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Die Welt · 1903-08-24 · [Sonder-Ausgabe] (24.8.1903) · p. 12

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
[Sonder-Ausgabe] (24.8.1903)
Article
I. Verhandlungstag : Die Stunde der Eröffnung / U.
Date
1903-08-24
Page
12 (sequence 1)
Language
German
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Seite 12 „Die Welt" Separat-Ausgabe. No. 1 I. Verhandlungstag. Die Stunde der Eröffnung. Zwei dichte Menschenströme, die unendlich langsam schiebend über die endlosen Gänge,-die Promenadesäle und die Treppen in entgegengesetzter Richtung sich bewegen. An den Türen der Bureaus viele Bitten und grosse Aufregung; die Eröffnung steht bevor. Diese Dame ist eigens aus Amerika gekommen — by Good Sir! —r und da steht eine ganze Gruppe Kongressreisender aus Russland, mit einer zionistischen Autorität als beredten Anwalt. Umsonst. AVer die zwölf Reihen Köpfe auf den breiten, die sechs Reihen übereinander auf der schmalen Seite der Galerie sieht, begreift bei diesem Anblick der Masse, dass da oben kein Fussbreit mehr frei ist. Im Saale kein Unterschied im Besuche. Ein Menschenblock in den Seitengängen macht das Herausgehen zum Kunststück. Unmöglich, auch nur einen Platz noch im weiten Sale aufzutreiben. Damen von A. C. — Mitgliedern auf mühsam erobertem Sessel in einem Verbindungsgang. Berichterstatter — Berichterstatter sitzen dichtgedrängt an 12 Tischreihen (wir werden ihren Ausweis bringen) — mit dem Block auf dem Knie. Es herrscht eine ausserordentliche Hitze.. Rauschend erhebt sich diese Menschenmasse. Sturmgleich erhebt sie ihre Stimme, gibt sie ihren Beifall. Ihre Tücher fliegen in der Luft wie ein Schwärm weisser Tauben. Der Sturm wird zum wahren Orkan. Dr. Herzl betritt die Tribüne. Ruhig blickt er ins Puklikum während der Präsidenten-Hammer Ruhe gebietet. Er empfängt eine donnernde Erklärung. Es wurde des längeren und letztens viel geschrieben, viel gesagt, jetzt giebt das Volk seine Kritik, eine Kritik, die Begeisterung zum Grunde und berauschende'Begeisterung zur Folge hat. „Ich eröffne den VI. Kongress". . Noch einmal erhebt sich der Sturm. Die jüdischen Brüder begrüssen einander, ein Wiedersehen in Freude. Lautlose Erwartung während der Rede, die im ruhigen männlichen Tone vorgetragen wird, während zwei Augen einerseits und viele Augen andererseits offen und brüderlich in einander sehen. „Kischenew . . . a Alles erhebt sich. Ruhet in Frieden, Brüder! „Die Sorge für die Lebenden ist unsere Sorge" — tosender Beifall als Beweis des Einverständnisses. Dieses Einverständnis bringen noch viele Stellen von Tiefe. „Wir verlieren Leute, an denen wir nichts verlieren. Uns macht jedes Opfer die Sache teuerer.44 Eine Reihe programmatischer, unzweideutiger Erklärungen des Präsidenten des A. C. werden zur Kenntnis genommen werden müssen. Wo unterlegt wird, wrenn nicht ausgelegt werden kann, werden sie vernichtend wirken. Und die Ankläger einer behaupteten Geheimnis-Krämer ei werden ihre Tätigkeit einstellen müssen, wenn ihre Ehrlichkeit anerkannt bleiben will. „Nichts, was mit dem Baseler Programm nicht vereinbar ist". -Kundgebungen von besonderer Bedeutung gab es an den Stellen der Rede, die Verhältnisse mit fremden Staaten behandeln. Das jüdische Volk kann seine Förderung nur mit dem Ausdruck des Dankes vergelten. Seine Delegierten taten es in imposanter Weise als Deutschlands, als Englands, als der Türkei gute Absichten bekannt wurden. Von Russland später. England*, — Gross-Britannien nennt es Dr. Herzl, und wir trennen den Namen mit Absicht -— die Erwähnung Englands ruft einen Sturm des Beifalls hervor. Der Atem der Freiheit und Menschlichkeit, der von jenen Inseln herüberweht, für uns Juden weht trotz aller Not des Augenblicks. Z a n g w i 11 steht auf dem Präsidialemporium. Als der Beifall für England einsetzt, taucht sein Kopf über denen der Mitglieder des grossen A. C. neben dem Präsidenten auf und seinen Cheers und seinem Hutschwenken antwortet donnernd die Versammlung, die sich von ihren Sitzen erhoben hat. Unendliche und grundlegende Bedeutung erhielt der Kongress durch den Bericht aus Aegypten. Man las förmlich die erwachende Aufregung der Verantwortlichkeit auf den bleichen Gesichtern der aufhorchenden Delegierten. „ . * . Den Vorschlag dem Kongresse unterbreiten." Auf dem Kongresse wird Zukunft gemacht werden. Mit grösster Aufmerksamkeit wird auch der Bericht über die Reise nach Russland aufgenommen. Die Totenstille in der mehrtausendköpfigen Menge hatte etwas Aufregendes. Zuerst kam das Menschentum zu Worte, dann die Politik. „Ich war nicht nur Parteimann — ich sprach für alle Juden in Russland." .Das Wort und seine Wirkung werden wohl erlösend durch Russlands Ghetti ziehen. Und erlösend wird die Kunde einziehen, dass die grosse Hilfe der Juden dort oben einen weiten Schritt nach vorwärts machte. Die Einbildung einer angeblich unfehlbaren politischen Moderne verdammt zwar unsere Weigerung, unsere Kräfte für niemals bedankte Einmischung in fremdnationale Geschichte zu gebrauchen. Wir haben in den Kämpfen für fremden Liberalismus viel Judentum verloren, wir wollen nicht kämpfen für fremden Sozialismus. Nur die Liebe für unser eigenes Volk soll uns den Weg vorzeichnen. Die internen und externen Förderungen des Zionismus in und durch Russland sind eine neue Tatsache, und welch eine Tatsache! „Die russische Regierung ist bereit, unsere Bemühungen um die Erlangung von Palästina bei S. M. dem Sultan zu unterstützen." Wir werden uns hüten, dieser Erklärung ein anderes Wort hinzuzufügen, U. Die Eröffnungsrede Dr. Herzls. Geehrte Kongressmitglieder! Zum sechsten Zionistenkongresse versammeln wir uns nun in der guten Stadt Basel, die unserer Dankbarkeit bereits vertraut ist- Wir versammeln uns wieder in Sorgen und Hoffnungen. Die Lage der Juden in der ganzen Welt ist heute wahrlich nicht günstiger, als in den Jahren der früheren Kongresse. Was wir-über die Lage unseres Volkes in den früheren Jahren von dieser Tribüne aus sagten, es gilt auch zur Stunde noch. Da und dort hat sich wohl eine Aenderung begeben — aber nicht zum Besseren. Viele von uns hatten gemeint, es könne nicht mehr schlechter werden. Es ist noch schlechter geworden. Wie ein Hochwasser ist das Elend über die Judenheit gekommen. Alle tiefer gelegenen Existenzen sind bereits überschwemmt. Wenn diejenigen, die an höheren, geschützteren Stellen wohnen, diese erschütternde Tatsache leugnen, so stellen sie ihrer Einsicht

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