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Die Welt · 1903-08-21 · 34 (21.8.1903) · p. 22

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
34 (21.8.1903)
Article
Das goldene Buch [Nachricht]
Date
1903-08-21
Page
22 (sequence 1)
Language
German
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Seite 22 „Die $ Welt" Nr, 34 Jüdischer Nationalfonds. Das Goldene Buch. Zrbeiterverein „Pojle Ziontf in Smorgon Kronen 240.— Aur Eintragung des unter Ref. Gregoire Belkowsky stehenden Petersburger Rayons „SUraje Roussa"....... Kronen 249.32 „Dorschei Zion« in Polotzk...... Kronen 252.— „Agudas Zionu in Glusk........ Kronen 240.— „Agudas B'noth Zion Techia" in Mariampol ... ............ Kronen 252.— Dr. Herzls Nordau-Gabe Nr. 24, Order Knight of Zion, Omaha....... Dollar 50.— „Ahawath Zion" in Los Angelos, Kalifornien ................ Dollar 50.— „Friends of Zion", Philadelphia, Pa., zur Eintragung des verewigten Rev. Doktor Gustav Gottheil............ Dollar 50 — Feuilleton. Der Kalarascher Chussen. (Aus meinen Kischenewer Notizen.) Im Wartesaal des jüdischen Krankenhauses, der von einigen Gaslampen schwach beleuchtet war, lagen die Verwundeten und Halbtoten auf Strohsäcken ausgestreckt. Zuweilen übertönte ein schärferes Röcheln, ein Todeskampf-Schluchzen das einförmige Gesurre. Auf dem Fussboden bildeten bereits Lachen verdickten Blutes, gemischt mit Staub, Fetzen und Federn, einen eigenartigen Sumpf. Doch die Wände, unschuldsvoll weiss, hie und da mit Bildnissen selbstzufriedener, wohlgepflegter Würdenträger behangen, boten einen fürchterlich grellen Gegensatz zu dieser Szenerie. Ein schwerer Geruch, in dem die Ausdünstungen übel zugerichteter menschlicher Körper mit den ätzenden Düften der „lateinischen Küche" wetteiferten, flatterte um dieses röchelnde Beinhaus. Von aussen, aus der Menge, die jeden Augenblick wuchs, stieg ein fürchterliches Sausen von Stimmen, Klagen und Verzweiflungsrufen empor. Einige Stunden früher sind Menschen über Menschen hergefallen. Vom Kampfplatz brachte man blutende und verstümmelte Juden. Nun war es spät in der Nacht; die Schatten taumelten im spärlichen Lichte der Lampen. Man suchte die Opfer des Massacres. Ein fortwährendes Hin- und Hergehen von der Strasse nach dem Wartesaal zu den weissen Wänden, wo die Körper aufgehäuft waren, zerfleischt, heulend, mit ihren federbedeckten Gesichtern, mit ihren zerbrochenen, die Kleider durchlöchernden Gliedern, mit ihren klaffenden Leibern, aus denen die Eingeweide herabhingen, sich windend und zuckend, wie eine purpurrote Gallerte bei jeder Bewegung, bei jedem Krampf. Ein besonders entsetzliches Bild bot einer der Verstümmelten. Der Körper war — ausser einigen mit Blut unterlaufenen Flecken, die von Schlägen mit „Dritschkes" herrührten — fast unverletzt. Aber die „Pogrome-Bestie schien mit seinem Gesicht einen grauenvoll tollen Streich gespielt zu haben. Die behaarte Kopfhaut war wie mit einer Zange von einem Ohr bis zum anderen heruntergerissen. Ueber die Stirn herabhängend, schien sie eine Plattmütze oder ein Käppchen zu sein, dessen Fell an die Haut festgeklebt war. Von hinten war der skalpierte Schädel perlmutterglänzend und rosig. Der Kinnbacken gähnte träge ohne irgend eine Lebensäusserung und Hess die Zunge fast abgeschnitten sehen. Die Zunge verriet etwas Leben; sie zittert wie ein dunkler Blutkuchen über dem zerfetzten Zahnfleisch. Die Zähne, aus ihren Zellen herausgeschlagen, sahen wie in schmelzenden Honig hineingebohrte Knöchelchen aus. Die Oberlippe, angeschwollen, war mit Tropfen geronnenen Blutes bedeckt und unter der Wassero-eschwulst der aufgerissenen Wimpern rollten die Augen wie ausgespritzt mit irrem Blick, sich in den Raum verlierend, voll Entsetzen. Fast pendelartig bewegte sich diese schreckensvolle Maske von einer Schulter zur anderen. Rauhe, heisere Töne entstiegen der schmerzvoll zuckenden Kehle. Bei jeder Einatmung sickerte mit einem plätschernden Schalle das Blut in schwarzen Tropfen oder stürzte sich sprudelnd in rosigen Blasen. Doch die langen, weissen Hände suchten durch eine langsame, aber trotzvolle Bewegung zu zeigen, dass Leben noch vorhanden ist. Im Vorbeigehen schüttelte der ordinierende Arzt den Kopf, blieb eine Weile stehen, sagte zu dem ihn begleitenden Oberarzte einige Worte und ging weiter. Aber der Verstümmelte, der seine ganze Geistesgegenwart behielt, sah die Geberde, begriff die Bedeutung der Worte. Plötzlich entstiegen aus den Tiefen der Leiden Reihen von Erinnerungen vor seinem Schmerzenslager. Wie in einem Nebel tauchten sein Leben, seine Hoffnungen vor ihm auf. Kalarasch, die Vaterstadt, die Eltern, das Cheder. Er kam als Bräutigam am Chol Hamoed, seine Braut in Kischenew zu besuchen. In diesen Tagen sollte sie seine Frau werden. Er wird sie nicht mehr sehen. Hier wird er sterben, zerfleischt, verunstaltet. Kein Blick wird den seinigen begleiten nach der ewigen Nacht. Wie geht es ihr jetzt? Die gute, das „Täubchen"? Hat das Missgeschick auch sie erreicht? Die ganze Energie des Sterbenden gipfelte in dem Wunsch sie zu sehen, die Zärtlichkeit ihrer warmen Hände zu fühlen. Er rührte seine Hände. Noch lebt er. Aber die Hände waren eiskalt. In demselben Augenblick schritt jemand durch den Saal, näherte sich der Tür und öffnete sie. Eine wirbelnde Strömung entstand in der Menge. Köpfe neigten sich herüber, Frauen stürzten sich voran mit verzweifeltem Geschrei. Kleine Kinder begannen zu weinen, indem sie sich in die Rockfalten ihrer Mütter drückten. Eine Stimme beherrschte das Geschrei: Ich bitte diejenigen, die einen Verwandten suchen, einzutreten und ich bitte die Eintretenden, sich aus Rücksicht auf die Kranken der grössten Ruhe zu befleissigen. In der Einfassung der Tür erschien eine Menge gespensterhaft aussehender Gesichter. Das Defilieren begann. Die Verwundeten lagen in Reihen. Von Zeit zu Zeit — ein Schrei, ein Schluchzen, ein erkanntes Gesicht. Dann gingen die Gruppen weiter. Sie schritten zitternd, mit Zähneklappern, leichenblass, nur die Ihrigen suchend. Aber vor dem Mann mit dem zerrissenen Gesicht ergriff sie alle ein grosser Schauer. Er fühlte, wie das Leben seinem Körper entweicht. Sein irrer Blick suchte in der Menge. Plötzlich erscholl ein Röcheln aus seiner Brust. Er erblickte sie. Wie war sie hell und süss in diesem Wirrwarr. Er sah sie. Sie war da. Wie langsam sie schreitet! Schnell, schneller! Ich sterbe. Er möchte schreien: Ich bin es! Erkennst du mich nicht? Mich, deinen Bräutigam? Komm her! Ganz nahe! Doch aus seinen zertrümmerten Kiefern erscholl nur ein knurrendes, erschreckendes, grässliches Schluchzen. Wie konnte sie ihn erkennen? Erst am nächsten Tage erfuhr sie, dass ihr Chussen verwundet und gestorben ist. Er war das richtige Bild des jüdischen Schmerzes. Nicht einmal sprechen können wir —- höchstens röcheln. N. S o k o 1 o n. Todesfall. In Lemberg starb vor einigen Tagen der verdienstvolle Führer der zionistischen Arbeiter, Samuel Schorr. Er war der Gründer des Vereines Achwah und seiner Initiative ist der letzte Arbeitertag zu verdanken. Er war ein gefürchteter Gegner der jüdischen Sozialdemokraten, die er publizistisch im „Haiwri" und in der Jargon ausgäbe der „Welt" bekämpfte. Seine Kollegen aus der Achwah trugen den Sarg ihres Freundes auf ihren Schultern durch ganz Lemberg bis zum Grabe. Tausende Menschen folgten. Die Grabreden entfielen auf Wunsch der Familie.

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