Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 38 (18.9.1903)
- Article
- Im kommenden Jahr in - Jeruscholajim!
- Date
- 1903-09-18
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 14 „bi* weit11 Nr. 38 zu besinnen und wir zogen hinter dem alten Panier, als wäre es nie anders gewesen. Wir wussten hundert Vernunftsgründe für unser Verhalten: Das stets fortschreitende Elend der jüdischen Massen, die bewiesene Unmöglichkeit der Assimilation, die Notwendigkeit, dem jüdischen Volke eine agrarische Basis zu geben, die Möglichkeit, durch den Zionismus das Dunkel der Ghetti zu erleichtern u. s. w« Im Grunde war es Atavismus, ein Rückschlag in die Gesinnungsweise, in die Lebensanschauung unserer Väter, in die rührenden Träume unserer Jugend. Der latente Zionismus der Jahrtausende war zum Ausbruch gelangt. Das Feld war beackert, daher ging die Frucht so überraschend auf. Welch herrliche Feiertage haben wir dann zusammen verlebt, wie freudig wurden die Neujahrsfeste und wieviel süsse Gaben haben wir nicht der Nation zum Schehechijonu auf den Teller gelegt!! Die köstlichste Frucht am Baume der neuen Erkenntnis war jedoch das gemeinsame Vertrauen, das uns alle umschloss, der Quell warmer Liebe, der aus den verschütteten Tiefen der jüdischen Volksseele aufsprudelte. Wir waren uns fremd geworden. Jeder Staat hatte die Juden in seinem Ebenbilde umgeprägt, das Misstrauen und die Geringschätzung der Nationen untereinander, es hatte auch uns getroffen, der östliche und der westliche Jude, der böhmische und der ungarische, sie hielten sich für natürliche Gegner, sie die doch Brüder von Natur aus sind. Dieses erneuerte Band der Liebe, es hat uns viel Kraft gegeben und Glück gebracht, es hat uns nach innen gefestigt und nach aussen Ansehen verschafft, jenes Ansehen, das unserem Führer gestattet, mit den grossen Weltmächten über das Schicksal des jüdischen Volkes zu beraten. Wie, Menschen beraten miteinander über das Schicksal des jüdischen Volkes und nicht mehr der alte Gott Israels? So sind die Träume unserer Jugend abgewelkt, die Zeit des seligen Glaubens an unsere Bestimmung abgelaufen? Wer sagt solches? Wer unterfängt sich so zu denken? Noch sitzt der grosse Gott Abrahams, Israels und Jakobs, derselbe Gott, der sein Volk aus Mizrajim geführt hat, oben in unsichtbaren Höhen über dem Buche unseres Schicksales, und er schreibt, während wir diese Zeilen lesen, mit tieffurchendem Griffel die Zukunft seines Volkes ein. Immer war Gott zuerst, und immer wird „Er" sein. Die Idee ist ewig —wir alle, die ganz Grossen und die Kleinsten, die Vordersten und die Letzten, wir sind die Diener und Vollstrecker der grossen Idee. Jene, die geführt werden und jene, die führen, sie alle werden von der grossen Idee geleitet, die uns in Liebe vereinigt. Was Menschen zu ihrem Vorteil ersinnen, um ihren Ehrgeiz zu fröhnen, ihren Gelüsten zu schmeicheln, das hat keinen Bestand. Das Reich Napoleons ist in sich zusammengesunken, weil es auf Gewalt aufgebaut war, die keiner Idee diente. Die Römer sind von dem Angesichte der Erde verschwunden, und wir, ihre Sklaven, die Besiegten, die Statisten ihrer Triumphzüge, wir leben und regen uns zu neuem Gedeihen. Und diese Idee der nationalen Einheit, diese Treue zu Zion, die alle Ereignisse der letzten zwei Jahrtausende überdauerte und über die ausgeklügelten Tyranneien ihrer Machthaber triumphierte, sie soll in Gefahr sein, weil man uns eine Zufluchtsstätte anbietet, in der wir uns sammeln, kräftigen, schulen und verjüngen sollen? Keine Missverständnisse zwischen uns in dieser ernsten Zeit, wo jeder Groll aus dem Herzen schwinden soll, wo wir befreit von allen Kleinlichkeiten, gereinigt und geheiligt den Spruch des Schicksals erwarten. — Den Vater haben sie uns frühzeitig ins Grab gelegt, aber aus den Gräbern unserer Väter spriessen uns zionistischen Juden heimliche Kräfte. Wir wissen, dass die Geister unserer Ahnen um uns schweben, wie wir in unseren Kindern leben werden. So wie wir gelernt haben, uns alle als Brüder zu fühlen, so ist das Vaterhaus zur Nation erweitert, die Nation das Vaterhaus geworden. Und wieder ist es die Woche vor Rosch haschono und ich soll meinen Neujahrswunsch niederschreiben. Wie herrlich schon die erste Zeile lautet: Mein geliebtes Volk! Mein geliebtes Volk —--Was nun? Weiter geht's eben nicht. Es lässt sich kaum etwas Höheres und Schöneres sagen. Und es hat wahrlich genug Mühen und Aufregungen, genug Opfer und Demütigungen gekostet, ehe wir diese für uns Juden längst verschollenen Worte niederschreiben durften. Für den ersten Tag wäre das genug. Am zweiten Abend, den Abend des Schehechijonu, liegt eine seltsame Frucht aus Afrika auf deinem Teller. Sage den Segen. Segne den Tag, da nach Jahrtausenden ein Abgesandter deines Volkes von den Machthabern eirer grossen Nation ein Land der Freiheit angeboten bekommt. Es ist ein grosser Augenblick, den alle Zionisten, ja alle Juden von einem Ende der Welt zum anderen gemeinschaftlich feiern sollen. Wenn die Frucht genossen ist, dann reichen wir uns alle die Hände und rufen laut: Leschono habu Beruscholajim. Im kommenden Jahre in Jerusalem. H. York-Steiner. Beschwerdekästchen. Zionlst, Prag: Sie dürfen die Herren Dr. Adler, Austerlitz etc. nicht zu hart beurteilen. Seien Sie überzeugt, dass die jüdischen Generäle der „Arbeiterzeitung" es jederzeit unterlassen haben, sich über den Zionismus gewissenhaft zu informieren und dass sie somit die Bewegung überhaupt nicht verstehen. Bedenken Sie doch, was für eine ungeheuere Arbeitslast auf den Schultern eines solchen armen jüdischen Arbeiterführers ruht! Er muss sein Blatt redigieren, in Versammlungen das klassenbewusste Proletariat durch der Rede Gewalt begeistern, er muss in die oft misslichen Parteiangelegenheiten Ordnung oder den Schein der Ordnung bringen und ausserdem seinen parlamentarischen Pflichten Genüge leisten, er muss die interessanten sozialdemokratischen Vorgänge „im Reiche" und überhaupt die Entwicklungsphasen des Sozialismus in den anderen Ländern mit Aufmerksamkeit verfolgen und — was die Hauptsache ist — er muss Tag für Tag gründlich die antisemitischen Blätter studieren. Alltäglich muss er mit Soigfalt nachlesen, was für einen Sündenpfuh] denn diesmal wieder das „Deutsche Volksblatt*, die „Deutsche Zeitung" u. s. w. innerhalb der Jüdischen Sozialdemokratie4* aufgedeckt haben, und muss mit bekümmerter Miene nachzählen, wie oft das Wort „Judensozi" auf einer Spalte der erwähnten Blätter vorkomme. Wenn Sie sich diesen umfänglichen und dringlichen Stundenplan vor Augen halten, so werden sie es begreiflich finden, dass der jüdische Arbeiterführer, der ohnehin aus den antisemitischen Blättern reichliche Informationen über sein derzeitiges oder verflossenes Judentum schöpft, hienach