Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 4 (27.8.1903)
- Article
- 11 Uhr: Wiederaufnahme der Sitzung
- Date
- 1903-08-27
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 10 „Die Welt" Separat-Ausgabe. No. 4. etwa einer Körperschaft vertrauen, zu welcher wir sonst in nationalen Fragen kein Vertrauen haben? Sollen wir etwa die Assimilationskörperschaften walten lassen? Niemals. Ich wende mich dem dritten Grunde zu. Die Herren, die sagen: Wenn wir eine Autonomie in Ostafrika haben, haben wir alle Hoffnung auf Palästina aufgegeben, befinden sich in einem logischen Widerspruch. Die Herren sagen: In dem Augenblick, wo es den Juden gut geht, wo also das sozial-ökonomische Motiv verschwunden ist, welches auf eine öffentlich rechtlich gesicherte Heimstätte dringt, ist das Streben nach Palästina nicht mehr vorhanden. Damit behaupten Sie, dass auch jetzt, bei der jetzigen Lage der Juden in allen Ländern nur noch das sozialökonomische Motiv das treibende ist für die Erreichung eines Jud'enstaates. Damit sprechen Sie gegen sich selbst. Wenn Sie folgerichtig sein wollen, müssen Sie sagen: Ebenso wie die Juden nicht nur aus sozialökonomischen Motiven nach Palästina streben, sondern aus romantischen Stimmungen, aus Gefühlen, Tendenzen des Herzens (Beifall, Widerspruch), ebenso wie jetzt ein Komplex seelischer Zustände vorhanden ist, welcher die Juden drängt, die Aufmerksamkeit der alten Heimat zuzuwenden, so wird er auch beim Vorhandensein einer politischen Autonomie der Juden in Ostafrika bestehen bleiben. Und nun appelliere ich an die politische Reife und an das Interesse eines jeden Zionisten an der Lage unserer jüdischen Masse, dass wir uns davor hüten, ohne weiteres die Sache abzulehnen, sondern dass wir unsere Pflicht und Schuldigkeit erfüllen und eine Kommission einsetzen. Nichts ist leichter als nein zu sagen. Aber wir, die wir etwas schaffen wollen, stehen jetzt vor der Aufgabe, auch diese schwere Last auf unsern Rücken zu nehmen (Beifall). Präsidium Dr. Boderiheimer: Ich habe die Absicht, den Kongress zu fragen, ob er die Debatte schliessen will, nachdem von verschiedenen Seiten dieser Wunsch geäussert worden ist, obwohl der Kongress vor kurzer Zeit das Gegenteil beschlossen hat. Berg-er spricht für Schluss der Debatte. Bub er: Ich bin gegen Schluss der Debatte, beantrage aber Schluss der Sitzung und morgen Fortsetzung der Debatte. Wir müssen .aus zwei wichtigen Gründen schliessen: 1. weil es unbillig wäre, wenn die Aktionscomite - Mitglieder losgelöst von den übrigen Rednern sprechen würden und morgen nur einflussreiche Redner zum Worte kämen. 2. halte ich es für unstatthaft, wenn diese wichtige Frage jetzt in Abwesenheit von Dr. Herzl abgeschlossen wird. Deshalb verlange ich im Interesse einer rechten, würdigen Erledigung der Sache, dass wir jetzt schliessen und morgen weiter debattieren. ' Dr. Marmorek: Keine Frage hat diesen Kongress so sehr beschäftigt wie die Ost-Afrika-Frage. Nirgends haben wir so viele Redner gehört als in dieser Frage. Nirgends sind die TJeberzeugungen in uns so fest, wie in dieser Frage. Eine Beeinflussung ist kaum möglich (Gegenrufe), Wenn morgen Dr. Herzl noch zur Sache sprechen wird, wird es einzig darum sein, damit wir erfahren, welchen Eindruck er hat. Ich bitte Sie bis zum Schlüsse zu verharren. ßosenbaum: Ich war auch dafür, dass wir heute die Generalredner zu Ende sprechen lassen. Nun habe ich aber erfahren, dass nach den Generalrednern noch zwei Referenten über diesen Gegenstand sprechen sollen. Das ändert die Situation. Es bedeutet das mit andern Worten, dass die ev. Wirkung, die die Contra-Redner hervorrufen würden, morgen durch die Referenten abgeschwächt werden soll. Wir wollen das ganz klar und offen betonen. Das Präsidium schreitet zur Abstimmung und erklärt als Resultat Schluss der Sitzung.(l2l/4 Uhr.) Nationale Lieder werden von den Delegierten vor dem Aufbruch im Massenchor gesungen. * * * Resolution an den Kongress. Die Konferenz der englischsprechenden Delegierten erkennt mit tiefer Dankbarkeit das grossherzige Angebot der Brit. Regierung an die dem jüdischen Volke die Gelegenheit bietet zur Erwerbung einer jüdischen autonomen Ansiedelung in B. O.-A. Die englischsprechenden Delegierten empfehlen die sofortige Bildung einer Kommission, welche das Recht zur Untersuchung und Verhandlung dieser Angelegenheit haben soll, um dann einen ausführlichen Bericht an das A.-C. zu erstatten, welches wiederum das Resultat dem Kongress vorlegen muss. Die Mittwoch-Vormittagssitzung begann um 10 Uhr. Als erster erhielt Dr Oppenheimer, stürmisch begrüsst, das Wort zu seinem Referat Uber Ansiedelung, Dem Zionismus ist eine Aufgabe gestellt von ungeheuerster Schwierigkeit. Er soll eine Völkerwanderung organisieren erstlich von einer Massenhaftigkeit, wie sie die Weltgeschichte kaum je erlebt hat; denn es handelt sich um die Expatrierung und Neuansiedelung von Millionen armseliger, elender Menschen in kürzester Zeit, während doch die Völkerwanderungen der alten Zeit kaum ebensoviele Hunderttausende in Bewegung setzten, und während doch die grösste Völkerwanderung der Welt, nämlich diejenige der deutschen Ackerbauer nach den Vereinigten Staaten von Amerika mehr als 80 Jahre brauchte, um ungefähr 14 Millionen Auswanderer zu kolonisieren. — Die zweite Schwierigkeit besteht darin, dass dasjenige Gebiet, in welches diese Auswanderung aus unabweisbaren Gründen gelenkt werden muss, ein verhältnismässig enges ist, so eng, dass von vornherein mit einer sehr bedeutenden Dichtigkeit der Kolonisation zu rechnen ist, mit einer Dichtigkeit der Bevölkerung, wie sie nur in den höchst entwickelten Kulturstaaten als Ergebnis einer langjährigen friedlichen Entfaltung von Ackerbau und Industrie hat entstehen können. Die dritte Schwierigkeit besteht darin, dass dieses Gebiet nach Klima, Bodenlage, Pflanzenproduktion u. s. w. sehr verschieden ist von denjenigen Ländern, aus denen der Strom der Einwanderung abzuleiten ist. Der Unterschied zwischen der extensiven Ackerkultur Westeuropas mit seiner reichen Bewässerung einerseits und der schon nahezu subtropischen Kultur der Steppe, die künstlicher Bewässerung bedarf, sind ebenso viele Schwierigkeiten der zionistischen Kolonisation. Die vierte und grösste Schwierigkeit liegt in der Beschaffenheit des fortzuführenden und anzusiedelnden Menschen-Materials. Hier ist weltgeschichtlich durchaus Neues zu leisten, ja selbst Eabbi Ben Akiba müsste zugeben, dass sein Lieblingsspruch hier einmal unwahr wird; denn alle Völkerwanderungen der Vergangenheit gingen aus ent- Aveder von reisigen Hirtenkriegern, die aus ihrer Steppe hervorbrachen, um in den Schwemmebenen der Ströme die Herrschaft über leibeigene Bauern zu suchen, — oder von friedlichen Ackerbauern, denen die Heimat aus irgend einem Grunde zu eng geworden war, und die nun auszogen, um mit Pflug und Karst eine neue Heimat zu gewinnen. Das Volk aber, das wir aus dem furchtbarsten Drucke zu erlösen haben, der jemals aut