Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 39 (25.9.1903)
- Article
- Das Ende des Zionismus
- Date
- 1903-09-25
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 „bi$ & Welt Nr. 39 dass es zu einer grossen Spaltung auf dem nächsten Kongresse kommen werde, richtete die verstörten Gemüter ims<»rer Feinde wieder ein wenig auf. Nun galt es, etwaige Gegensätze zu schüren, gegnerische Aeusser im gen einzelner in ganz bestimmter Weise als Manifestationen von Körperschaften wiederzugehen, die einen gegen die anderen auszuspielen und das alles mit einer Flut salbungsvoller Worte von Fortschritt und Menschentum, von Patriotismus und Byzantinismus gegen Hoch und Xieder zu überschütten, und der Erfolg konnte nach ihrer Meinung nicht ausbleiben, der Zionismus musste zerfallen. Am klügsten aber glaubten es die unter unseren Gegnern anzustellen, die plötzlich Zion entdeckten und in ihrer jungen, unsauberen Leidenschaft für Palästina unsere alte, vielerprobte Liebe verdächtigen zu dürfen meinten. Das waren meist diejenigen, die bisher von Zion nichts wissen und von einem jüdischen Volkstum nichts hören Avollten. Sie nehmen nun mit hochtönenden Worten und grossen Geberden Zion gegen uns gleichsam in Schutz. Diesen Leuten, deren Ileberschlauheit umkippt und sie die lächerlichste Dummheit begehen lässt, vollen wir hier nicht entgegentreten. Wir wollen dieses anwidernde Buhlen, das sie statt echter Liebe dem Yolke zu bieten wagen, nur als das bezeichnen, was es ist: als skrupellose Ii e u c h e 1 e i. Unsere Gegner haben also mit der ihnen eigentümlichen Geschicklichkeit ihr Bestes getan, um jede Spaltung unmöglich zu machen. Die Herabsetzung unserer Lebensüberzeugung, das Verächtliehmachen unseres reinen, von uns mit unserer besten Kraft verfochtenen Ideals, nicht zuletzt die schimpfliche Verleumdung unserer Führer, die von der Niedertracht einzelner versucht wurde, hat uns allen erst recht wieder zu Bewusstsein gebracht, wie untrennbar wir vereinigt sind, wir, die Kämpfer für die Freiheit und Selbstbestimmung unseres Volkes, das wir gegen die verrotteten Vorurteile und die Feindschaft mächtiger Klassen und Cliquen zu verteidigen haben. Wir sind nicht alle einig, ob der uns gemachte Vorschlag zum Besten unseres Volkes diene. Darin aber sind wir alle einig, dass wir für unser Volk das Beste wollen. Wir werden in ernster, vorurteilsloser Beratung, in dem Gefühle einer furchtbaren Verantwortlichkeit, erwägen, ob wir unserem Volke auch ausserhalb Palästinas eine vorläufige oder auch (lauernde Heimstätte schaffen können und. dürfen. AVir wollen, dass alle, denen das Judentum nicht zu einer leeren Phrase, alle, denen das nationale Zukunftshoffen unseres Volkes nicht zum Spott oder Abscheu wurde, wir wollen, dass sie alle wohl mit sich und anderen zu Rate gehen, was in diesem wichtigen Augenblicke zu tun sei. Auf dem nächsten zionistischen Kongresse wird dann, wenn der Berieht der Expedition günstig sein und an den übrigen Voraussetzungen sieh nichts geändert haben sollte, die Entscheidung fallen. Xicht vorgefaßte Meinung und nicht der AYunsch nach einem momentanen. Erfolg oder billiger Popularität werden uns leiten. Wir wissen alle, was auf dem Spiele steht. Niemand wird seiner innersten, schwer erkämpften Leberzeugung untreu werden. Gefestigt, stärker a<ls früher werden wir aus dieser Probe hervorgehen. Möge die Entscheidung wie immer ausfallen, uns darf und kann sie nicht entzweien. Dass sich unsere Feinde unserer Gewissensnot freuen, dass sie darauf die verwegensten Hoffnungen setzen, unsere mühsame Volksarbeit vernichtet zu sehen, ist für uns ein Ansporn mehr, ruhig und unaufhörlich auf dein betretenen AYege fortzuschreiten. Nur eines müssen wir aus dieser Episode wieder lernen : Für uns Zionisten gibt es kein Komproniiss mit den Juden, die unser Volkstum nicht anerkennen. Keinen faulen Frieden mit Leuten, die uns im ernstesten Augenblicke in den Kücken fallen! Unser;Programm ist-fest und klar: Die Schaffung einer öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in P a 1 ii s t i n a. D a v o n w e r d e n w i r ii i c h t 1 a s' s e n. N i ch t we i 1 es ein P r o g r a in m, ~s o n d e r n w e i 1 e s d e r 1 n b e g r i f f unseres Höffens u n d Glaubens ist. Uns National;) uden aber, uns allein kommt die Entscheidung zu, ob wir gegebenenfalls auch ein anderes Zentrum für das jüdische Volk errichten wollen. Die kein jüdisches Volk kennen wollen, haben-auch kein Hecht, in nationalen Angelegenheiten dieses Volkes mitzuraten oder mitzutun. Darum verzichten, wir auf ihren Rat und nehmen den Kampf an, den sie uns bieten. Wir werden ihn, das wissen wir schon heute, in Ehren bestehen. Dr. Siegm. Werner. Die Voraussetzungslosen. (Ein Nachwort zu den Salzburger Hochschulkursen.) Von den zahllosen Blamagen, die sich die Assimilationsjuden tagtäglich im öffentlichen und gesellschaftlichen Leben holen, kommen nur die allerwenigsten zur öffentlichen Diskussion. Die letzte grosse Blamage erlebten sie in Salzburg anlässlich der Abhaltung der Hochschulkurse vom „Verein für wissenschaftliche Ferialkurse in Salzburg". Und das kam so: Die Ultramontanen planen bekanntlich, in Salzburg eine „katholische Universität" zu errichten, ein „Zwing-Uri" freien Geistes und. unabhängiger Forschung, mit ausschliesslich katholischen Lehrkräften, die sich den Dogmen der Kirche bedingungslos zu fügen hätten. Gegen diesen Plan erhob sich alsbald eine heftige Agitation bei den antiklerikalen deutschen Parteien in Oesterreich, ein Schlagwort von der „Voraussetzungslosigkeit *) der Wissenschaft14, das in Berlin aufgeflattert war, wurde aufgegriffen und verwirrte die Köpfe, kurz entschlossen gründete man den „Salzburger Hochschulverein" zur Errichtung eines Konkurrenzunternehmens, einer freien deutschen Universität in Salzburg, und, um dieses Unternehmen zu inaugurieren, einen „Verein für wissenschaftliche Ferialkurse in Salzburg", dessen geistiger Leiter der Wiener Professor Mayer-Lübke ist, einen Verein, der, wie schon der Name besagt, sich die Abhaltung von Ferial-fiochschulkursen in Salzburg zur Aufgabe macht Dieser Verein, der von deutsch-fortschrittlichen Juden nicht nur durch reichliche Geldmittel, sondern auch durch eifrige Agitationsarbeit unterstützt wurde, hielt heuer im Herbst zum erstenmal seine Kurse in Salzburg ab. Natürlich waren zu diesen Kursen eine Menge deutsch-liberaler jüdischer Studenten erschienen, insbesondere von Prag, dem berüchtigten jüdischen „Kampfboden" für Deutschtum und Freiheit, um — wie der beliebte technische Ausdruck lautet — „Schulter an Schulter" mit den andersgläubigen deutschen Brüdern für die gemeinsamen Ideale zu streiten. Nun kommt die Blamage. Denn die deutschen Brüder, die anstandslos (in beiden Bedeutungen des Wortes) das Geld ihrer jüdischen „Mitstreiter", das bekanntlich nicht nach Knoblauch stinkt, in Empfang genommen, waren von der persönlichen Anwesenheit ihrer auchdeutschen Waffenbrüder durchaus nicht entzückt. Und da sie gegen die Teilnahme der Juden an dem wissenschaftlichen Teil der Kurse nichts anderes tun konnten, als möglichst zu vermeiden, neben einem der „Mitstreiter'4 zu sitzen zu kommen, schlössen sie die Juden kurzerhand von allen Festivitäten und Gelagen, die ja eigentlich *) Dieser Ausdruck ist sehr unglücklich gt wählt. Man darf darunter nur die Abwesenheit aller religiösen, politischen und persönlichen Voraussetzungen verstehen, in welchem Sinne der Ausdruck hier weiterhin gebraucht wird. Im übrigen hat jede Wissenschaft ihre Voraussetzungen, weil es keine objektive Erkenntnis gibt.