Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 38 (18.9.1903)
- Article
- Im jüdischen Verlage [Nachricht]
- Date
- 1903-09-18
- Page
- 13 (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 38 „bie & w^it Seite 13 Bücherwelt. Im jüdischen Verlage, Berlin, Grossbeerenstrasse 75, erschien soeben: Jüdische Künstler, herausgegeben von Martin Buber; Die Juden als Rasse, von Dr. J. M. J u d t; Die Entstehung des Judentums, von S. Lublinski. Besonders das Buch „Jüdische Künstler" eignet sich ganz besonders zu Geschenkszwecken, ebenso wie die früher im gleichen Verlage erschienenen „Junge Harfen", eine jungjüdische Gedichtsammlung (Declamatorium) und „Jüdischer AlmanaehV Von letzterem sind, wie uns mitgeteilt wird, nur noch eine geringe Anzahl zu haben. Zu den bevorstehenden Feiertagen können wir eine Berücksichtigung der vorzüglich ausgestatteten Publikationen des Jüdischen Verlages nur empfehlen. Jüdischer Buch- und Kunstverlag, Brünn. Kalender 5664. Prachtvoll ausgestattet. Preis 1 Krone. Feuilleton. Im kommenden Jahr in — Jeruscholajim! Zwei Knaben — ein dunkelhaariger und ein blondgelockter — zogen der Sonne nach, bergauf, bergab, von einem Dorfe zum andern. Sie blickten prüfend in die Gärten, aus denen die Astern grüssten und die Sonnenblumen leuchteten, sie schauten forschend in die fruchtb-ladenen Baumkronen, hie und da traten sie in ein Gehöft — und endlich gegen Abend wanderten sie mit einem kleinen, sorgfältig gehüteten Bündelchen dem Elternhause zu. Nicht wie gewöhnlich durch das Tor kamen sie, nein, sie schlichen ganz heimlich und fast verstohlen in den langen Hof — spähten nach der Mutter — huschten dann gemeinschaftlich in die Vorratskammer — und erzählten, einer den andern übertönend, dann wieder die Stimme dämpfend, von ihren Abenteuern und von ihren Schätzen. Das war überhaupt eine geheimnissvolle, ereignisreiche Zeit — die Woche vor Rosch haschono. Wir wussten, dass der liebe Gott dort oben über seinen Büchern sass, um die Jahresbilanz zu ziehen, dass er mit einem Federstrich uns zerstören oder beglücken könne, und wir taten sehr ernst. Im Morgengrauen, lange vor Sonnenaufgang zogen wir mit dem Vater zum Bethause, wir beteten lange und innig in dieser schicksalsschweren Zeit, damit der liebe Gott „Gesundheit und langes Leben" in unser „Haben" eintragen lasse. Der Heimweg führte uns über den Marktplatz, wo die Bauersfrauen aus der Umgebung ihre Schätze an Obst und Gemüse ordneten. Wir durften mit thaubedeckten, langen Pflaumen, mit köstlichen Birnen und roten Aepfeln beladen, zur Mutter heimkehren und dort den Lohn für unsere Frömmigkeit schon auf Erden gemessen. Vater wollte von den Früchten nicht kosten; es musste ihn doch etwas zum Schehechionu für den Rosch haschono-Abend bleiben. Wir drängten ihn — listig zur Mutter hinüberblinzelnd. — Was Pflaumen, Aopfel und Birnen? Wir hatten Pfirsiche — 0 ja, feine saftige Spalierpfirsiche und eine duftige Ananasmelone ergattert. Es hat einen vollen Nachmittag gekostet, aber Vater musste eine besondere Schehechionufrucht zum Neujahrsabend bekommen. Das hatten wir stets so gehalten. Welche Zeit voll erregter Erwartungen. Am Neujahrsabend nach dem Kidusch, wenn die Serviette von den Tellern genommen wurde, fielen weisse Brieflein auf den Tisch — mühselig geschrieben, feierliche Wünsche, die wir recht munter hersagten — dann kam am zweiten Abend ein verdeckter .Teller mit den Schehechionufrüchten, Vater versuchte immer zu raten, mit ^as wir ihn überrascht hätteär aber 'es wollte ihm' nie gelingen. Das Schehechijonu wurde gemeinschaftlich gesagt, die Früchte gegessen, und dann, es gab noch eine Steigerung, dann erklärte uns Vater den Sinn dieser Zeremonie. „Wir waren euist ein starkes, gesegnetes Volk, wir hatten eigene Felder, Gärten und Weinberge dort in Erez Israel, wo das „Beth hamikdasch" stand." Wenn das Wort Beth hamikdasch ausgesprochen wurde, dann leuchteten unsere Augen — Beth hamikdasch — das war das grosse einzig schöne Gotteshaus auf dem Berge Moriah. Wir hatten ganz genau gelernt, wie hoch es war, wie breit und wie sein Zierrat beschaffen gewesen. Dieser Bau war für uns das unsagbar Schöne, erfüllt von dem unfassbaren geheimnisvollen Glanz der Gegenwart Gottes, der Schechina. Vater fuhr fort zu erklären, wie die Bauern von Palästina ihre besten Früchte für den Neujahrsabend bereit hielten und dass wir nun im Andenken an unsere eigenen Früchte im eigenen Lande, die gekauften im Golus im Exil verzehrten. Unsere Sinne waren erfüllt vom Glänze des Beth hamikdasch, vom Duft der Granatbäume, wir sahen den Hohepriester in seinen sagenhaft wunderbaren Gewändern, wir hörten die Töne des grossen Schofar und dehnten den wachen Traum bis über das Tischgebet aus, das so voll ist von Anspielungen auf das gelobte Land und auf Jeruschulajim, die Stadt des grossen Heiligtums. Nach dem Essen schwärmten wir weiter von der Herrlichkeit unseres Landes* Wir Kinder wären gar zu gerne zurück nach diesem Zauberlande und wir bestürmten Vater mit Fragen, wie lange noch das Golus zu dauern habe. „Wie Gott es beschlossen hat!" Ja, aber der liebe Gott sitzt heute über seinen Büchern, um unser Schicksal einzuschreiben. Wie wäre es, wenn man ihn recht, recht innig und fest bitten möchte, uns im nächsten Jahr heimzuführen ins gesegnete Land unserer Voreltern? Vater küsste uns gerührt — ja es schien mir, als dränge sich eine Träne, in seine Augen. Um diese Zeit war das Weinen ernster Männer keine Seltenheit, Wir hatten es nie verstanden, das Schluchzen unserer Eltern und Grosseltern an den hohen Feiertagen; nun fingen wir an zu begreifen. Sie trauerten um das verlorene Vaterland. Nach dem Schofarblasen, als die Gemeinde laut ausrief: „Leschono haboo Beruscholajim", da jauchzten wir so laut d'rein, als bedeute die Bitte den Anfang der Erfüllung. Auch in unsere Seele senkte sich der Keim des Leides, wir fanden nun in der Bibelstunde und im Bethause immer wieder Beziehungen zu unserem verlornen Glück. Auch wir fingen an, ein Doppelleben zu führen. Wenn irgend ein Ungemach über uns kam, wenn die Verhältnisse unleidlich schienen, dann tröstete uns Vater mit dem Spruche: Na, auch das geht vorüber. Im nächsten Jahre in Jerusalem. — — — — — So schössen wir langsam in die Höh', während die Wurzeln unseres Wesens sich den Weg ins Erdreich Palästinas suchten. Nach Jahren, nach vielen langen Jahren, da wir meinten, die Eindrücke der Jugend verwunden und vergessen zu haben, entdeckten wir zu unserer eigenen Ueberraschung, dass einige unserer feinsten Wurzelfäden den Weg ins gelobte Land gefunden hatten. Es kam ganz plötzlich über uns. Als die Fahne Zions entfaltet wurde, da wäT es, als erwachten wir aus einem tiefen T^ürhe/' älW^iättfeh^'Wfr. uns,' bloss; auf uns selbst