Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1903-09-11 · 37 (11.9.1903) · p. 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
37 (11.9.1903)
Article
Zum sechsten Zionistenkongress in Basel
Date
1903-09-11
Page
15 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3316013-3316057-3336805--43071-3336879
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 37 „bis # w^it" Seite 15 hat sich der Mannschaft Verzweiflung bemächtigt. Wieder zerren sie in einzelnen Gruppen an den Tauen. Sadduzäer und Pharisäer, Chassidäer und Essäer, Zeloten und Sikkaricr! Und hoch oben stehen zwei Führer, leibliche Brüder, Söhne desselben Vaters und derselben Mutter, Hyrkan und Aristobul! Hoffnungsvoll blicken sie aus, und der Aeltere beugt sich zu den Verzweifelten und ruft: „Koma!" Aber wieder schlägt eine mächtige Welle über das Schiff und, wieder ein Wrack geworden, gleitet es über die wogende See! Jahrtausende vergehen, die Mannschaft hat sich in das Innere des Schiffes geflüchtet und dort erwartet sie seine Ausbesserung von Aussen. Aber die Zeit fliesst dahin und noch immer bleibt die Hilfe aus! . . . Plötzlich ermannt sich die Jugend, in ihrer Mitte werden schon lange, lange nicht gehörte Worte wieder wach: „Nur Falsches haben uns unsere Väter vererbt, eitles Nichts, das gar nichts nützt!" Und fleissig und unermüdlich ist sie um die Wiederherstellung des Schiffes bemüht. Hoch oben auf der Kommandobrücke steht wieder der Führer und ihn umgehen seine erprobten Getreuen und rufen weit in. die Welt hinaus: „Unser Ziel ist der Osten, dort liegt unsere Zukunft!u Und die Mhnnschaft? .... In zahlreiche Parteien und Schattierungen ist das jetzige Judentum gespalten, da gibt es Orthodoxe und Ontodoxe, Konservative und Informierte. Ja! Wären die Sitten und Gebete und Gewohnheiten dieser Parteien nicht ein „Gebot von Menschen erlernt". Wüssten sie sich beispielsweise ^Rechenschaft abzulegen, was und wofür sie dreimal täglich beten, sie würden sich wahrlich nicht der Jugend hindernd in den Weg stellen, wenn diese die weissesten Wünsche ihrer Nation in Wirklichkeit umzusetzen sich bestrebt. Unsere Weisen erzählten folgendes: „Es war einst an einem regnerischen Tage, da wollten die Alten nicht ins Versammlimgshaus, um Bat zu pflegen. Da kam ihnen die Jugend zuvor und sprach: „Wir werden uns ein Versannulungsbaus gründen, wo die Beratung nicht unterbrochen wird." Und wir haben uns ein solches gegründet und zum sechsten Male hat man dort bereits getagt. Trostlos blickt das Judentum in die Vergangenheit! Hoffnungsvoll wendet es sich der Zukunft zu! „Es war einmal ein grosser König, der hatte drei Freunde. Da geschah es, dass er einen Platz wieder eroberte, den vor vielen, vielen Jahren die Feinde seinen Vorfahren geraubt hatten. Hoch erfreut beschloss der König, einen Palast auf diesem Platze zu erbauen. Er legte dem ältesten seiner Freunde diesen Plan vor, der aber sprach: „Ich denke noch der Zeit, als dieser Platz ein Berg war, aber Unglück nur hat er deinen Ahnen gebracht, baue nicht auf ihm!u Der König kam zum zweiten, der sprach : „Ich denke noch der Zeit, als dieser Platz ein fruchtbares Feld war, aber da er eine Wüstenei geworden, so wird er dir kein Glück bringen!" Der König kam zum, dritten, der sprach : „Einst hat das Gotteshaus deiner Ahnen auf diesem Platze gestanden. Auf! Erbaue einen Palast,-der nie mehr wanken soll!" Hoch erfreut antwortete ihm der König: „Bei deinem Leben, schwöre ich, ich werde den Palast erbauen und werde ihn nach dir benennen!" Vertrauensvoll hat sich das Judentum an seinen ältesten Freund, an das Altertum gewendet, und Hadrian hat ihm einen öden ausgebrannten Palast auf hohem Bergesrücken gezeigt. Trauernd hat es sich an das Mittelalter gewendet und trotzig zeigte ihm dieses ein von Kreuzfahrern vernichtetes Gefilde, eine Einöde. Aber hoffnungsvoll wendet sich- Israel, an die von nationalem Selbstbewusstsein erfüllte .Neuzeit und diese zeigt ihm auf gewesene Ruinen, auf gewesene Einöden, .jetzt in herrlicher Blüte prangende Gefilde und das Losungswort dieses jüngsten Freundes heisst: „Freiheit — Vaterland — Zion \u Und diesem Freunde ruft das Judentum zu: „Wir schwören, dass wir das alte vernichtete Vaterland wieder errichten werden und sein. Name sei — Zion! Dr. S. 0..... Sem und Harn. Auf einem Vorsprung des Berges Ararat lagen Sem, Harn und Japheth und sahen hinaus in das Land. Von fernher aus den Weinpflanzungen des Berges ertönte ein rauher schleppender Gesang: Vater Noah gab dort seiner heiteren Laune in einem Liedlein Ausdruck. Morgen wollen die drei Brüder den Wanderstab auf den Boden setzen und fortziehen, der eine dahin, der andere dorthin, jeder in den verheissenen Erdenteil. Sem war in grosser Unruhe, er drehte ungeduldig in seinen Händen den langen gekrümmten Wanderstab, in dessen Rinde fromme Zeichen eingeschnitzelt waren. Harn blinzelte träge durch halb geöffnete Lider. Japheth hatte sich aufgerichtet und betrachtete, den Rücken den Brüdern zuwendend, mit kaltem prüfenden Blicke das weitgedehnte Gelände. Sein Stab war knorrig und wie eine Keule plump, und es waren daran die Flecken vom Blute erschlagener Tiere. Da erklangen schlürfende Schritte und hinter dem Fels zur Rechten der Brüder tauchte die steinalte Näema auf, die das Auge hatte, die Nebel der Zukunft zu durchdringen. Noah hatte das vielhundertjährige Mütterchen über die Sintflut herübergerettet, die Alte zusammen mit einem weisen flügellahmen Raben, der gleichfalls mit Krächzen und Hüpfen das Kommende vorhersagen konnte. Denn Gott hatte dem Noah befohlen: „Du sollst in den Kasten tun allerlei Tiere von allem Fleisch, je ein Paar, Männlein und Fräulein." „Wir wollen uns von ihr weissagen lassen!" rief S e m. Er weilte gern in Gegenden, die abseits vom Heute liegen. Japheth sah geringschätzig über die Schulter nach den Brüdern, erhob sich, reckte die massigen Glieder und schritt stumm von dannen. „Er wird dich losreissen von deinem Boden1" sagte die Alte mit zittriger Stimme zu Sem, auf den Fortschreitenden deutend, „er wird dich gegen Abend schleppen und deine Teile verstreuen über sein Land. Und dein Blut wird an seinem Stabe kleben." Sem bedeckte das Gesicht mit den Händen und stöhnte. „Und auch dich wird er gegen Abend führen," wendete sich die alte N a em a an Harn, „und du wirst dich zu seinen Füssen in Fesseln krümmen und dein Schmerz wird rasend aufschreien zum Himmel." Harn war emporgeschnellt, hatte ein Felsstück aufgerafft und spähte mit lodernden Augen nach Japheth aus, der aber war schon tief unten in der Ebene, guten Mutes ausgreifend mit rüstigen Schlitten. Der Felsblock fiel weit hinter ihm krachend zu Boden, und Japheth kehrte nicht einmal den Blick rückwärts. „Ihr sitzet heut nebeneinander." sagte das Mütterchen, „und morgen werden euere Wege sich scheiden. Aber es wird ein Morgen kommen, da ihr wieder nebeneinander sitzet. Wieder auf einem hohen Berge zwischen zwei grossen Wässern, dort, wo der Erdgürtel sich am stärksten weitet und die Erde mit mächtigster Sehnsucht hinausstrebt in den Himmel."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.