Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 36 (4.9.1903)
- Article
- Bericht über den jüdischen Nationalfonds
- Date
- 1903-09-04
- Page
- 10 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 10 „bie # weit11 Nr. 36 Wenn man bedenkt, dass bei einer einigermassen intensiven Agitation für den N.-F. wir bis jetzt ein Mehrfaches der ausgewiesenen Stimme leicht hätten erreichen können, so müssen wir unser Bedauern ausdrücken, dass die meisten Landsmannschaften trotz unserer vielfachen Anregungen und Aufforderungen die Idee und Bedeutung des N.-F. nicht in geeigneter Weise verbreitet und populär gemacht haben. Es ist viel über den N.-F. gesprochen und thecretisiert, aber leider nicht in entsprechendem Masse praktisch gearbeitet worden. In Russland z. B. kommen auf jeden Kopf der jüdischen Bevölkerung für den Zeitraum von 19 Monaten 2 Kopeken als Gesamtbeitrag für den Jüdischen N.-F. (das ist inklusive der Spenden für das Goldene Buch). Wir müssen dabei anerkennen, dass an einzelnen Punkten sehr fleissig gearbeitet wurde, dort blieb auch der Erfolg nicht aus. Ich vermeide es, mich in eine Kritik der einzelnen Länder einzulassen. Die tabellarische Zusammenstellung zeigt, in welchen Ländern fleissig gearbeitet wurde, und wenn jemand die Zahl der jüdischen Bevölkerung mit dem Ergebnis der Sammlungen für den N.-F. des betreffenden Landes vergleicht, wird er auch leicht die Agitationstätigkeit der betreffenden Landeszentrale selbst ermessen können. Aus den in einzelnen Distrikten gesammelten Erfahrungen kann mit Sicherheit angenommen werden, dass bei systematischer und andauernder Arbeit für den N.-F. zumindest das Zehnfache des jetzigen Resultates jährlich erzielt werden kann. Das Ideal der Beteiligung des jüdischen Volkes an den Spenden für den N.-F. wäre freilich, dass auf jeden Juden durchschnittlich pro Woche mindestens 1 Kreuzer, 1 Kopeke etc. entfällt. Wir hätten dann, angenommen die Gesamtzahl des jüdischen Volkes mit ca. 12,000.000, ca. 12,000.000 Francs pro Jahr für den N.-F., was auch gar nicht in den Grenzen der Unmöglichkeit liegt. Wenn auch praktisch nicht jeder Jude 1 Kreuzer pro Woche zahlen kann, so gibt es doch viele, die mehr als diese Summe gerne zahlen würden, wenn sich Sammler fänden, die wöchentlich die Beiträge einsammeln. Von der grossen Zahl der Sammler hängt eben der Erfolg des N.-F. ab. Je grösser die Zahl der Sammler, desto grösser und sicherer wird der Erfolg sein. Dies können wir nicht oft genug wiederholen. Sache der Landeszentralen muss es sein, hier einzusetzen. Gestatten Sie mir, dass ich mein Referat ungefähr mit denselben Worten wie bei der letzten Jahreskonferenz schliesse. Wir müssen vor Allem in Sachen des N.-F. jede Differenz, jede verschiedenartige Anschauung, alles was uns trennt und schwächt, beiseite lassen und unsere ganze Kraft für die rapide Entwicklung des N.-F. einsetzen. Wir müssen uns mit weniger Theorie, aber desto mehr Fleiss nicht nur an die Zionisten der ganzen Welt, sondern auch an sämtliche Vorsteher jüdischer Gemeinden, alle Rabbiner (orthodox oder neolog), an sämtliche Korporationen und Private, die ein Herz für unser Volk bewahrt haben, welcher Ansicht sie auch bezüglich des Endzieles des Zionismus sein mögen, mit der dringendsten Bitte wenden, den N.-F. zu unterstützen. Vor allem brauchen wir Land für die entnervten Massen unseres Volkes! Wenn wir auch manchmal tauben Ohren predigen werden, dürfen wir uns doch keine Mühe verdriessen lassen. Wir stehen im Dienste unseres Volkes und vergeben uns nichts! Wir dürfen nichts verabsäumen, für unser Volk einen Erfolg herbeizuführen, und haben wir einen solchen erzielt, so werden wir durch solche Tatsachen einen weiteren Teil der Judenschaft für uns leichter gewinnen. Jeder von uns muss immer bereit sein, dem Gesamtwohl zuliebe, wenn es sein muss, ein kleines Opfer persönlichen Empfindens zu bringen, um unser, unglückliches Volk einer besseren Zukunft entgegenzubringen. Die bisherige Sammlung hat uns den erfreulichen Beweis erbracht, dass wir den N.-F. sehr schnell gross haben können, wenn wir wollen, dies aber nur durch eine auf breiter Basis aufgebaute, intensive Propaganda, durch ein Netz von fleissigen Arbeitern, dessen Maschen in das kleinste Nest, wo Juden leben, reichen, durch zielbewusste, unverdrossene, ungestörte Arbeit. Dass dem so sein wird, wollen wir hoffen und das walte unser alter Gott. Konflikt zwischen irischen und jüdischen Arbeitern. (Während des Druckes eingelangt.) London, 3. September. ,,Daily Express" meldet: Eine bedrohliche Situation besteht zu Dowlais Merthyr-Tydfil (in der Nahe von Oardiff) infolge der Antipathie der irischen Arheitor gegen die polnischen Juden. Letzten Montag wurden zwei Juden angegriffen und Dienstag zwanzig in der Haiiptstrasso belästigt. Einer der Juden leistete entschlossen Widerstand, aber der Andrang weiterer Gegner zwang ihn zum "Rückzug, nachdem er schwere Verletzungen erlitten. Es waren auch andere von der Partei verwundet worden. Als sie später zur Fabrik znrückkelirten, stiosson sie auf eine feindselige Menge und mussten an einem versteckten Ort über eine Mauer zur Arbeit gelangen. Jetzt weigerten sieb die ortsansässigen Arbeiter, mit ihnen zu arbeiten. Abends wurde einer der Juden beim Broteinkauf schwer misshandelt und mit Füssen getreten und sonst verletzt. Die Polizei intervenierte. Die einheimischen Arbeiter zogen vor die Hänser, wo sie Juden vermuteten und bewarfen sie mit Steinen. Mittwoch hielten es die Juden, 300 an der Zahl, für angezeigt, die Arbeit einmütig niederzulegen, aber die Fabriksleitung sendete nach ihnen und unter dein Schutze einer grösseren Polizeit nippe konnten sie den Tag unbehelligt verbringen. Es kamen keine weiteren Störungen vor. Wie das genannte Blatt versichert, werden die dortigen Juden als nüchterne und zuverlässige Arbeiter gesehätzt. Die ansässige Judenschaft hatte bereits Unterhandlungen angeknüpft, um die jetzt angegriffenen Ein-