Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 38 (18.9.1903)
- Article
- Französische Zeitungen [Kommentar]
- Date
- 1903-09-18
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6 „We # weit Nr. 38 Strassburg, der übrigens mit „Zioni" unterzeichnet ist. Auch das in Zeichen der Zeit. ^. entschiedener Gegner aller nationalen Bestrebungen nimmt der sozialistische „R e v e i 1 du Nord" (Lille) Stellung gegen den Kongress. Er ist sowohl gegen Palästina als gegen Ostafrika und apeliiert an das jüdische Proletariat, welches er, wie wir hinzufügen müssen, nicht im geringsten kennt, von dessen Aspirationen und heissesten Wünschen er keine Ahnung hat. Dagegen verhak sich die radikale „G i r o n d e" (Bordeaux) sehr sympathisch dem Kongresse und speziell dem ostafrikanischen Plane gegenüber. Eigentümlich ist die Meinung der „Independance Beige" aus Brüssel: „Der Zionismus ist ein Irrtum und die grosse Majorität der Juden, die in den westeuropäischen Ländern wohnen, wo sie nicht Opfer eines Ausnahmeregimes sind (!), treten ihm gewiss nicht bei." Wie deutlich spricht die scheue und besorgte Assimilationsjudenschaft! Und schliesslich können wir auf einen Artikel von Jacques Landau in der „Franc e" verweisen. Er nennt sich einen Positivisten und erklärt, der Zionismus müsse, anstatt zu philosophieren, den Traditionen des alten jüdischen Volkes gemäss handeln, das rächt mehr existiere. Er müsse der Menge die neue Idee (welche?) verkünden, das Werk der Evolution fortsetzen etc." * Russische Presse. Die Petersburger „Nowosti" besprechen sehr wohlwollend und sogar enthusiastisch den Kongress. Die Zeitung billig' t aufs entschiedenste den ostafrikanischen Plan, zollt der englischen Regierung uneingeschränktes Lob und spricht ihre Verwunderung aus, dass die russischen Delegierten dagegen stimmten. Die Zeitung will auch zugleich ihre Priorität behaupten, da sie vor einigen Jahren die Meinung vertrat, man möge die Mandschurei den Juden überlassen, damit „der Wolf satt und das Lamm heil sei". Zugleich meint die Zeitung, alle Regierungen müssten dem Beispiele Englands folgen und den Juden ein freies Land zur Verfügung stellen. Auch die Petersburger „W j e d o m o s t i" befürworten den Plan. Die Zeitung freut sich auch über den Umstand, dass die russische Regierung versprochen hat, den Zionismus zu fördern, was von einer Aenderung der inneren Politik zeuge, die zum Guten führen werde. Die „Wjedomosti" wenden sich schon mit einer Abschiedsrede an die Juden und ermahnen sie mit gerührten Worten, „in ihrem zukünftigen Vaterland an ihr altes nicht zu vergessen" .... Die „M o s k. W j e d." (Moskau) ist sehr besorgt, wie die Juden in Palästina reden werden. Sie widmet dieser Frage einen langen, witzig sein sollenden Artikel, der über den Kongress handelt. Ueber diese abgeschmackte Stilübung ein Wort der Kritik zu verlieren, wäre eine Sünde. Die „Nowoje Wremja" bespricht sehr eifrig den Kongress, und zwar von ihrem Standpunkte aus. Sie wendet sich gegen das ostafrikanische Projekt und erklärt es für eine Chimäre. Indem sie nach ihrer Art die Juden und alles Jüdische mit Verleumdungen und Beschimpfungen begeifert, sagt sie u. a.: Wo ist denn die „Befreiungstat Englands4' (Bezieht sich auf den Artikel der „Nowosti4'). Ist sie etwa darin, dass es den Juden ein ihm nur nominell angehörendes menschenleeres und unkultiviertes Wüstenland zur Ansiedlung gibt, und zwar nicht als Eigentum, sondern als autonome Provinz, wenn auch mit einem jüdischen Gouverneur an der Spitze? Schliesslich wird hier England kein schlechtes „Geschäft" machen. Kurz, die „Now. Wr." ist gegen Uganda, aber gegen Palästina noch viel mehr. „Den Juden Palästina weggeben, hiesse viele Jahrhunderte aus der Geschichte Europas wegstreichen, eine der Aufgaben des moderne« Christentums •ausmerzen.44 Der „W i 1 e n s k i j W j e s t n i k" enthält stenographische Berichte über die Sitzungen des Kongresses, wobei dieses russische Blatt in Worten grosser Bewunderung von den Erfolgen des Zionismus spricht und der jüdischen Befreiungsbewegung eine gute Zukunft voraussagt. Im „ii a m e 1 i z" (Petersburg) nimmt M. L. Lilienb 1 u rn, einer der ältesten Zionisten Russlands, Stellung zur Ostafrikafrage. Er sucht für das plötzliche Auftauchen dieses Ansiedlungsplanes eine psychologische Erklärung, die darin liegt, dass die Zionisten, der Kleinarbeit und des Geldsammelns müde, ungeduldig grössere Resultate sehen möchten. Besonders drängten die traurigen Ereignisse in Kischenew zu einer raschen Entscheidung und diese bot sich ihnen dar in dem Anerbieten von Ostafrika. Der Führer der Zionisten durfte in folgerichtiger Konsequenz seiner diplomatischen Bemühungen dieses Anerbieten, um dessentwillen er mit Chamberlam in Verhandlung getreten war, nicht rundweg ablehnen. Was aber veranlasste den Verfasser von „Altneuland44, an Ostafrika zu denken? Es ist die betrübende und beschämende Tatsache, dass das jüdische Volk nicht die nötigen Mittel aufbringen konnte, um sein historisches Vaterland auszulösen. Die Grossjuden hielten den Führer, der dieses Unternehmen eingeleitet, für einen Utopisten und Träumer, wenn nicht gar für einen Verführer. Zur Ehre und im Interesse der zionistischen Bewegung musste der Führer zeigen, dass er nicht Träume, sondern Taten aufzuweisen habe. L. sucht ferner zu erklären, weshalb die verschiedenen Parteien auf dem Kongresse in der Ostafrikadebatte mit „ja44 gestimmt haben, und wirft zum Schlüsse die Frage auf, wie sich die „zionistischen44 Zionisten verhalten sollen, wenn die Expedition ihre Arbeit vollendet haben wird. Diese dürften — nach L.'s Ansicht — nicht die afrikanische Kolonisation zurückweisen. Die Zionisten dürften aber nicht den Schein aufkommen lassen, dass sie im Namen des ganzen Volkes zu sprechen berechtigt sind, solange sie nicht das ganze Volk darum befragt haben. Sie haben auch nicht das Recht, dem Volke zu raten: Duldet, ertraget alle denkbaren Leiden und Verfolgungen, bis wir euch Zion wiedergeben. Jedenfalls muss zugegeben werden, dass es für die Erhaltung unserer Nationalität besser ist, wenn unser Volk irgendwo ein autonomes Zentrum findet, als wenn es sich nach allen Windrichtungen planlos zerstreut. Wenn aber ein solches Zentrum geschaffen wird, fürchtet Lilienblum, könnte unsere Hoffnung auf Zion darunter leiden. Er glaubt wohl der Versicherung Dr. Herzls, dass er die Arbeit für Zion weiter unermüdlich fortsetzen wolle, aber das Volk würde, wenn es einmal irgendwo ein autonomes Heim haben wird, an Zion nicht denken. Verfolgte und leidende Juden würden dorthin ziehen und dieses Heim nicht mehr verlassen wollen, um nach Zion zu gehen. Es könnten dann die „Juden44 den Namen „Ugander44 annehmen, gleichwie die holländischen Kolonisten Südafrikas nicht mehr „Holländer", sondern „Buren44 heissen. Lilienblum schliesst mit dem Verlangen, die ostafrikanische Besiedelung möge nicht im Namen des Zionismus unternommen werden, denn dieser hat ein ganz anderes Ziel , vor sich. Er trägt sogar kein Bedenken, wenn diese Besiedlung durch Nichtnationale und Nichtzionisten ausgeführt wird, dass der nationale Geist darunter leiden könnte. Er fürchtet bloss, dass das Gelingen von Uganda das Volk, von Zion abwendig machen werde und dies würde einen traurigen Abschiuss der jüdischen Geschichte bedeuten. Zeitungsstimmen. Bisher sind uns folgende Zeitungen bekannt geworden, die über den VI. Kongress zumeist täglich und in ausführlicherer Weise berichtet haben: Neue Preussische Zeitung, Allgpmeine Zeitung, National-Zeitung, Post, Berliner Neueste Nachrichten, Berliner Börsencourier, Vossische Zeitung, Staatsbürger - Zeitung,