Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- [Sonder-Ausgabe] (25.8.1903)
- Article
- Rechenschaftsbericht des Aktions-Comités
- Date
- 1903-08-25
- Page
- 5 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 1 Separat-Ausgabe. „Die Welt" Seite 5 tenzen ruiniert, viele zu Verzweiflungsschritten, zur ziel- und planlosen Auswanderung uud in den Untergang getrieben. Aber wuchtigere Vorfälle haben die rumänische Not in zweite Reihe gerückt. Welche Bedeutung der Zionismus im Leben des jüdischen Volkes erlangt hat, zeigte sich bei diesem Anlasse. Erregten auch die Greuel von Kischineff die jüdischen Herzen allerwärts und führten zu lebhafter Betätigung des Mitgefühls durch Sammlungen für die unglücklichen Opfer — die Zionisten begnügten sich nicht mit Geldunterstützung allein, sondern griffen werktätig zu, um die Hilfsaktion zu organisieren, den Unglücklichen mit Rat und Tat beizustehen, ihnen in ihrer furchtbaren Verzweiflung Trost und Mut zuzusprechen und sich insbesondere der Unterstützungsbedürftigsten anzunehmen: der armen Waisen. Unser Freund Ussischkin inaugurierte die Aktion zu Gunsten der Waisen Versorgung und Erziehung und wir müssen seine wertvolle unermüdliche Mitwirkung auf diesem Kongresse entbehren, weil er gegenwärtig in Palästina weilt, um das Projekt der Verwirklichung zuzuführen. Kischineff ist nur die traurigste, aber durchaus nicht die einzige Katastrophe, welch £ in der Periode seit dem letzten Kongresse das Judentum betroffen hat. Kleine Exzesse hat sich das arme jüdische Volk schon als gar nicht besonders erwähnenswerte Alltäglichkeiten hinzunehmen gewöhnt, aber die Exzesse von Uhnow in Galizien und Tiemein in Algerien reichen schon über das Gewöhnliche hinaus. In Marocco schwebt eine Viertelmillion unserer Brüder in ewiger Sorge und Gefahr um Leib und Leben, um Hab und Gut und zitternd verfolgen sie die Wechselfälle des Aufstandes. Die Vorgänge und kommenden Ereignisse in Makedonien üben schon jetzt ihre Rückwirkung auf die Lage der Juden der Balkanhalbinsel, und wie immer das Endergebnis ausfallen wird, ist es leider zu befürchten, dass sie die ersten Opfer der Erschütterungen sein werden. In Galizien und der Bukowina schreitet die Verelendung der jüdischen Massen rapid vorwärts. Daran schliesst sich eine intensiv betriebene Hetze gegen die Juden bei der unwissenden und rohen Landbevölkerung, auf die nicht früh genug warnend hingewiesen werden kann. Aber auch im freiesten Gemeinwesen der Welt, in den Vereinigten Staaten von Nordamerika, und in der Stadt New-York, welche die grösste 'jüdische Gemeinde der Welt ist, waren die Juden Angriffen und tätlichen Beleidigungen fast schutzlos ausgesetzt. Die Bestattung des allgemein verehrten orthodoxen Oberrabbiners Joseph bildete den ganz grundlosen iVnlass zu Judenexzessen, die umsomehr zu denken gaben, wenn man die Haltung der Polizei ins Auge fasst," welche ihre Pflicht gegenüber den Juden nicht allzu streng auffasste. Es ist begreiflich, dass bei diesem Stand der Lebensverhältnisse der Juden, insbesondere derer im Osten Europas, die Emigration eine kontinuierlich sich steigernde ist. Vom Osten Europas ist sie nach England und Nordamerika, von Marokko nach Südamerika gerichtet. Aber, wie leider lange schon zu befürchten war, ist auch der "Widerstand gegen die Einwanderung, der Juden in den englisch sprechenden Ländern bedeutend gewachsen. Das englische Parlament sah sieh veranlasst, eine Kommission einzusetzen zum Studium der Präge der Fremdeneinwanderung, um Vorschläge zu ihrer Regelung oder richtiger Eindämmung zu unterbreiten. Diese Massregel war die Folge der Agitation der „Liga der britischen Brüder," deren wahrer Endzweck auch trotz des Umstandes nicht verkannt werden darf, dass einzelne töricht — kurzsichtige und egoistische Juden zur Bekundung ihres Patriotismus sich ihr anschlössen. Dass diese englische Parlaments - Konnnission den Führer der zionistischen Bewegung und Präsidenten des Aktions-Comites, trotz seiner fremden Staatszugehörigkeit, vor ihr Forum lud, um seine ihr bedeutungsvoll scheinende Ansicht über diese Frage zu hören, ist ein Beweis der Achtung und des Ansehens, den die zionistische Bewegung bei Staatsmännern und Politiken] findet. Der Sieg der gegen die Judeneiiiwanderung gerichteten Agitation ist auch durch den naiven Vorschlag, der Anhäufung durch Verteilung und Zerstreuung entgegen zu arbeiten, nicht aufgehalten worden und dem Parlamente liegt bereits eine Resolution vor, welche eine bedeutende Erschwerung der freien Einwanderung vorsehlägt. Auch die anderen Länder, weicht1 Zieh1 der jüdischen AVanderung sind, das sind Nord - Amerika und Süd-Afrika, haben im letzten Jahre gesetzliche Massregeln zu gleichem Zwecke4 bereits ergriffen. Beider Länder Einwanderungsgesetze hätten den jüdischen Einwanderern noch verhängnisvoller werden können durch Unterlassung der Aufnahme der hebräischen und jüdischen Sprache in das Verzeichnis derjenigen lehenden, in welcher die geforderte Bildungsprobe geleistet werden kann. Ist auch diese Gefahr durch nachträgliehe Einschiebung behoben worden, die bestehenden und die neuerdings verschärften Einwanderungsgesetze beider Länder bieten der Handhaben genug, um sogenannte „unerwünschteu Einwanderer am Betreten des Landes, das in den Augen der armen Flüchtlinge gegenüber ihrer unfreundlichen Heimat als gelobtes Land erscheint, zu hindern. Neben dem traurigen Anblick der Scharen der armseligen Auswanderer, bietet sich dem gleiehgiltigen Europa der unendlich traurigere der unfreiwilligen Rückwanderer, die aller Hoffnung auf Bettung beraubt, in das tötlichc Elend der alten Heimat zurück geschleudert werden. Und diesen, in clor Welt ohne gleichen dastehenden Verhältnissen standen die jüdischen sogenannten philanthropischen Vereinigungen ratlos gegenüber. In dem zionistischen Aktions-Comite aber erkennen die jüdischen Bedrückten in jedem Falle das für sie warm fühlende Herz, und darum wenden sie sich an dasselbe, mit allen Fragen und Klagen, mit all' ihren Sorgen und Nöten und das Aktionskomitee ist heute unzweifelhaft die Zentralstelle des ganzen jüdischen Volkes füralle jüdischen Angelegenheiten. Auch solche Juden, die unserer Organisation noch nicht angehören, wenden sich an uns mit ihren Beschwerden, Ideen, Vorschlägen, Wünschen und Bitten. Die Korrespondenz des Aktions-Comites wächst in enormem Masse und umspannt heute in buchstäblichem Sinne den ganzen Erdkreis, Unsere Zeit wird nicht wenig durch diese Tätigkeit in Anspruch genommen. Die furchtbare Not des jüdischen Volkes wird uns täglich und stündlich in schauerlichen Beispielen vor Augen geführt, und bietet uns eine traurige Bekräftigung der äussersten Dringlichkeit unserer zionistischen Bestrebungen. In dreifacher Weise sucht das Aktions-Comite diese hauptsächlich zu fördern: Durch möglichste Ausbreitung des Verständnisses der zionistischen Idee, durch Aus bildung der Organisation und durch eifrige Fortsetzung der Bemühungen zur Erlangung eines Charters für Schaffung einer öffentlichen rechtlichen Heimstätte für die Juden. Das zionistische Aktionskomitee war zunächst bemüht dem Zionismus in allen jenen Ländern Eingang zu verschaffen, in welchen derselbe bisher nur vereinzelte An-