Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 38 (18.9.1903)
- Article
- Judenexzesse in Zablotow
- Date
- 1903-09-18
- Page
- 9 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 38 „bie & W^lt" Seite 9 darunter ein Schustergeselle tödlich. Der vorerwähnte Qreis hat schwere Wunden am Kopfe und auch ah seinem Aufkommen wird gezweifelt. Durch Zeugenaussagen wird auch vor Gericht erwiesen werden, dass ein Finanzaufseher die Plünderer aufgehetzt hat: Bejte! (schlaget zu!) rief er. Als in Gegenwart des Schreibers dieser Zeilen ein Jude auf diesen Aufseher hinwies, schrie letzterer, an seinen Säbel greifend: „Ich werde euch in Stücke hauen!" (Zeugen sind vorhanden.) Merkwürdig ist das Verhalten der jüdischen „Intelligenz". Dr. R. wollte den Verletzten nicht einmal ein Parere aussteilen. Unter der Bevölkerung herrscht Panik. Der von der Gendarmerie amtlich aufgenommene Schaden beträgt 3000 K-, in Wirklichkeit mehr als das Doppelte. Die allerärmste Bevölkerung ist davon betroffen. In der Hirsch-Schule wurden 14 Scheiben eingeschlagen und der Leiter musste auswärts übernachten. Um 5 Uhr nachmittags war dank dem Einschreiten der zu spät requirierten Gendarmerie die Ruhe wieder hergestellt. Bei den Jahrmärkten sind gewöhnlich 10 000 Bauern anwesend und alles ist glücklich, dass nicht noch mehr geschehen ist. Ein christlicher Geschäftsmann, der sich bei den Tumulten besonders beteiligt hat, wurde zur Anzeige gebracht. Schreiber dieser Zeilen hat am nächsten Tage den Gendarmerie-Wachtmeister zum Schwerverwundeten M. Burg geführt und dieser sagte in seiner Gegenwart aus: „Der Geschäftsmann Michael Krzyriecki hat mich mit einem Scheit Holz vom Wagen geschlagen. Finanzaufseher Skalski hat mich auch geschlagen." Bei dieser Aussage blieb er auch vor der Gerichtskommission (die Herren Richter Obminzki, Kanzlist Rawicz und Dr. Rosmarin). Er wurde vereidigt und an sein wahrscheinliches Ende ermahnt. Auf dem Wege nach Hause prügelten die Bauern noch einen jüdischen Propinationspächter. Jetzt ist wieder Ruhe. Hilfe ist dringend nötig und sind Spenden an Herrn Jakob Pomeranz, Lehrer an der Baron Hirsch-Schule, und an die „Welt" zu senden. * Heute hat sich herausgestellt, dass sogar der Polizeimann Antoniuk Steine geworfen hat. Der andere Wachmann sagte ihm dies ins Gesicht. Herr Dr. Rosmarin verkehrt auch bei Krzyriecki weiter. Von Zablatow nach Kolomea sind im ganzen 25 Minuten Fahrt, und bis nun ist noch keine Verfügung der Staatsanwaltschaft eingetroffen. Die eingesperrten Bauern sind minder schuldig. Die Rädelsführer sind noch immer auf freiem Fusse. Burg liegt im Sterben. Man will aber seine Aussage abschwächen, und da wird zu ihm geschickt, vielleicht habe er sich geirrt, indem er Namen nannte. Sonst ist Ruhe. Von allen benachbarten Städtchen und Bekannten laufen Nachfragetelegramme ein. Heute wurde an Dr. Straucher-Czernowitz depeschiert. Es ist fraglich, ob er kommen wird. Man steht ohne Rechtsschutz da. Ich erfahre soeben, dass ein Schwerverwundeter noch am Freitag nach Czernowitz fuhr, um sich zu retten. Eines seiner Augen ist schon ganz ausgeronnen. Er ist bewusstlos. So erzählten mir seine Angehörigen, die von Czernowitz zurückkamen. Bis jetzt sind 18 Verhaftungen vorgenommen worden. * Auf Anregung des Schreibers dieser Zeilen ging ein Telegramm der isr. Kultusgemeinde an Seine Exzellenz v. Koerber ab. Es wurde zugleich ein Bericht an die Union abgefasst. Man wurde dazu veranlasst, weil das Vorgehen der lokalen Behörden ein ganz laues ist. Untersuchungsrichter sowie andere Richter verkehren bei Krzyriecki, der die ganze Meute anführte. Dieser wie auch Skalzki sind noch auf freiem Fusse......; t . r _;" (.,; :<i " -vÖr. R. wollte ihn nicht besuchen. Das Gerücht: die Juden hätten eine Bäuerin abgeschlachtet, wird noch immer ver- ' breitet. Bezeichnend ist, wie die christlichen höheren Beamten alles aufbieten, um Krzyriecki reinzuwaschen. 50—60 Personen bestätigen, dass Krzyriecki der Rädelsführer war. Herr Gemeinderat-Sekretär Hübscher erzählt mir, Krzyriecki sei in das Haus des Burg eingedrungen, wo er zu allen Bauern gejschrieen habe: Ich weiss, die Juden haben eine Bäuerin abgeschlachtet, wo ist sie? Skalski, der Oberaufseher, stellte sich auf den Tisch mit gezücktem Säbel. Es heisst, dass erst Montag ein Richter aus Kolomea delegiert werden wird. Unter der jüdischen Bevölkerung herrscht Furcht vor neuen Massacres. * Lemberg. (Die Exzesse gegen die Juden in Zablotow.) Die blutigen, gegen die jüdische Bevölkerung in Zablotow gerichteten Exzesse nehmen die Aufmerksamkeit der politischen Kreise auf das ernsteste in Anspruch, weil in denselben nicht bloss ein sporadischer Fall gesehen wird. Nach Informationen von Persönlichkeiten, welche in der Lage sind, hierüber ein Urteil abzugeben, ist dem Zabiotower Vorfall eine symptomatische Bedeutung beizumessen, und haben diese Ex^ zesse als Erscheinungen einer tiefgehenden Agitation zu gelten, welche sich derzeit in erster Linie ge^ii die Juden richtet, sachlich aber sich wohl noch schärfer gegen die besitzenden Klassen .wenden dürfte. Die Vorfälle sind umso empörender, als keinerlei Anlass für sie gegeben war und der Ueberfall auf die jüdische Bevölkerung in Zablotow ganz unmotiviert erscheint, ja nicht einmal ein Vorwand hierfür gesucht wurde. Dass solche Vorkommnisse geeignet sind, die jüdische Bevölkerung des flachen Landes zu beunruhigen, ja alle ernsten politischen Kreise besorgt zu machen, ist offenbar. Deshalb hat de-r Bezirksmarschall des auch die Ortschaft Zablotow umfassenden Sniatyner Kreises, Herr Reichsrats- und Landtägsabgeordneter R. v. Moysa, welcher als Vorstand der lokalen autonomen Behörde am besten in der Lage ist, die betreffenden Vorgänge richtig zu erfassen und zu beurteilen, sich an die Spitze der Deputation gestellt, welche den Statthalter Grafen Potocki um dessen energische Intervention anging. Dieser Abordnung schlössen sich auch sämtliche jüdischen Abgeordneten des Landtages, Dr. Fruchtmann, Dr. Kolischer, Dr. Löwenstein und Dr. Rappaport an. Diese Deputation erhielt aus dem Munde des Statthalters Grafen Andreas Potocki die Versicherung, er habe sich bereits veranlasst gesehen, auf das energischeste derartige Ausschreitungen zu unterdrücken und er werde an Ort und Stelle erscheinen, sowie nur seine amtlichen Obliegenheiten ihm das Verlassen der Landeshauptstadt ermöglichen werden. Die offenen, loyalen und mannhaften Versicherungen des Statthalters machten auf die Deputation den besten Eindruck, umso'mehr, als der Statthalter sich nicht damit begnügte, für diesen einzelnen Fall Abhilfe zu treffen, sondern ausdrücklieh, erklärte, er werde im Einklang mit seinen heute im Landtag abgegebenen programmatischen Erklärungen alle gegen einzelne Bevölkerungsklassen gerichteten feindseligen Bestrebungen rücksichtslos bekämpfen, wenn sie sich auch vorwiegend bloss eine Konfession zur Zielscheibe ausgewählt haben sollten. Die Haltung des Landeschefs macht schon deshalb einen sehr günstigen Eindruck, weil die Verhältnisse hier mit jedem Tage unleidlicher werden und eine ziejbewusste, energische Aktion der Verwaltungsbehörde mehr denn je notwendig machen. " ' 1 („N. Fr. Pr.".) Unruhen in Kalaczkowec. Nach der Judenhetze in Zablotow haben die Bauern eine zweite Judenhetze in Kalaczkowec. gleichfalls im Kolomeaer Bezirke, organisiert, die für den am 14. ds. stattfindenden Jahrmarkt geplant war. Die Bauern von Kalaczkowec begannen aber die Hetze schon Samstag. Es gelang der Gendarmerie,, den Exzess zu unterdrücken. Es wurden bloss drei jüdische Häuser geplündert. Die Bezirkshauptmannschaft hat für den Jahrmarkt nach Kalaczkowec einen Bezirkskommissär mit einer Abteilung Gendarmerie von Kolomea gesendet, und man hofft damit einer Gefahr gesteuert zu haben. Die in jüngster Zeit in der ruthenischen Landgemeinden organisierten Sokolvereine tragen zu der Erregung der Bauern sehr viel bei.