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Die Welt · 1903-08-28 · 5 (28.8.1903) · p. 10

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
5 (28.8.1903)
Article
Rede Sir Francis Montefiores
Date
1903-08-28
Page
10 (sequence 2)
Language
German
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Seite 10 „Die Welt" Separat-Ausgabe. No. 5 Frage durchaus studiert haben, von der traurigen Tatsache überzeugt sind, dass sich nur ein sehr kleiner Teil des jüdischen Volkes in der Lage befindet, ein würdiges und gutes Leben zu führen. Der weitaus* grössere Teil unserer unglückseligen Brüder wird jedoch — Gott sei es geklagt — in der unwürdigsten Weise verfolgt, und viele unserer Stammesgenossen sind, wenn auch nicht gerade unmittelbar schlecht behandelt, dennoch wegen der ihnen gebotenen Verachtung und der ihnen in den Weg gestellten barbarischen Hindernisse, welche ihnen die Ausübung ihrer Geschicklichkeiten und Talente erschweren, zu einer wahrhaft niedrigen Lebensweise verurteilt. Im vollen Vertrauen, nicht etwa missverstanden zu werden, oder dass man nicht etwa glaube, weil meiner Ansicht nach der Zionismus als die wahre Lösung der »Judenfrage« zu betrachten ist, will ich es nochmals aussprechen, dass ich keinesfalls den Wunsch hege, das bereits in der Richtung der Lösung Geschehene zu unterschätzen — weder das von Seiten der öffentlichen Gesellschaften, noch das von einzelnen Privatpersonen ausgeführte — nichts auf dieser Erde liegt meinem Gedankengange ferner; denn es ist und bleibt eine rühmenswerte Tatsache, dass mit Ausnahme weniger gegenteiliger Fälle, reiche und vornehme Juden unsere armen und unglücklichen Brüder nicht übersehen haben, dass sich die grosse Mehrzahl jener in besseren Umständen lebenden Glaubensgenossen im allgemeinen die Mühe nahmen, ihr wirklich Bestes für die unglückseligen Opfer der Unterdrückung und der Tyrannei einzusetzen — aber leider ist es auch Tatsache, dass alle ihre Anstrengungen, alle ihre Bestrebungen, alle die bedeutenden Geldsummen, die sie spendeten, der Angelegenheit nicht viel Nutzen brachten; denn sobald wir die Judenfrage mit Ruhe und ohne Parteinahme betrachten — wie dies ja wirklich der Fall sein sollte — müssen wir leider zugestehen und den traurigen Sehltiss ziehen, dass die Lage des jüdischen Volkes unzweifelhaft heute schlechter ist, als sie es bereits ein halbes Jahrhundert früher war. Ich bin mir wohl bewusst, dass es eine grosse Anzahl von Personen gibt, die eine solche Ansicht für falsch erklären, und die behaupten werden, dass die Juden der Gegenwart eine Menge Rechte und Privilegien gemessen, welche ihnen ehemals versagt blieben, und dass demnach ihre Lage als ungemein verbessert anzusehen sei. Aber mit aller Achtung für diejenigen, welche dieser Ansicht huldigen, möchte ich doch nicht unterlassen, anzuführen, dass, wenn sich auch die Juden der Gegenwart in manchen Ländern gewisser Rechte, wie zum Beispiel des Wahlrechtes erfreuen, welche ihnen in früheren Zeiten verweigert wurden — diese Rechte den Juden doch in den meisten Fällen weniger gewährt wurden, um sie als gleichberechtigt mit den übrigen Mitbürgern der besseren Klasse anzuerkennen, als vielmehr um eine sich von selbst ergebende Konzession zu bekunden, die daraus entstehen musste, dass Regierungen, die sich stets ihrer Verehrung für Freiheit und Gleichheit zu rühmen pflegen, logischer Weise ihren jüdischen Untertanen nicht gut die Rechte versagen können, die sie ja allen anderen Ständen und Gesellschaftskreisen ihres Staates zukommen Hessen. Dann gibt es einige unter unseren Gegnern, die da sagen, es seien gegenwärtig mehr Juden wie je zuvor mit hohen Titeln, Orden und Stellungen beteilt und damit sei wohl der Beweis geliefert, dass die ehemaligen üblen Gesinnungen gegen unsere Stammesgenossen mehr und mehr verschwinden. Aber hier sei es mir zu erinnern gestattet, dass, wenn es auch vollkommen richtig ist, dass es heutigen Tages mehr adelige, mit Dekorationen versehene jüdische Würdenträger wie vormals gibt, diese Auszeichnungen doch nur einen sehr geringen Prozentsatz des jüdischen Volkes, einigen Privilegierten, zukommen, dass aber die grosse Masse der Juden davon in keiner Weise berührt werde — und einzig und allein im Namen dieser Masse appelliere ich an alle wahrhaften Söhne Israels, der zionistischen Agitation die vollste Unterstützung zukommen zu lassen. Es ist von der allergrössten Wichtigkeit — ich bin davon fest überzeugt — dass sich alle diejenigen, die mit der Organisation unserer Bewegung in Verbindung stehen, daran erinnern mögen, wie notwendig es ist, dass wir unser Werk in Eintracht in Szene setzen, dass wir von unseren individuellen Wünschen ein für alle Mal absehen und nur auf das Wohlergehen und die Förderung der grossen nationalen Bewegung Bedacht nehmen. Es wird allerdings nicht immer möglich sein, dass alle unsere Meinungen stets in allen Angelegenheiten dieselben sind, dass wir alle gleicher Ansicht in allen Dingen sein müssen! Ja, das dürfte kaum möglich sein; aber ich gehe noch einen Sehritt weiter, wenn ich behaupte, dass dies nicht einmal von besonderem Nutzen oder wünschenswert sein würde, — wäre doch damit jede gesunde Gedankenfreiheit in Frage gestellt und selbständiges Denken gestört. Aber wenn wir auch in einigen weniger wichtigen Umständen verschiedene Meinungen vertreten, liegt doch nicht der geringste Grund vor, warum wir nicht ehrlich und loyal gemeinsam weiterschreiten sollten, da wir Zionisten doch stets von demselben ruhmreichen und patriotischen Glauben beseelt und aufrecht gehalten werden. Ich beschwöre Euch, liebe Stammesgenossen, beachtet niemals die Behauptung einiger Mitglieder unseres Stammes, dass es verschiedene Arten von Juden gibt — eine solche Behauptung muss den wahren Juden schmerzen und beschämen, und ebenso die weitere Ausführung derselben Behauptung, dass der Zionismus für die Einen von Vorteil, für die Anderen von Nachteil sei, wie dies von gewisser Seite unserer Gemeinschaft oftmals wiederholt wurde. Wir brauchen nur auf unsere eigene vergangene Geschichte zurückzublicken, um beweiskräftig zu erkennen, dass die Sache der Juden zu allen Zeiten und überall eine einzige, untrennbare Angelegenheit gebildet hat. Freilich ist und bleibt es eine Tatsache — soviel ich sie auch beklagen mag, ich bin mir derselben doch völlig bewusst — dass es grosse Unterschiede in der Lebensweise unserer Stammesgenossen gibt; während eine verhältnismässig kleine Anzahl derselben in Frieden und unter glücklichen Bedingungen auf diesem Erdenrunde einhergehen, sind Frieden und Glückseligkeit für die grosse Mehrzahl der Juden ganz unbekannte Dinge — aber gewiss, dieser Unterschied in der Lebensweise kann und darf keine wirkliche Unterscheidung zwischen uns Juden bedeuten! Ich spreche mit vollster Ueberzeugung und glaube damit nur den Gefühlen der hier versammelten Gemeinde Rechnung zu tragen, wenn ich als ihr Echo wiederhole: wir anerkennen nur zwei Arten von Juden — diejenigen, welche sich selbst ehren und achten, indein sie ihren Glauben und ihre Rasse hochhalten — die guten Juden —■ und dann noch die schlechten Juden, welche es versuchen — wenn auch, wie wir alle hoffen, immer vergebens — ihre eigene Person zu verherrlichen, indem sie ihren Glauben und ihre Herkunft verleugnen und herabzusetzen suchen. Geehrte Damen und "Herren! Ich werde Sie nicht mehr lange aufhalten, aber ehe ich diese meine Bemerkungen zu Ende führe, gestatten Sie mir noch, Ihnen die ausserordentliche Wichtig-

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