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Die Welt · 1903-08-21 · 34 (21.8.1903) · p. 21

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
34 (21.8.1903)
Article
Der sechste Kongress
Date
1903-08-21
Page
21 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 34 •^Me'.grWelt" Seite 21 Dr. S. Rojsenheck, Frau Sofie Robitschek, Dr. J. Reiss, Dr. J. Schalit, Herrn. Schimmer, Dr. S. Soskin, Siegm. Stegmann, Gustav Singer, Dr. H. Sussmann, D. H. Tieger, E. Torczyner, Dr. S. Wahrhaftig, Siegm. Weissglas, Dr. Siegm. Werner, H. York-Steiner, Dr. E. M. Zweig. Ueber die Russlandreise Dr. Herzls. (Zeitungsstimmen.) Hebräische Blätter melden über die Reise Dr. Herzls, dass er am 6. August in den frühen Morgenstunden in Warschau eintraf und dass jeder offizielle Empfang absichtlich unterblieb. Bloss einige hervorragende Zionisten erwarteten Dr. Herzl, der in der. Zeit bis zur Weiterfahrt einen kurzen Spaziergang in der Stadt unternahm, wobei er zum Schlüsse von den wenigen Juden, die schon die Strassen bevölkerten, erkannt, und, wie der „Freund* berichtet, unter sichtlich tiefer Bewegung begrüsst wurde. In seiner Begleitung befand sich Dir. Dr. Katzenellensohn, mit dem er nach zweistündigem Aufenthalt die Reise nach Petersburg fortsetzte. In Wilna hatte sich eine offizielle Deputation der Kultusgemeinde und des Rabbinats arn Perron eingefunden und benützte den viertelstündigen Aufenthalt Dr. Herzls, um ihn warm willkommen zu heissen. Nach den Dankesworten des Begrüssten, auch für die ihm von Damen überreichten Blumen, setzte sich der Zug wieder in Bewegung. Allgemein herrscht in den auf der Reise berührten zionistischen Gemeinden tiefes Bedauern darüber, dass ihnen nicht Gelegenheit geboten wurde, ihren Führer zu feiern und ihm ihre Begeisterung auszudrücken und die Redaktionen der hebräischen Blätter haben ausserordentlich viel damit zu tun, Fragen über das Befinden und den Aufenthalt Dr. Herzls zu beantworten. In Petersburg, wo die Anwesenheit Dr. Herzls bekannt wurde, bemächtigte sich der Zionisten eine tiefgehende Erregung und nur die offiziellen Wünsche hielten die Absichten zu jeder Demonstration nieder. An den dortigen Aufenthalt schliesst folgendes an: „Der Freund" berichtet: Am 30. Juli (11. August) veranstalteten die Petersburger Zionisten ein Bankett zu Ehren Dr. Herzls, zu dem sich die Vertreter aller jüdischen Zeitungen Petersburgs einfanden. Der Abend verlief unter anhaltend ernsten und inhaltsreichen Reden. Jeder Anwesende fühlte, dass der Moment ein wichtiger sei. Die Tatsache allein, dass Dr. Herzl in Petersburg war, genügte, um die Stimmung zu einer ausserordentlich bewegten zu gestalten. Dr. Herzl, über das Ziel seiner Reise befragt, antwortete, er sei noch nicht in der Lage, darüber zu sprechen. Er erkundigte sich eingehend über die zionistische Arbeit in Russland und nahm dann Anlass, sich über die Bewegung im allgemeinen in einer längeren Rede zu äussern. Er sagte ungefähr folgendes: Ich freue mich, nach Russland gekommen zu sein und meine Brüder hier gesehen zu haben mitten in ihrem Leben und Treiben. Ich bin hier fremd, aber feste Bande knüpfen mich an meine russischen Brüder, die brüderliche Arbeit für das Wohl und die Zukunft unseres Volkes. Ich gestatte mir daher, zu euch nicht wie ein Gast zu sprechen; ich habe euch nämlich manches zu sagen, was vielleicht einige nicht gern hören. In solchen ernsten Augenblicken muss offen und frei das ausgesprochen werden, wess' das Herz voll ist. Ich halte es für ungemein wichtig, dass das zionistische Programm, wie es zuerst in Basel ausgearbeitet und formuliert wurde, aufs Strengste eingehalten werde. Wir müssen dieses Programm festhalten, es mit allen Kräften zu verwirklichen bestrebt sein; es darf nichts Neues und Fremdes in ihm gesucht oder in dasselbe hineingetragen werden. Wenn ich zugleich sage, dass wir jetzt keine Gegenwartsarbeiten zu verrichten haben, meine ich nicht, dass diese uns nicht einmal später obliegen werden. Jetzt dürfen wir uns nicht mit solchen befassen. In unserem Lande wird es hoffentlich verschiedene Parteien, verschiedene Anschauungen geben. Jetzt aber halte ich es für nicht zeitgernäss, sich mit solchen Fragen zu befassen. Ich bin durchaus kein Mann von bourgeoiser Weltanschauung, wie sich unsere Gegner bemühen, mich als solchen darzustellen. Aber unsere Arbeit ist eine schwere und fordert von uns die Anspannung aller Kräfte, das Sammeln in eine m Punkte, zu einem Ziele. Unser rein zionistisches Programm erfordert ganze Menschen, nicht halbe, zerrissene und zersplitterte Kräfte. Leute, die mit einem Fusse bei uns, mit dem zweiten im anderen Lager stehen, können unserer Sache keinen Nutzen bringen. Glaubet mir, dass es nicht von Nutzen, dass es höchst schädlich ist, andere Prinzipien mit den eigentlichen wesentlichen unserer Bewegung zu vermengen. Was uns allein nützen kann, ist: Mit aller Kraft an dem rein zionistischen Programme festzuhalten und darin schliesslich zu arbeiten. Ich hoffe, dass meine Worte bei euch Anklang finden werden." Es sprachen noch mehrere Redner in würdiger und ernster Stimmung über verschiedene Seiten der zionistischen Bewegung. Das Bankett endete um 3 Uhr morgens. In Liebe und Freundschaft verabschiedete man sich von dem Gaste. * Ueber die Reise betont „Hazefirah" als ausserordentlich bemerkenswert, dass „Dr. Herzl" als solcher und nicht etwa wie sonst Juden unter irgendeiner Deckung in Russland eingefahren sei. In allen Blättern kommt die Bewunderung zum Ausdruck, wie energisch und aufopferungsvoll Dr. Herzl für seine, des jüdischen Volkes Ziele, jederzeit ununterbrochen an der Arbeit sei. Auch der mächtige Eindruck seiner Persönlichkeit wird stets hervorgehoben. Ueber die Ziele der Reise ist die Aeusseruug feststehend, dass Dr. Herzl mit seinen Erfolgen sehr zufrieden sei und demnächst Gelegenheit haben werde, sich darüber zu äussern. Mährisch-schlesische Distriktsversammfung. In Prerau tagte am 9. August die diesjährige Distriktsversammlung, von 22 Vereinen durch 17 Delegierte und seitens des L.-K. durch Art. Freund und Dr. E. M. Zweig beschickt. Namens des D.-K. referierte Gg. Herzlikiewicz-Bielitz eingehend über die Parteitätigkeit im Berichtsjahre und den derzeitigen Stand der Distriktsorganisation, welche sich als recht unbefriedigend darstellt. In der lebhaften Debatte wurde auch die Geschichte eines Wahlflugblattes aufgerollt, welches anlässlich der vorjährigen mährischen Landtagswahlen von den Herren Nassau und Hickl-Brünn namens des (Bielitzer) D.-K. ediert werden sollte, dessen Herausgabe angeblich jedoch unterblieb, weii die Brünner dem Begehren des L.-K. auf Abtretung dieser poutinischen Agende an kompetente Behörden, das D.-K. und L.-K. nicht nachkommen wollten. Der Standpunkt des L.-K. wurde in namentlicher Abstimmung als berechtigt anerkannt, doch ebenso der aufgestossene Formfehler der Brünner als durch ihre Entschuldigung als gesühnt erklärt. Dem D.-K. wird das Absolute)rium erteilt. Zwecks Neuwahl des D.-K. schlägt einerseits Gg. Baumgarten-Br \ :. eine Brünner, Gg. Herzlikiewicz eine Olrnützer Liste vor. l> 7\veig ersucht seitens des L.-K. von Brünn abzusehen, da die üvrtige Organisation, seit Jahren zerrüttet, keine Gewähr für eine ordentliche Distriktsverwaltung gäbe. big. Rob. Stricker-Brünn verwahrt sich gegen die Einmengung des L.-K-, das ja doch nur aus persönlichen Gründen gegen Brünn sei. Dr. Z » eig erwidert, dass allerdings Bedenken gegen den Ernst und die Zuverlässigkeit bestimmter Personen vorliegen, und führt :n dreiviertelstündiger Rede die Beschwerden des L.-K. gegen den zum Distrikts-Obmann vorgeschlagenen Max Hickl aus, dessen Bestätigung dem L.-K. kaum möglich sei. Herr Hickl erwidert auf diese Augriffe. Hierauf wird in Erwägung, dass als Sitz des neuen D.-K. kein anderer Ort als Brünn möglich sei. dieses mit 12 gegen 5 Stimmen und alsbald in der Stichwahl H:ckl als Obmann des D.-K. mit 10 gegen 7 Stimmen und die übrige Brünner Liste gewählt. Nach einer lebhaften Debatte über die nächsten Aufgaben der Organisationen wird der Distriktstag am späten Abend geschlossen.

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