Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 34 (21.8.1903)
- Article
- Photographische Aufnahmen von meiner Palästinareise (I.)
- Date
- 1903-08-21
- Page
- 16 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316013-3316055-3336291--42787-3336357- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 16 'Die # Welt" Nr. 34 Und siehe da! In Mesha wie in Jania waren die Bauern schon nach Ablauf eines Jahres völlig selbständig, verlangten keinerlei Zuschüsse und waren zufriedener, als die von Rischon und Sichron. Hier hat man eben richtig mit der menschlichen Natur, ihren Vorzügen und Schwächen gerechnet und man weiss nun, wie man in Zukunft vorzugehen hat. Zunächst haben die Erfolge in Galiläa den Entschluss des Barons gezeitigt, wacker zu arbeiten und bei Akkon und in der Gegend von Tiberias sind seit einem Jahre für Kolonisationszwecke gegen 90 000 Dunam Land angekauft worden. Auch die Ica wird sich dem Eindruck dieser Erfolge nicht entziehen können und weiterkolonisieren müssen, nun man ihr den Nachweis geliefert hat, dass die Kolonisation wohl fortzuführen ist. Welche Gründe will sie heute noch für ihr „Nein" anführen? Die An Siedlung einer Familie kostet nach dem neuen System noch immer 8—10 000 Erancs. Aber man vergesse nicht, was die ersten Ansiedhingen gekostet haben und veiter muss man erwägen, dass die Bauern der neuen Dörfer Kolonisten der alten Rotschild'schen Kolonien sind, die man bereits an Ansprüche gewöhnt hat. Später wird man mit anderen Arbeitskräften weit billiger vorgehen können. Noch ein zweiter, wohlgelungener Versuch verdient Beachtung. In Sedjerah hat die Ica auf einem sehr grossen Terrain eine Musterfarm angelegt. Nur mit jüdischen Taglöhnern hat man das Land gerodet, Getreide gesäet und geerntet. Schon im zweiten Jahre deckt Sedjerah alle Betriebskosten, im nächsten wird man nicht unerhebliche Ueberschüsse erzielen. Von morgens halb 6 Uhr bis zum späten Abend wird auf den Feldern gearbeitet, gepflügt, gesäet und geerntet. Es wird praktische Viehzucht getrieben und hier allein fanden wir auch die Frauen tätig auf den Feldern,- gewiss ein grosser Erfolg. Also, einmal wird das Anlagekapital verzinst und dann werden wirkliche Bauern herangebildet, Bauern, die in harter, bäuerlicher Arbeit erzogen sind, die neuesten Ackergeräte, die festen Ackerbaumethoden kennen und so bei einer späteren Kolonisation ein vorzügliches Menschenmaterial abgeben werden. Hier scheint mir der Wegweiser für unsere vorläufige Tätigkeit in Palästina gegeben zu sein. So lange wir den Charter nicht besitzen und also im grossen Massstabe nicht kolonisieren können, sollten wir aus dem Nationalfonds Land ankaufen, darauf Musterfarmen errichten und auf diese Weise dreierlei erreichen: uns Land zu sichern, die Anlagegelder zu verzinsen und einen Stamm von Bauern heranzuziehen, den wir später, beim Beginn der Grosskolonisation, zu Instruktoren der einwandernden, mit dem Ackerbau nicht vertrauten Menge notwendig brauchen werden. Eine der schwierigsten Fragen für die Zukunft liegt in dem Umstände, class es an praktischen Vorbilden! für die neuen Bauern mangelt. Auf den Versuchs- und Musterfarmen können sie geschaffen werden und das Aktions-Komitee sollte dieser Frage ernstlich nähertreten. Die Ica aber wird nun erklären müssen, warum sie nueh nach den Erfolgen in Galiläa auf ihrem palästinafeindlichen Standpunkt beharrt. Oder sie wird sich dem Vorwurf des bösen Willens auch bei denen aussetzen, die sich bemühen, gerecht und objektiv zu urteilen. Dr. Adolf F r i e d e m a n n. Zionismus und Fortschritt Von Dr. J. B. Sapir. (Autorisierte Uebersetzung von A. Benjamin.) Man sagt, die Vorsehung habe die jüdische gebildete r\!asse dazu bestimmt, die Interessen der schutzlosen Menschheit zm wahren und die deutsche . Judenschaft faselt, dass darin unsere hohe Mission bestände. Alle Nationen sind ihrem Wesen nach egoistisch und vor allen Dingen bemüht, ihr eigenes Los so gut als möglich zu gestalten, ohne viel an den „Nur-Menschen" zu denken. Sie nehmen an, dass die Menschheit nichts dabei verliert, wenn es ihnen gut geht. Die jüdischen Gebildeten aber sind vor allen Dingen darum bekümmert, was aus der Menschheit' im allgemeinen und besonders aus den Nachbarvölkern werden wird, nachdem es den Juden endlich gelungen sein wird, sich menschenwürdig einzurichten. Und noch bevor diese Herren das Geringste •unternommen haben, um den langersehnten Augenblick der Unabhängigkeit Judas näher zu bringen, sind sie schon sehr darum bekümmert, was dann sein wird, denn „sehr oft", sagen sie, „beginnt eine frei gewordene Nationalität andere Nationen zu unterdrücken"; und geängstigt kehren sie den nationalen Bestrebungen ihres Voljkes den Rücken. Sie verstopfen sich die Ohren, damit sie die Hilferufe nicht hören. Sie verfolgt bloss der eine Gedanke: „Was wird aus den armen Beduinen, ihren zukünftigen Nachbarn, werden, wenn die Juden ein Gemeinwesen in Palästina erlangen? Werden sie sich mit denselben nicht herumzanken?" Das wäre lächerlich, wenn es nicht so traurig wäre. Auch die jüdischen Gebildeten verfolgen nationale Interessen, aber nicht der Juden, sondern der Beduinen, der Araber wegen opfern sie ihre eigene Nationalität. Wo ist hier die Humanität? Die Juden leiden j e t z t, warum denkt ihr an die noch nicht vorhandenen Leiden eines euch fremden Volksstammes? Kossuth und Petöfi haben sich solche nutzlose Prägen nicht gestellt. Garibaldi mit seinen „Tausend" dachte vor dem Kampfe nicht darüber nach, ob nicht 40 Jahre nach der Vereinigung Italiens die Mailänder Unruhen stattfinden werden. Diese grossen Söhne ihres Volkes dachten nur an eines — an die Freiheit und die Grösse ihrer Nation. Und diese und auch andere Nationen erlangten ihre Freiheit nur dank dem Umstände, dass weder Gambetta noch Washington, noch Mazzini nur nachgrübelten. Die jüdischen Politiker setzen sich, zum Unterschiede von Mazzini, Gambetta, Pichte und anderen „beschränkten" Nationalisten, und zwar in Anbetracht der ihrem Seherauge vorschwebenden Unbequemlichkeiten für die Nachbarvölker, für die Selbstvernichtung ihrer eigenen Nation ein. Wie lässt sich diese unnatürliche Erscheinung erklären? Wenn wir die Sache näher betrachten, wird es uns klar werden. Gambetta, Kossuth und andere liebten ihr Volk unbegrenzt; jeder Schlag, der ihr Volk traf, fand in ihrer Seele einen unüberwindlich schmerzlichen Widerhall und dort, wo man unüberwindliche Schmerzen fühlt, überlegt man nicht nur, dort sucht man Mittel, diese Schmerzen zu beseitigen. Wenn die Mutter sieht, dass ihr Kind im Meeresstrudel ertrinkt, so stürzt sie sich sofort nach und fragt sich nicht, was aus diesem Kinde einmal werden, wird. Und wenn jeder Schlag, den die Juden bekommen, schmerzlichen Widerhall in den Herzen der jüdischen Gelehrten fände, so gäbe es heute keine abstrakten Debatten über den Zionismus. Ausser dem Wohle der Beduinen führen unsere Gegner als Grund gegen die nationale Wiedergeburt das Prinzip des Kosniopölitismus an. Die Kosmopoliten verlangen von den Juden vollständige Verschmelzung mit den anderen Nationen, da das Endziel der Menschheit der „Nur-Mensch" sei und die Separation der Juden direkt gegen dieses Ideal der Menschheit Verstösse. Um also die Uneinigkeit zwischen unserem Volke und diesen Bestrebungen zu beseitigen, müsse man dasselbe von der ethnographischen Karte Europas wegradieren. Nachdem dieses Hindernis weggeräumt sein wrird, werde die Menschheit im beschleunigten Tempo seinem Ideale zuschreiten. Bevor wir beweisen, wie falsch und unlogisch eine solche Forderung ist, wollen wir erst sehen, was eigentlich