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Die Welt · 1903-08-24 · [Sonder-Ausgabe] (24.8.1903) · p. 13

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
[Sonder-Ausgabe] (24.8.1903)
Article
Die Eröffnungsrede Dr. Herzls
Date
1903-08-24
Page
13 (sequence 2)
Language
German
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No. 1 Separat-Ausgabe. „Die Welt" Seite 13 oder ihrem Herzen kein gutes Zeugnis aus. Mit dem Zugeständnis der Tatsache, dass es den Juden erbärmlich übel ergeht, ist freilich auch noch nicht viel gewonnen. Das führt höchstens zu Handlungen der Barmherzigkeit, die im Einzelnen gewiss nur zu loben, aber aus eineni höhern umfassenden Gesichtspunkte zu tadeln sind, weil sie bei all ihrer erwiesenen Unzulänglichkeit das Gewissen der solidarisch Verpflichteten beschwichtigen. „Je nun, man tut, was man kann!" ist ein bequemer Spruch. Es gibt vielleicht Leute, die ein ausreichend feines Gefühl der Selbstbefriedigung haben, wenn sie nach der Morgenblatt-Lektüre eines mittelalterlichen Judenmassacres der Zeitung eine bescheidene Geldspende zum Ausweise schicken. Doch auch wer sich ehrlich nach seinem Vermögen selbst besteuert, hat mit Geld allein nicht genug getan. Das Geld gibt den Toten das Leben, den Verstümmelten ihre Gesundheit, den Waisen ihre Eltern nicht wieder. Und wie will man mit solchen Almosen das Zittern derjenigen heilen, die zwar nicht am eigenen Leibe getroffen sind, aber in denselben Verhältnissen weiterleben? Die haben es noch nicht überstanden. Wir Zignisten gebrauchen eigentlich diese Argumente nur mit innerem Widerstreben. Es geht gegen unser Gefühl, Unglücksfälle politisch auszubeuten und. einen, agitatorischen Nutzen aus dem Jammer ärmster Geschöpfe zu ziehen. Aber es muss doch von dieser Stelle gesagt werden, mit welchem Schmerz und welcher Entrüstung wir die grauenhaften Vorgänge von Kischenew vernommen haben, und mit welchem Kummer es uns erfüllt, dass Juden unter solchen Bedingungen leben. - Arme sorgenschwere Existenzen haben dort unter Martern geendet. Wir wollen ihr Andenken ehren, uns um ihre Hinterbliebenen kümmern, und dann wollen wir unsere Zeit nicht mit nutzlosen Demonstrationen verlieren, sondern unsere lebendige Sorge den Lebenden zuwenden. Denn die blutigen Tage der bessarabischen Stadt sollen uns nicht vergessen machen, dass es noch manches andere Kischenew, und nicht nur in Russland, gibt. Kischenew ist überall, wo Juden an Leib oder Seele gequält, an der Ehre gekränkt, am Vermögen geschädigt werden, weil sie Juden sind. Retten wir die, welche noch zu retten sind. Es ist die höchste Zeit. Wer überhaupt die sieht baren Zeichen sieht, muss sehen, dass in der Lage eine geradezu verhängnisvolle Verschlimmerung eingetreten ist. 'Wir Zionisten haben diese Verschlimmerung seit- Jahr und Tag vorausgesagt — und nun sie da ist, sind wir doch aufs schmerzlichste betroffen. In den letzten zwei Jahrzehnten des neunzehnten Jahrhunderts glaubte man in jüdischen Gemeindekreisen an die Emigration als Allheilmittel. Das ging, wenn wir von allem anderen absehen — vom Elend der Wanderer, von der Grausamkeit neuer Verhältnisse, in die sie unvorbereitet gerieten, vom nationalen Verluste durch immer wiederholte Zerstreuungen, und so weiter — es ging doch nur so lange, als die Länder der Immigration sich gegen diesen Zufluss eines verzweifelten Proletariates nicht wehrten. Dies ist die neue Epoche, in die wir eingetreten sind. Die Einwanderungsländer beginnen sich zu wehren, obwohl, nein, weil die Judennot im Osten Europas steigt. Und doch sind es Länder, an deren hoher Gesittung zu zweifeln einfach töricht wäre. Diese Staaten glauben ihrer sonstigen Humanität — ich sage es nicht ironisch — Einhalt gebieten und die Judenfrage, die für sie die Erage der jüdischen Einwanderung ist, politisch behandeln zu müssen. Nur bei uns Juden sträuben sich noch manche ängstlich, darin ein Politicum zu sehen. Diese Angst aber wird uns mehr Mitleid als Zorn einflössen, wenn wir sie recht verstehen. Es ist eine Platzfurcht, die noch aus der engen Judengasse stammt. Indessen entwickeln sich die Dinge unaufhaltsam. In England, dem letzten bisher noch ganz offenen Zufluchtsorte, wurde eine königliche Itommission zur Untersuchung der Fremcleneinwanderung eingesetzt. Der Fremden, um nicht zu sagen der Juden Die Konklusionen des Berichtes lassen aber keinen Zweifel zu, über wessen Einwanderung die Kommission sich zu äussern hatte. Man sieht ordentlich, wie das freie grossmütige England mit sich kämpft, wie schwer es sich eine harte Massregel gegen arme Menschen abringt, wie es eine eigene langwierige Untersuchung einleitet, bevor es zu endgiltigem sicli entschliesst. Es gibt nämlich alte Prinzipien, glorreich wie Fahnen, die nicht ganz unbeschädigt bleiben, wenn England unschuldig Unglücklichen nicht mehr das freie Asyl gewährt. Und genau dasselbe gilt von Amerika, das gross geworden ist, weil es ein Asyl war. Von den Regierungen der an der Juden Wanderung beteiligten Länder wird unser AVerk täglich besser verstanden. Unsere Lösung, die denn jüdischen Volke zu einer Heimstätte verhelfen will, entspricht so sehr einem allgemeinen Bedürfnisse, dass sie endlich gelingen muss. Eine leichte Arbeit ist es freilich nicht. Es gibt Schwierigkeiten, die ausserordentlich viel Geduld und Treue erfordern. Aber schon dies ist ein Stück der Erziehung, die wir unterwegs bekommen. Es gibt schwere Tage, an denen man mühselig Errungenes zerfliessen sieht und viel versprechende Anfänge, die dann in sich zusammenbrechen.* So lange eine Bewegung jung und schwach ist, müssen die Führenden befürchten, dass solche Rückschläge die Anhänger demoralisieren könnten, und zur eigenen Enttäuschung und Ermüdung tritt noch die Sorge um die Fortführung der Arbeit, um die Beschaffung der Mittel, um die Ausdauer der Genossen. Doch auch das ist zum Guten. Es verlieren sich die, an denen man nichts verliert. Sie ziehen ab, die einen mit ihrer gekränkten Eitelkeit, die zweiten, weil sie bei der Sache ihre Rechnung nicht fanden, die dritten, weil sie nur gern an Erfolgen teilnehmen und so noch andere aus mancherlei anderen Gründen. Die aber bleiben, denen wird die Sache durch jedes Opfer nur noch teurer. Mit denen kann man den Weg fortsetzen, und ihnen kann man auch alles sagen. So war es in unserer Absicht, als wir diesen Kongress einberiefen, und wir glaubten, dass wir nichts anderes würden zu melden haben als das Scheitern von Verhandlungen und das Missliugen lang vorbereiteter Versuche. Indessen kam es einigermassen anders. Seitdem wir hier zum fünften Male beisammen waren, hatte ich neuerdings zweimal die Ehre, von Sr. Majestät dem Sultan nach Konstantinopel berufen zu werden. Beide Male, im Februar wie im August 1902 blieben jedoch die Unterhandlungen resultatlos. Ich konnte mich selbstverständlich auf nichts einlassen, was mit unserem Basler Programm nicht vereinbar gewesen wäre, insbesondere konnte eine zerstreute zusammenhanglose Kolonisation in verschiedenen Teilen des türkischen Reiches unseren nationalen Bedürfnissen nicht genügen. Aus allen diesen beschwerlichen Verhandlungen ging nur hervor, dass Sr. Majestät der Sultan dem jüdischen Volke andauernd eine freundliche Gesinnung bewahrt. Es ist dies gewiss erfreulich und wertvoll, aber praktisch kommen wir damit nicht weiter. Da nun die gütigen Gesinnungen des Souveräns gegeben sind, sowie die zweifellosen Vorteile, die das türkische Reich davon hätte, musste das Hindernis in der Haltung der im Oriente interessierten Hauptmächte

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