Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 34 (21.8.1903)
- Article
- Zionismus und Fortschritt
- Date
- 1903-08-21
- Page
- 17 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 34 „Die £ Welt" Seite 17 unter dem Worte Kosmopolitismus verstanden werden muss. Nicht für alle hat dieses Wort die gleiche Bedeutung. Es gibt Leute, welche glauben, dass einst der Tag kommen wird, an dem alle nationalen Scheidewände einstürzen, die Völker zu einer Familie verschmelzen werden, so dass es dann „weder Hellenen noch Juden" geben werde. Es sei infolgedessen nicht nötig, noch eine überflüssige Nationalität zu schaffen. Wir möchten hier nicht auf die Fehlerhaftigkeit dieser Ansicht vom Kosmopolitismus eingehen, denn dies würde uns zu weit führen und bemerken bloss dazu, dass so lange die Lebensbedingungen auf der Erdkugel verschieden sein werden (und das werden sie ja immer sein), es auch nationale Verschiedenheiten geben wird. Der Tag, an dem es „weder Hellenen noch Juden" geben wird, wird also wahrscheinlich nie eintreten. Als Beweis für die Richtigkeit dieser Behauptung kann die Geschichte Europas im XIX. Jahrhundert dienen. Die Zahl der Völkerschaften hat sich während dieses Jahrhunderts nicht nur nicht verringert, sondern im Gegenteil vergrössert und jedes Jahrzehnt schenkt uns eine neu erstandene Nation. Mit einem Worte, wir bemerken nicht den Prozcss einer Verschmelzung, sondern einer D i f f e - renzierung, welche immer intensiver wird. Und ob dies zu bedauern ist, bezweifeln wir sehr. „Bis jetzt hat noch keine Nation begriffen, wie notwendig das Vorhandensein anderer Nationen ist. Die fortschreitende Kultur eröffnet uns nicht nur die Eigenheiten der verschiedenen Nationen, sondern gibt auch den einzelnen Völkern eine grosse Möglichkeit, die allgemeine Entwicklung mit ihrem eigenartigen Beitrage zu bereichern. Geradeso, wie die Familie das Verbindungsglied zwischen den einzelnen Individuen und dem Staate ist, verbinden die einzelnen Nationalitäten die Individuen mit dem ganzen menschlichen Geschiechte. Dieser Umstand stört die .menschheitliche Entwicklung durchaus nicht. Im Gegenteil, er macht diese Entwicklung nur noch inhaltsreicher und vielseitiger."*) Neben der obengenannten Ansicht vom Kosmopolitismus existiert noch eine andere, welche vor beinahe 3000 Jahren von dem Propheten Jesaja verkündet worden ist. Das Ideal dieses Propheten war Brüderlichkeit unter den Völkern, aber keine Verschmelzung derselben. Der Kosmopolitismus kann auch gar nicht die Verschmelzung anstreben und umsoweniger noch eine gewaltsame Verschmelzung. Es ist der Protest der menschlichen Seele, aber nicht gegen den Nationalismus als solchen, sondern gegen den nationalen Egoismus, dort wo derselbe seine Grenzen überschreitet. Das Losungswort des Kosmopolitismus ist nicht die Einheit aller Nationen und Völker, sondern die Einigung derselben. Die Nationen werden und müssen fortdauern, weil in der Verschiedenheit der Denkweise und Schöpferkraft, die eben durch ihre Nationalität bedingt sind, die ganze Pracht der allseitigen Entwicklung des menschlichen Gedankens enthalten ist. Der rationelle Patriotismus besteht in dem Bestreben — seine Nationalität zum einflussreichsten Träger des Fortschrittes zu machen. Der Nationalismus steht also, wenn er nicht in Chauvinismus ausartet, durchaus nicht im Gegensatz zum Fortschritt; im Gegenteil — er ist einer seiner mächtigsten Hebelarme. Der unlängst verstorbene Philosoph Wl. Solowiew drückte das folgendermassen aus: „Jede historische Schöpfung wurzelt in persönlichen Kräften und Fähigkeiten, ist durch das nationale Milieu bedingt und führt zu Resultaten, welche für die ganze Menschheit von. Bedeutung sind." Wenn andererseits noch am Ende des XIX. Jahrhunderts ein brudermörderischer Krieg zwischen den Gliedern einer Nation möglich war, kann man denn darauf hoffen, dass das Zeitalter der Brüderlichkeit unter Völkern bald eintreten werde? Wenn nach 40 Jahrhunderten nach dem Verkünden der ethischen Formel: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" noch Blutvergiessen unter Menschen, die eine r Nation angehören, möglich ist, wenn 40 Jahrhunderte nicht imstande waren, in dem Menschen die elementaren Grundsätze der Nächstenliebe (der Nation nach) gross zu ziehen, wie viel Jahrhunderte müssen dann noch in die Ewigkeit sinken, bis die Völker beginnen werden, einander zu lieben, damit das Ideal Jesajas, d. h. die Brüderlichkeit unter Völkern sich verwirkliche! Jedenfalls wird noch sehr viel Zeit vergehen, bis die Völker das Prinzip der Nächstenliebe begriffen und sich zu eigen gemacht haben werden und niemand hat das Recht, von einer Nation zu verlangen, sie solle bis dahin die reichlich niederfallenden Hiebe geduldig ertragen. Jede Nation muss sich an die Hegel halten: „si vis pacem, para bellum" — wenn du unbehelligt bleiben willst, sei stets zum Kampfe, zur Abwehr gerüstet. Deshalb ist die Grundlage eines jeden Nationalismus die Abwehr, welche durch den Selbsterhaltungstrieb hervorgerufen wird, somit also ganz natürlich ist. Ebenso wie eine Einzelperson, die dem Tode zu entrinnen sucht, nicht dafür getadelt werden darf, verdient auch eine Nation, die für ihre Eigenart kämpft, keinen Tadel. Eine Nation aber, welche durch Jahrhunderte voll schwerer Prüfungen hindurch ihre Individualität, ihr geistiges „Ich" getragen hat und für keine Güter der Welt dasselbe aufgeben will, verdient eher Bewunderung als Tadel. In der Existenz verschiedenartiger Nationen liegt also die Bürgschaft des Fortschrittes und die Erhaltung der jüdischen Nation, der die menschheitliche Kultur so viel schuldet, steht nichts weniger als im Widerspruch zum Fortschritt. Man muss im Gegenteil den Zionismus als lichtvollste Erscheinung unserer Zeit begrüssen, denn er ist ein lebendiger Protest gegen - die Vernichtung einer der ältesten und kulturreichsten Nationen. Man ist zur Annahme gezwungen, dass die Liberalen, die den Zionismus eine reaktionäre Bewegung nennen, in der gegenwärtigen Lage der Juden die Bürgschaft des Fortschrittes sehen. Also, eine durch statistische Daten bewiesene Entartung, eine gewaltsame systematische Vertilgung alles Menschlichen und Sittlichen aus unserer Natur, ein moralisches und politisches Ghetto, in welchem die Juden ersticken, chronisches Hungerleiden, begrenzte Zulassung zur Aufklärung und gesellschaftlicher Tätigkeit — führe, den Liberalen nach, zum Fortsehritt, während die Hebung des menschlichen und nationalen Selbstbewußtseins, die Hebung der physischen und ökonomischen Kräfte durch Annäherung an die Mutter Erde in der alten Heimat, die Schaffung eines Staatsorganismus, wo die Nation sich nach allen Seiten ihres geistigen Lebens frei entwickeln kann, wo sie Wissenschaft und Kunst wiederum kultivieren und mit dem Jahrhundert gleichen Schritt halten wird — kein Fortschritt sein soll. Also — Wiedergeburt, Arbeit, Leben ist Reaktion, während der sittliche und nationale gewaltsame Tod nach der Meinung dieser Leute — Fortschritt ist! Wrir dürfen deshalb sicherlieh mit Recht behaupten, dass diejenigen, welche den Versuch des Zionismus — die Eigenart der jüdischen Nation zu erhalten oder besser gesagt zu verjüngen, tadeln, nicht auf Seiten der Gerechtigkeit und des Fortschrittes' stehen, wie unsere Doktrinären es annehmen, sondern auf der Seite der Gewalt und der Reaktion. *) Q. GÖfding, „Ethik", 1898, S. 315.