracht, schon jetzt die jüdischen Massen in Rumänien und Russland vor derartigen übereilten Schritten zu warnen, die geeignet sind, die schlimmsten Folgen nach sich zu ziehen.14 Dazu haben wir zu bemerken, dass von Seite der Zionisten alles getan werden rnuss, um jede übereilte Auswanderungliintaiizuhalten. Noch hat der Kongress sich nicht für Ostafrika entschieden. Dr. Herzl hat auf dem VI. Kongresse ausdrücklich erklärt: „Das Zeichen z u m Au f b r u c b w erden und können w i r u n s e r e n Massen daraufhin nicht g e b e n." Es wäre mehr als Leichtsinn, wenn von irgend welchem Zionisten im ausdrücklichen Widerspruch mit den Intentionen unserer Leitung" für eine Auswanderung nach Ostafrika Propaganda gemacht würde. Wir ersuchen sämtliche jüdischen Blätter, von dieser Warnung Notiz zu nehmen. * In der „B a s 1 e r Z e i t u n g" vom 9. September schreibt an leitender Stelle ein Mann, der nach seinen Ausführungen unsere Bewegung kennt — es soll übrigens ein christlicher Nationalrat in Basel sein — folgendes über das Ostafrika- Projekt: „Einen sonderbaren Eindruck macht die Art und Weise, wie man gegenwärtig, und zwar nicht nur von grossjüdischer Seite, die zionistische Bewegung unter der Judenschaft zu diskreditieren versucht. Kaum spüren die Zionisten zum erstenmal Land unter ihren Füssen, kaum ist ihnen dank dem liberalen Entgegenkommen der britischen Regierung die Möglichkeit geboten, ihre Ideen praktisch zu verwirklichen und vor der Welt die Probe abzulegen, ob ihr Programm sich realisieren lässt, oder sich als blosse Utopie erweisen wird, so