Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 38 (18.9.1903)
- Article
- Die Bedeutung des nationaljüdischen Gedankens für unsere Turnbewegung
- Date
- 1903-09-18
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 8 „bie weit" Nr. 38 Aber wer eine neue Idee gegen alte Vorurteile durchsetzen will, darf nicht anders vorgehen. Kampf ist hier die einzige Vorbedingung des Sieges. Wer Personen und Verhältnisse kennt, der weiss, dass die ungeheure Zähigkeit, mit der der Verein gehalten, verwaltet und in harter Arbeit höhergebracht wurde, unmöglich gewesen wäre ohne die grosse Idee, die hinter jedem der Arbeiter stand. Nicht der turnerische Gedanke — denn der konnte sich erst mit der wachsenden Masse und den wachsenden Leistungen ausbilden — sondern der nationaljüdische Gedanke war die treibende Kraft der jüdischen Turnbewegung. Die weitere Entwicklung übergehen wir mit ein paar Worten. Es strömten auch die zu uns, die wir nicht erwartet hatten, wir erzogen einen Nationaljuden nach dem andern aus ihnen, der „Bar Kochba" zählt nach Hunderten, hier und da und dort sprossten jüdische Turnvereine empor, zum guten Teil aus Schösslingen seiner Kraft. Und nun fühlten wir uns stark genug, uns zu sammeln zu systematischer, gemeinsamer Arbeit. Wieder trat die Frage hervor: Sollen wir den engeren Kreis der nationaljüdischen Turnvereine schliessen oder sollen wir eine breite Basis für alle schaffen? Wieder waren es gute Nationaljuden, die aus Gründen der Klugheit und der Diplomatie eine schärfere Trennung verwarfen, wieder waren es die kühneren, jugendlichen Vorwärtsdränger, die das nationaljüdische Prinzip an die Spitze der neuen Turnbewegung setzten. Und es ist gelungen. Ein Drittel der jüdischen Turnvereine hat sich sofort angeschlossen, das zweite Drittel folgt auf dem Fusse, das dritte folgt zögernd und widerwillig,.aber es muss folgen, wenn es sich nicht von dem pulsierenden Leben der jüdischen Turnbewegung abschneiden will. Ein Verband jüdischer Turnvereine ist ein Unding ohne die nationale Idee. Wofür sollten wir arbeiten, was propagieren? Im einzelnen Verein kann man vielleicht das Turnen so in den Vordergrund stellen, dass es allein alle Arbeit lenkt. Aber gerade der Verband wird ja geschaffen weit mehr, um die Idee unserer spezifisch jüdischen Arbeit zu verbreiten und zur Anerkennung zu bringen, als um Turnerisches im engeren Sinne zu leisten. Jetzt, wo ein neuer, weiter — und noch unabsehbarer — Weg vor uns liegt, bedarf es mehr als je bisher des festen Zieles, und dieses Ziel kann nur sein die Stärkung jüdischer Kräfte zu jüdischer Arbeit, also ein nationales. Das Turnen muss wie bisher ein Mittel zum grossen Zweck bleiben. Das Rückgrat der jüdischen Turnbewegung bleibt der nationaljüdische Gedanke, ohne den sie nicht begriffen werden kann. Dies ist die innere Situation der jüdischen Turnbewegung. Ich habe sie ausführlicher behandelt, weil wir uns über sie ganz klar sein müssen. Der innerlich Gefestigte aber kann von seiner höheren Warte aus das äussere Geschehen mit Ruhe und Sicherheit verfolgen. Sein Entschluss ist schnell und einfach, er braucht nur ruhig seinen Weg weiterzugehen. „Die jüdische Türnerschaft14! Das eine Wort hat unsere Stellung zur Welt mit Zaubermacht verwandelt. Wir waren zerstreute, unbekannte Vereine; jetzt erst sind wir eine Bewegung, der öffentliche Träger einer Idee, mit der sich jeder auseinanderzusetzen hat. Weit hinein bis in die Kreise der politischen Parteien sind wir der Gegenstand der Aufmerksamkeit. Von allen Seiten stürmt die Kritik auf uns ein. Was tadelt sie? Ihr schliesst euch ab, indem ihr euch als Juden organisiert, ihr gebt den Zweifeln an eurem Patriotismus Nahrung, indem ihr mit den Juden anderer Länder in einen internationalen Bund tretet. Ihr lieben jüdischen Turnvereine, die ihr in einen nationaljüdischen Verband nicht eintreten wollt, merkt ihr, dass diese Vorwürfe auch euch trotzdem treffen? Ihr wäret ja auch bereit, mit den Juden anderer Länder zusammenzutreten (ohne das Wort nationaljüdisch!), ihr schliesst euch ja auch von den nichtjüdischen Vereinen scharf ab. Grade die Angriffe unserer — und eurer! — Gegner werden ein guter Wink für euch sein, uns zu folgen, denn ihr seid ja, ohne es freilich zu wissen, auch Nationaljuden. Wir werden von allen Seiten, vor allem von den liberalen Judenfreunden, in den Bann getan. Wir wollen es machen, wie der grosse Spinoza, als er mit dem Banne belegt wurde. Er eriiess einen vorläufigen Protest und dann einen endgiltigen, dauernden, indem er seine gewaltigen Werke schuf. Wir werden auf die Angriffe kurz erwidern — und dann werden wir uns ruhig an unsere Arbeit begeben und sie mit doppelter Kraft fortsetzen. Denn wir wissen ganz genau, was wir wollen, und unsere Gegner können das unmöglich besser wissen. Wir werden ihnen kurz erwidern: Nicht weil wir in der deutschen Turnerschaft verärgert sind, bilden wir eigene jüdische Vereine, sondern weil wir eine grosse positive Aufgabe uns gesetzt haben, die körperliche Regeneration unseres Stammes. Nicht von den anderen schliessen wir uns ab, sondern an unsere Brüder schliessen wir uns an. Das könnt ihr vielleicht nicht verstehen, aber es zu verdammen, seid ihr nicht befugt. Unser letzter Richter sind wir selbst. Viel Feind', viel Ehr'. Je mehr Menschen unsere Bewegung angreifen und missverstehen werden, umso reichlicher Gelegenheit werden wir haben und nehmen, Missverständnisse aufzuklären und Angreifer zu uns herüberzuziehen. Dass es nicht ohne Kampf abgehen wird, wussten wir ja vorher. Wir haben ihn uns ja selbst geschaffen. Aber je höher das selbstgesetzte Hindernis ist, umso gewaltiger wird der Anlauf und Schwung werden, mit dem wir hinübersetzen. Unsere Kraft wächst durch den Kampf. Wir haben uns nun einmal an eine grosse Sache gewagt. Jetzt ist es Pflicht jedes einzelnen, das Gefühl der Verantwortlichkeit in seiner Brust zu verdoppeln. Seit dem Schauturnen in Basel stehen wir vor der jüdischen Oeffentlichkeit, seit dem ersten jüdischen Turntage sind wir ein Faktor in der Judenfrage. Unsere Bestrebungen lenken eigentlich erst jetzt in die Bahn einer grossen Bewegung ein. Es gilt die Flut zu henutzen. Was wird geschehen? Es werden sich jüdische Tarnvereine überall bilden, wo Juden in grösserer Zahl wohnen. Neue Kraft und neues Fühlen wird in die jüdischen Herzen einziehen. Die junge Mannschaft, auch die halbverlorene, wird dem Judentume und seinen Aufgaben zurückgewonnen. Ein immer mächtigerer Bruderbund wird uns umschliessen. Das sind keine Prophezeiungen, das ist nur der Ausdruck unseres Willens. Und wir werden unseren Willen durchsetzen, denn wir sind jung und kraftvoll und überzeugungsstark und opferwillig. Aus Galizien, Judsnexzesse in Zablotow. (Von unserem Korrespondenten.) Freitag mittags kam es während des Marktes zu einem Streit zwischen einem Bauern und einem Juden. Vom Reden kamen die Beiden zum prügeln. Plötzlich lief das Gerücht durch die Stadt: Zyde zaryzaly zinku (die Juden haben eine Bäuerin abgeschlachtet). Sofort wurde losgeschlagen. Ein 74jähriger Greis, in dessen Hause der Streit begonnen hatte, wurde von 200 Bauern auf dem Boden ins Gerichtsgebäude geschleift. Einige Leute, die aus demselben Hause flüchteten, wurden verfolgt und schwer misshandelt unter fortwährenden Rufen, zu sagen, wo die Bäuerin sei. Plötzlich rief einer aus dem Haufen: „Dort im Keller ist sie!44 Der Keller wurde erbrochen und natürlich nichts darin gefunden. Jetzt ging ein barbarisches Wüten in den Strassen an. Scheiben, Türen, Betten, Waren, alles flog aufs Pflaster und wurde vernichtet. Die Menge schwoll inzwischen auf 3000 Köpfe an. Kein Gendarm Hess sich blicken. Fünf Juden wurden schwer verwundet,4