Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 34 (21.8.1903)
- Article
- Brief des Herrn v. Plehve an Dr. Herzl
- Date
- 1903-08-21
- Page
- 27 (sequence 1)
- Language
- German
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Brief des Herrn v. Plehve an Dr. HerzI Minister des Innern. Mein Herr! Sie haben den Wunsch ausgedrückt, Spuren unserer Unterhaltungzu bewahren. Ich gebe diesem Wunsche gerne statt, um Alles zu entfernen, was übertriebene Hoffnungen oder beunruhigende Zweifel entstehen lassen könnte. Ich habe Gelegenheit gehabt, Ihnen vom Gesichtspunkte Kenntnis zu geben, aus dem die russische Regierung zur Zeit den Zionismus betrachtet. Dieser Gesichtspunkt kann ihr nämlich sehr leicht die Notwendigkeit nahe legen, ihre Politik der Duldung gegen Massregeln zu vertauschen, die vom nationalen Selbstschutz vorgeschrieben sind. Solange der Zionismus in dem Willen bestand, einen unabhängigen Staat in Palästina zu schaffen, und solange er die Auswanderung einer gewissen Anzahl jüdischer Unterthanen aus Russland zu organisieren versprach, konnte die russische Regierung ihm sehr wohl günstig sein. Allein in dem Augenblicke, wo dieses Hauptziel des Zionismus aufgegeben scheint, um durch eine einfache Propaganda der jüdisch-nationalen Zusammenfassung in Russland ersetzt zu werden, ist es natürlich, dass die Regierung diese neue Bahn des Zionismus in keinem Falle dulden kann. Er hätte kein anderes Ergebnis als Gruppen von Individuen zu schaffen, die den vaterländischen Gefühlen, welche die Stärke eines jeden Staates ausmachen, vollkommen fremd und sogar feindlich gegenüberstehen würden. Deshalb könnte dem Zionismus das Vertrauen nur unter der Bedingung wiedergegeben werden, dass er zu seinem alten Aktionsprogramm zurückkehrt. In diesem Falle könnte er von dem Tage an auf moralische und materielle Unterstützung rechnen, wo einige seiner praktischen Massregeln zur Verminderung der jüdischen Bevölkerung in Russland dienen würden. Diese Unterstützung würde bestehen können im Protegieren der zionistischen Bevollmächtigten bei der ottomanischen Regierung, in der Erleichterung der Tätigkeit der Auswanderungs-Gesellschaften und sogar in der Bestreitung der Erfordernisse dieser Gesellschaften, selbstverständlich nicht aus Staatsmitteln, sondern aus Abgaben, die von den Juden erhoben werden. Ich halte für nötig hinzuzufügen, dass die russische Regierung, die verpflichtet ist, ihre Handlungsweise in der Judenfrage den Staatsinteressen anzupassen, gleichwohl niemals von den grossen Grundsätzen der Moral und Menschlichkeit abgewichen ist. Noch in der allerletzten Zeit hat sie eben die Wohnrechte innerhalb der Grenzen der Gebiete, die der jüdischen Bevölkerung bestimmt sind, erweitert, und nichts hindert zu hoffen, dass die Entwicklung dieser Massregeln zur Verbesserung der Daseinsbedingungen der russischen Juden dienen würde, besonders wenn die Auswanderung ihre Zahl vermindert. Sie wollen die Versicherung meiner ausgezeichneten Gefühle entgegennehmen. Den 30. Juli — 12. August 1903. v. Plehve.