Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 6 (29.8.1903)
- Article
- Ein Brief Dr. Gasters
- Date
- 1903-08-29
- Page
- 15 (sequence 2)
- Language
- German
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No. 6 Separat-Ausgabe. „Die Welt" Seite 15 muss eine endgiltige sein. Sie muss die religiösen Bestrebungen und das religiöse Sehnen der Vergangenheit verwirklichen, und die soziale Lage der Juden in der Gegenwart sichern. Jede Abweichung von diesem Programm, wenn auch nur um Haaresbreite, bedeutet das Aufgeben des fundamentalen Prinzips des Zionismus. Abhilfe durch Kolonisation in grossem oder kleinem Masse muss speziellen Organisationen überlassen werden, die mit dem Zionismus nichts Gemeinsames haben. Und mag auch ihr Werk von temporären Charakter sein, so ist es nichtsdestoweniger lobenswert. Unser Ziel ist nicht, einen unbedeutenden Staat zu schaffen. Das hiesse mit Worten spielen und mit heiligen Idealen Scherz treiben, wollte man vom Zionismus ausserhalb Zions sprechen und von einem Lande für Juden ausserhalb des heiligen Landes. In dem britischen Reiche, wie auch in den Vereinigten Staaten herrscht ein wahrer Geist der Gerechtigkeit und Freiheit. Wir setzen das vollständigste Vertrauen in ihre Gesetze und in die wundervolle Art, wie diese Gesetze angewendet werden. Das höchste politische Ziel eines Juden sollte unter den gegenwärtigen Verhältnissen eher sein, ein Bürger des britischen Reiches oder der Vereinigten Staaten zu werden, als der eines unbedeutenden Kleinstaates, auch wenn er innerhalb deren Jurisdiktion oder unter ihrem Schutz steht. Das ist ein Anachronismus. Das ist eine Travestie auf das nationale Leben unserer Hoffnungen und Gebete. Es ist den Prinzipien des Zionismus diametral entgegengesetzt. Eine Politik der Verzweiflung oder Ungeduld kann nicht gestattet werden. Es ist auch noch gar kein Grund zur Verzweiflung vorhanden. Und haben wir auch noch manche Jahre länger zu warten, was bedeuten diese im Vergleich mit den Jahrhunderten der aufrechterhaltenen Hoffnung und der ausdauernden Geduld? Die Zukunft gehört denen, die warten und arbeiten. Die Zukunft gehört uns. Und sind auch unsere Bestrebungen, ein gesetzlich gesichertes Heim in Palästina zu errichten, ein- oder zweimal fehlgeschlagen, so hat das wenig zu sagen. Wir sind des Erfolges sicher. Die Geschichte deutet in diese Richtung. Die Prophezeiungen deuten in diese Richtung. Das göttliche Versprechen deutet in diese Richtung. Wir müssen uns an Zion klammern. Wir müssen uns stets die Losung vor Augen halten: „Wenn ich Dein vergesse, Zion, soll meine Rechte verdorren. . . . Wenn ich Jerusalem meiner höchsten Freude nicht vorziehe." London, 2. EM 5663. Der Ihrige 25. Aug. 1903. M. Gaster. Judenmuskeln» Wer die Entwicklung der zionistischen Bewegung mit einigermassen aufmerksamen Blicken verfolgt hat, der kann unmöglich den engen Zusammenhang übersehen haben, der zwischen der politischen Bewegung, die im Basler Kongress ihren Ausdruck findet, und der jüdischen Turnbewegung besteht. Diese ist eine Folge der jüdischen Neubelebung aller Kräfte, die im Zionismus nach Ausdruck ringt. Diese machtvoll aufstrebende Bewegung der körperlichen Regeneration hat sich während des Kongresses zu einem jüdisch-nationalen Turnverband zusammengeschlossen, der als kräftiger Organismus schon wenige Tage nach eben erfolgter Geburt mit einer Leistung seine Lebensenergie äusserte, die zu grossen Hoffnungen Anlass giebt. Auf Anregung der »Zionistischen Vereinigung für Deutschland« fand am Dienstag, dem 2. Elul, im Saale der Basler »Burgvogtei« ein grosses Schauturnen statt, das von einer vielhundertköpfigen Menge von Zuschauern besucht war, die nicht nur aus Mitgliedern und Gästen des Kongresses bestand, sondern auch aus zahlreichen Bürgertl der gastfreundlichen Stadt Basel. Unter den Ehrengästen war der erste, der erschien, der Präger des Wortes vom „Muskeljudentum", der mit jubelnden Zurufen begrüsst wurde. Ebenso enthusiastisch wurde der Kongressreferent vom Vormittage, Zangwill, empfangen. Dass auch Mandelstamm mit freudigem Jubel empfangen wurde, war nur vorauszusetzen, und nur der unserm Führer Herzl bereitete Empfang Hess natürlich alles andere hinter sich. Auf den Glockenschlag 3 Uhr ertönte das Kommandowort desTumwarts Theobald Scholem: »Stillgestanden« --»Vorwärts marsch!« und es erfolgte unter dem Absingen des Liedes: »Turner auf zum Streite« der Aufmarsch, der durch die Exaktheit seiner Ausführung mit Recht des Publikums Beifall fand. Es folgten die Freiübungen, denen die Vorturner Witkowsky und Julius Cohn (Berlin) unter Leitung des Turnwarts Scholem Mass und Richtung gaben. Es waren Rumpfübungen mit Fechtbewegungen der Arme und Ausfallbewegungen, die ganz erhebliche Anforderungen an die allgemeine und gleichmässige Entwicklung des ganzen Muskelbaues stellten. Die Stellungen des Ganzen boten zuweilen überraschende Bilder. Wenn man dabei bedenkt, wie schwer es sein musste, die Turner aus den verschiedensten Städten, die zum Teil die Kommandospräche nicht einmal verstehen, zu dirigieren, dann versteht man die Disziplin, die in den einzelnen Vereinen dieses neuen Turnverbands notwendigerweise immer geübt sein muss. Nach Beendigung der Freiübungen begrüsste Dr. Tuch, der Vorsitzende des Berliner »Bar-Kochba« und des Turnverbands die Gäste, und unter dem Beifalle des die weite Halle füllenden Publikums erklärte er das Schauturnen für eine Pflicht der Dankbarkeit gegen Herrn Prof. Mandelstamm, der auf das Turnen hingewiesen, und Nordau, der das klassisch-schöne Wort vom Muskeljudentum geprägt hat. Als erste Folgeerscheinung war der jüdischnationale Turnverein Bar-Kochba in Berlin begründet worden. »Wir wollen durch das Schauturnen anschaulich vorführen, was wir wollen und tun, und drücken das einfach in 3 programmatischen Wörtern aus: Kraft, Mut und Disziplin (Beifall). Die Kraft für unsere Sehnen, Mut für die Herzen und Disziplin für die Hirne. Hat das Volk aber nicht seine Kraft bewiesen, wird man fragen, in den Jahrhunderten ausharrenden Märtyrertums und duldender Standhaftigkeit? Nicht diese Kraft des Leidens und Duldens, sondern die Kraft des Handelns wollen wir unserer Jugend geben! Diese physische Kraft ist das Erste für Neugründung einer jüdischen Kraftnation. Nicht den Mut des Ausharrens wollen wir schaffen. Wir wollen den Mut, als selbstbewusste, stolze Nation unter andern Nationen zu stehen. Nur in gesunden Körpern kann gesundes Selbstbewusstsein existieren. Der Disziplinlosigkeit stellen wir entgegen freiwilligen Gehorsam unter frei gewählten Führern. Der besondere Zweck dieses Schauturnens erklärt sich aus den Absichten des Bar-Kochba, der im vorigen Jahre eine Abteilung für Juden gründete, die in solchen Ländern gross geworden, wo der Jude nicht frei sich betätigen darf. Dieses Schauturnen vor der grössten Oeffentlichkeit, die das Judentum besitzt, soll hinaustragen, was wir wollen, zu den Juden des weiten Ostlandes, das dieser Stählung der Körperkraft noch mehr bedarf als wir. So etwas, was Sie heute gesehen haben, ist etwas Neues, das Schaffen einer selbstbewussten, kräftigen jüdischen Nation, keine vorübergehende Schaustellung, sondern ein bleibendes Beispiel für das kommende Geschlecht.«, Der Rede folgte ein Beifallsturm. Sodann gings im Gegenzug rechts an die Geräte, von denen Reck, Barren, Pferd und Freisprunggeräte ausgewählt waren. Die Pflichtübungen, welche nun die jugendlichen Körper in geradezu graziöser Form vorführten, bewiesen wiederum, wie sehr die Leitung es versteht, dass es mehr auf Disziplin und Exactheit als auf akrobatisch-künstlerische Fertigkeiten ankommt. Und trotzdem diese Fertigkeiten fehlten ganz und gar nicht. Es ist sogar sehr zu bedauern, dass die hervorragenden Leistungen am Reck, die der Kölner Vor-