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Die Welt · 1903-08-24 · [Sonder-Ausgabe] (24.8.1903) · p. 11

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
[Sonder-Ausgabe] (24.8.1903)
Article
Kaukasische Bergjuden
Date
1903-08-24
Page
11 (sequence 3)
Language
German
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No. 1 Separat-Ausgabe. „Die Welt" Seite 11 sehe Oberhoheit über. Sie halfen sogar den Russen bei der Eroberung des Landes, dienten als Wegführer und beschützten das russische Heer auf seinem Zuge. Im Jahre 1872 erhielten sie vom Grossfürsten Michael Nikolajewitsch gleiche Rechte wie die Gorskenbevölkerung und lebten seit jener Zeit auf Grund dieser rechtlichen . Stellung. Allein durch die Verordnungen vom 3, Mai 1892 betreffend das Verbot für die Juden, sich in Dörfern aufzuhalten, wurde auch die Bevölkerung in diesen Gouvernements betroffen : Sie inussten vom Lande in die Städte ziehen und einige Jahre hier wohnen. Im Jahre 1899 unternahmen sie eine Reise nach Petersburg, speziell zu dem Zwecke, ihre alten Rechte wieder zu erlangen. Sie wurden persönlich vom Grossfürsten Michael empfangen, der ihnen alles nur irgendwie Mögliche versprach, um ihre Lage zu bessern. Seit der Zeit lebten und wohnten sie wieder auf Grund ihrer alten Rechte, was aber von der Regierung nicht endgiltig bestätigt wurde. Es bestehen dennoch manche Beschränkungen, wie das Verbot mit geistigen Getränken zu handeln, das Verbot des Aufenthalts in Moskau über mehr als 24 Stunden und die Verordnung, dass der Aufenthalt in ganz Russland nur mit Erlaubnis. des kaukasischen Statthalters zugestanden wird. Ihre ökonomische Lage ist nicht besonders günstig. Sie beschäftigen sich mit der Ledererzeugung, Handel, Gärtnerei und. Viehzucht. Sie sind Talmudisten. Ihre Kinder können sie nur bis zum 11. Lebensjahre im Hebräischen unterrichten, nachher müssen die Kleinen bereits die Eltern in ihrem Lebenserwerb unterstützen. Mit der russischen Bevölkerung leben diese Juden auf gutem Fusse. mit den Mohamedanern aber, den Tschetczyncy und Kumyki in arger Feindschaft. Am hellen Tage müssen sie bewaffnet herumgehen, da oft feindliche Znsammenstösse stattfinden. Bis vor ungefähr 10 oder 12 Jahren waren die Juden vom Militärdienst befreit, jetzt haben sie denselben auch mitzumachen, können aber nicht avancieren. Landgüter oder Landbesitz dürfen sie nicht erwerben. Im Baseler Tempel. Der samstagige Morgengottesdienst trug auch heuer das Gepräge der Kongresswoche. Der Tempel war von einer andächtigen, zum grössten Teile mit der zionistischen Kokarde geschmückten Menge gefüllt; die ergriffen dem weihevollen Gesänge des Kantors Drujan lauschte. In den ersten Sitzreihen die Aktionskomitee-Mitglieder, an ihrer Spitze Dr. Herzl; auf den Gallerien ungewöhnlich viel Damen in eleganten, festlichen Toiletten. Die Gastfreundschaft der Basler und ihres Vorstandes, Herrn D r e y f u s - N e u m a n n , hatte auch heuer den Zionisten die Ehrenplätze bei der Thoravorlesung eingeräumt und es ihnen so ermöglicht; ihren Dank durch grössere Spenden für die Armen der Gemeinde abzutragen. Dass auch des Nationalfonds reichlich gedacht wurde, ist natürlich. Als Dr. Herzl zur Thora aufgerufen wurde, ereignete sich eine seltsame und bedeutende Szene. Zwei Bergjuden des Kaukasus in ihrer malerischen Tracht bestiegen nach ihm den Almemor und Hessen für unseren Führer ein Mischeberach sagen. Und die Anwesenden begriffen das Symptomatische dieses Momentes, -als diese zwei Welten, bis auf ihre Tracht, bis auf ihre Sprache verschieden, vor der Thora zusammentraten. Symptomatisch und bedeutsam war auch die Predigt des Rabbiners, Sr. Ehrwürden Dr. Kolin. Dass er zu,Beginn die Zionisten, die aus aller Welt und selbst aus weiter Ferne gekommen waren, freundschaftlich begrüsste, dass er erklärte, es gebe keinen Juden, der nicht vom Herzen ihren Bestrebungen den vollsten Erfolg wünsche — das waren nur einleitende Höflichkeiten, zu selbstverständlich, um anders aufgefasst zu werden. Dann aber kam der Kern der Predigt, die dem Bibelabschnitte der ersten Ellulwoche galt, und zionistisch, rein und zündend zionistisch war. Und für diese schwungvolle Anerkennung der innern Tätigkeit des Zionismus, der, ehe er noch an materielle Ziele gelangt, das Judentum sich selbst wiedergewinnen lässt, dafür wussten die Kongressteilnehmer dem Redner aufrichtigen Dank, am meisten aber diejenigen, die sich der Befürchtungen erinnerten, die Dr. Kohn auf dem ersten Kongresse geäussert hatte. Diese wussten die Evolution eines ehrlichen Mannes voll und ganz zu würdigen. Eine Versammlung. Für Samstag, den 22. August hatte Herr Dr. A 1 f r e d X e i* r i g , Berlin, eine? Versammlung unter dem Titel: Bilanz "des Z i o n i s in u s. K r i t i kund R e f o r m einberufen. Herrn Dr. K a Ii n , M ü n c Ii e n eröffnet die Versammlung mit der Bitte bei der Diskussion möglichst Sachliches o keit und Ruhe zu bewahren. Hierauf nimmt der Referent das Wort zu seinem Vortrage. Redner geht davon aus, dass der VI. Kongress einer bedeutend veränderten Sachlage gegenüberstehe. "Die Lage, in der sich das jüdische Volk befinde, sei bedeutend .ernster geworden. Referent geht nun zu einer Kritik der jetzigen Zionismus über, indem er als .Hauptg. undsatz seiner Ausführungen den Satz hinstellt, dass es gänzlich falsch sei, die Judenfrage als eine Landfrage aufzufassen. Das jüdische Volk habe lange genug schon bewiesen, dass es auch ohne Land leben könne. Nationale Erziehung sei das Wichtigste. Der jetzige Zionismus aber sei gerade das (legenteil einer idealen Bewegung. Da der Referent hier völlig unparlanientarisehe Worte gebraucht, entsteht grosse Unruhe, so dass der Redner bald nicht mehr weiter reden kann. Endlich ist die Ruhe4 wieder hergestellt. ISun wird der Referent derartig persönlich in seiner Kritik und ergeht sich schliesslich in solchen Beschimpfungen der Führer der Partei, dass eine ungeheuere Entrüstung entsteht, so dass die Versammlung schliesslich aufgelöst werden inuss. Die -Teilnehmer verlassen den Saal unter Hochrufen auf Dr. Herzl.

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