Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1903-08-21 · 34 (21.8.1903) · p. 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
34 (21.8.1903)
Article
Der gegenwärtige Stand der Kolonisation und die Ica
Date
1903-08-21
Page
14 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316013-3316055-3336290--42784-3336355
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 14 # w@ir Nr. 34 zu können und keiner Zuschüsse mehr zu bedürfen. Rechowoih ist bereits saniert und macht in der Anlage einen freundlichen Eindruck. Auch die Bauern von Wad-el Chanin erhalten keine „Stütze" mehr. In Pethach Tikwah ist der grösste Teil der Bauern unabhängig, während in Sichron auch das Aeusserliche bestechender ist als die inneren Zustände. In allen diesen Dörfern nun ist ein erfreulicher Fortschritt zu konstatieren, seit die Ica bezw. das „Comite Palestineen" die Verwaltung üliernommcn haben. Herr von Eothschild hatte ein gewaltiges Kapital, man spricht von 30 Millionen Francs, in die Kolonien gesteckt^ als er ermüdete. In vielen. Dörfern stellte sich der Betrag für die Ansiedhing einer Bauernfamilie noch immer auf 20 000 Francs. Viele Millionen waren zwecklos vergeudet und nur ein Teil investiert. Immer neue Zuschüsse wurden verlangt und die Frage des Weinabsatzes wurde brennend. Yiele tau sende von Hektolitern lagerten in Rischon und Siehron, jede Ernte brachte steigende Weinmengen, für die man keine Käufer hatte. So entschloss sich der Baron, die weitere Kolonisation vorläufig einzustellen. Er spendete einen Fonds von mehreren Millionen, der von Mitgliedern der Tca verwaltet wurde und 1)1 ich selbst Vorsitzender dieses Komitees, das die bestehenden Kolonien allmählich gemeinsam.mit der Ica sanieren, aber keine Ken grün ein n gen vornehmen sollte. . Die Ica bezw. das Comite Palestineen" gingen nun mit höchster Sparsamkeit vor. Man kaufte für diejenigen Bauern, die zu wenig Boden besassen, Land. Man beseitigte zahlreiche lebensunfähige Elemente, was zumeist zu loben war. Unnötig war dagegen, dass man auch einen Teil der Taglöhner, und zwar gerade die besten, zur Auswanderung zwang, indem man ihnen jede Hoffnung auf eine Ansiedlung nahm — und doch hätten gerade diese bescheidenen und tüchtigen Leute einen vorzüglichen Stamm für eine andere, durchaus gesunde und lebensfähige Kolonisation mit relativ geringen Kosten geboten, denn hier hatte man Leute, die den Boden kannten und liebten, den Ackerbai] verstanden und nichts anderes sein wollten, als wirkliebe Bauern! Und gerade sie mussten gehen! Die Reiter von •Rochowoth, die einst Dr. Herzl im Triumph einholten und wie das Symbol des freien, zu neuer körperlicher Kraft erwachten Judentums erschienen, reiten heute durch die Steppen. Australiens. Irgendwelche ZSrcuansiedlungen waren prinzipiell ausgeschlossen. Man weigerte sich, den Bauern Zuschüsse zu geben, verwies sie auf die eigene Kraft und verlangte persönliche Arbeit auf den Fehlern. Man schränkte die bevormundende Wirksamkeit der Verwaltungen ein, verlangte Initiative von den Bauern und räumte in den Schulen dem hebräischen. Unterricht einen breiten Platz ein. Das alles sind entschieden Verdienste der neuen Verwaltung, die auch von den Kolonisten selbst vielfach, anerkannt werden. So weit wir Gelegenheit hatten, die Beamten der Dörfer kennen zu lernen, haben wir durchweg den Eindruck wohlwollender, tüchtiger und gewissenhafter Männer empfangen. Endlich wurde die Frage des Weinabsatzes reguliert. Im vergangenen Jahre sind, wie man uns mitteilt, zum erstenmale seit Bestehen der Kolonien alle Bestände des Hamburger Lagers verkauft worden — 17 000 Hektoliter — und diese Frage scheint demnach erfreulicherweise gelöst. Wir haben somit willig anerkannt, was zu loben ist. Aber in all dem Vorgehen der Ica lag etwas ruckweises. Wenn man z. B. erklärte, dass man keine Verpflichtung anerkenne, die Söhneder Kolonisten als Bauern anzusiedeln, so lag darin gewiss ein berechtigter Kern. Die Verwaltung konnte sieh nicht unübersehbare Verpflichtungen für die Zukunft aufladen. Eine Tiebertreibung des Prinzipes aber war es, nun selbst den tüchtigsten Kolonistensöhnen irgend welche ZukunftsVersprechungen zu verweigern. Es war gewiss gut, das Französische in den Schulen zu Gunsten des hebräischen Unterrichts einzuschränken —- der Bauer, der französisch spricht, stellt von vornherein Ansprüche, weil er nieint, dass ein Hauch von Vornehmheit auf ihm ruhe. Aber weshalb beseitigte man es nicht gänzlich und nahm statt dessen die arabische Landessprache in den. Schulen auf? . Es ist doch ein -unerhörter.Zustand, dass in einer ganzen Reihe von Dörfern kein Bauer imstande ist, die Mitteilungen der benachbarten arabischen Dorfhäupter zu entziffern! Dann war endlich ein ständiges Hemmnis für den Fortsehritt und ein Wall gegen den guten Willen der Beamten in der Verwaltung von Beyrut vorhanden, der die Administrationen unterstellt sind. Was haben wir in den Wochen unseres Aufenthaltes in den Dörfern nicht alles über diesen „Herrn der Kolonien" zu hören bekommen! Auf Sehritt und Tritt, von Dorf zu Dorf, von Männern aller Berufsstellungen, klang uns das gleiche Urteil entgegen: „Völlige Verständivislosigkeit für die Aufgaben der Kolonisation, gepaart mit grossem Machtgefühl, das die guten Absichten anderer durchkreuzt." Möchte die Ica nicht einmal die Richtigkeit dieser Angaben prüfen? Was wir hier vorbringen, kann ihr doch nicht unbekannt sein! Das pfeifen ja in Palästina die Spatzen von den Dächern! Weshalb duldet sie, dass die Generaladministration ausserhalb des Landes in Beyrut residiert? Was würde die Welt für Augen machen, wenn wir Ackerhaukolonien in Holland anlegten und ihr Leiter den Anspruch erhöbe, in Paris wohnen zu dürfen? Den Ackerbau erlernt man so wenig auf dem Kai von Beyrut wie auf den Pariser Boulevards. An die Spitze eines grossen Unternehmens gehören Leute, die etwas von der Sache verstehen und die Ica selbst sollte ein Interesse daran haben, dass Kritiken, wie wir sie in Palästina über den in Frage kommenden Herrn a 11 s e i t i g vernehmen, endlich verstummen. Als so die Verhältnisse-zwar gebessert, aber die weiteren-Ansiedlungen zum Stillstand gebracht waren, trat der Verwalter der tiberiadi sehen Kolonien, Herr Kaivaryski mit einem neuen Plan, hervor und erkämpfte sieh die Erlaubnis, ihn in die Praxis Hinzusetzen. Der Plan bestand wesentlich in folgendem: Man beschränkt sich auf den Getreidebau, für den in Galiläa grosse und fruchtbare Boden fläche]! zur Vorfügung stehen und der überdies auf den Bauer weit erziehlicher wirkt, als die Pflege der Weinstöcke. Denn beim Weinbau ist der Bauer im Orient eigentlich, nur I Monate im Jahre wirklich tätig, während der Ackerbau alle Kräfte in Anspruch nimmt und keine grossen Arbeitspausen zulässt, Dann nimmt man die anzusiedelnden Bauern und lässt sie selbst den. Boden urbar machen. Während dieses Jahres leben die Männer in einem gemeinsamen Hause von grosser Einfachheit ohne die Familien, die vorläufig in den fertigen Kolonien verbleiben. Sind die Leute so an Schlichtheit und Tätigkeit gewöhnt, so gibt man ihnen je 300 Dunam Land, ein Häuschen von. 2 Zimmern mit Küche und Stall und einige tausend Francs zum Ankauf von. Ackergeräten, Vieh usw. Sobald die erste Ernte hereingebracht ist, überlässt man die Leute sieh selbst. Sie führen ganz unabhängig ihre Verwaltung, werden von niemand kontrolliert, wissen aber auch, dass sie von niemand und unter keinen Umständen etwas zu erwarten haben. Die Administration: spielt nur die Rolle des Protektors gegenüber Jen Behörden, etwa so, wie der deutsche Konsul für die Templer von Sarona und Haifa. Ausserdem wird für Arzt, Apotheke und Schule provisorisch gesorgt, d. h. bis die Kolonie Mittel hat, sich auch in dieser Hinsicht unabhängig zu machen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.