Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 34 (21.8.1903)
- Article
- Es dämmert!
- Date
- 1903-08-21
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 34 *Die # Welt" Seite 3 Assimilanten sind am Ziele ihres bewussten oder unbewussten Strebens angelangt: Ihr Judentum ist tot, und sie sind nicht einmal imstande, eine würdige Pose für diesen letzten Moment anzunehmen, wie es sich nach einer so schönen und langen Laufbahn schicken würde. Ihnen gegenüber erhebt sich das ganze, das wahre Volk, leidend, krank, gebrochen, verfolgt, gepeinigt, arm, aber voll Lebenskraft und Lebenslust, Feuer in den Augen und Begeisterung im Herzen, einer grossen Idee und eines weitausschanenden Planes fähig! Das zionistische Volk, dem es ernst ist ums tägliche Gebet „um die Wiederherstellung des nationalen Glückes", das jenen anderen eine leere, öde Form ist, die sie wie Lügner plappern. Wie einst in Flandern die Geusen, wird auch das arme Judenvolk der Welt in einigen Tagen ein Schauspiel bieten. Das ihre aber ist einzig in seiner Art und hat nichts Gleiches in der Geschichte: Zermarterte Millionen Menschen finden im Augenblicke der höchsten Gefahr und des Leidens ihr Mannesbewusstsein wieder und haben den Mut und die Kraft, nicht bloss den grossen Plan zu fassen, ein Asyl für ein ganzes Volk zu gründen, sondern auch die Einsicht, seine Durchführung den selbstgewählten Führern zu übertragen. Im zionistischen Lager ist jetzt Juda. Es ist nicht Ueberhebung von unserer Seite, es zu sagen: es ist die reine Wahrheit. Denn unsere offizielle Zahl ist nicht bloss riesig angeschwollen; sie ist grösser, als es der Bericht des Aktions-Komitees angeben kann. Dieser ist nicht vollkommen. Er gibt bloss Ziffern über die Ausbreitung unserer Bewegung unter den Juden der ganzen Welt und spricht nur von jenen Zionisten, welche bereits durch die Entrichtung des Schekels sich offen und frei unter unsere Fahne gestellt haben. Der Bericht weist eine Lücke auf, da er nichts von jenen sagen kann, welche der Lüge und des Trages der Assimilation überdrüssig, im Herzen schon uns angehören und morgen oder übermorgen erleichtert den letzten Schritt tun und zu uns übergehen werden. Denn in den Reihen der Assimilanten dämmert es, selbst in den Kreisen der finstersten und erbittertsten Feinde unserer nationalen Arbeit. Der allein seligrnachende Glaube an die „grossen Prinzipien der Menschenrechte" usw. ist zerronnen, und leise zuerst und nur sich selbst beginnt man zu gestehen: Die grosse Assimilation ist tot! Sie hat erbärmlich Bankerott gemacht! Und allmählich wird dieses Geständnis lauter, so dass es auch andere schon hören. Und die Zahl jener nimmt zu, die das Judentum nicht mehr mit den Augen ihrer Blätter und Führer anzusehen wagen. Sie sehen die Alternative vor sich: Auf der einen Seite, auf ihrer, das sichere Grab, in das ihre Hoffnungen, ihr Streben und ihre Zukunft hinabsteigen, die jSTacht der Zertrümmerung, der Selbstverachtimg, das Bewusstsein zweckloser Penelope-Arbeit, welche zu zerreissen die anderen Völker sich die leichte Mühe geben; und auf der anderen Seite, auf unserer, die Wiedererstehung und das Bewusstsein des eigenen Könnens mit allem, was es zeugt. Die Wahl ist nicht schwer, aber für jene ist es ein bitterer Kampf. Manches Herz wird sich daran verbluten. Aber andere werden heimfinden. Der erste Kongress hat die Assimilanten erheitert, der zweite ergötzt, beim dritten und vierteil nährten sie die stille Hoffnung, dass sie die letzten sein würden, der fünfte hat sie stutzig gemacht, und heute, vor dem sechsten, ohne noch zu ahnen, wie gewaltig und erhebend er sein wird, dämmert in ihnen die grosse Erkenntnis. Sie sind reif, der Assimilation Adieu zu sagen. Sie, die Haltlosen und Schwachen, stehen staunend vor einer Tat. Sie bewundern das jüdische Volk (dieses Wort entschlüpft sogar schon ihren Lippen), das zionistische Judentum, und können kaum fassen, dass dieses so zielbewusst und ruhig, ohne sich durch Lockungen und Drohungen von seinem geraden, selbst vorgezeichneten Wege abbringen zu lassen, Schritt für Schritt vorwärts geht, Werk auf Werk vollbringt und endlich dabei angelangt ist, ohne viel Aufhebens sein Geschick, das Geschick des ganzen Volkes in seine eigene Hand zu nehmen und einfür allemal das dumme und entwürdigende Joch der Kehila-Grössen und Wohltäter abzuschütteln. Taten imponieren aller Welt, selbst jüdischen Assimilanten. Und darum dämmert es in ihren Köpfen. Und darum beginnen sie langsam zu uns zu kommen, ganz wie es im Goethe'schen Liede heisst: Halb zog sie ihn, halb sank er hin. LTnsere Bewegung zählt darum viel mehr Anhänger, als der Bericht des Aktions-Komitees es angeben kann. Und auch mit Rücksicht auf die Zahl können wir mit berechtigtem Stolz auf dem Kongress ausrufen: Hier ist Juda! Und unser wartet noch ein grosser, der grösste Triumph: Wenn der Kongress wieder einen neuen, mächtigen Quader in das Gebäude unserer nationalen Befreiung eingefügt haben wird, werden sich selbst die zähesten Assimilanten mit dem Werke und den Taten der Zionisten vor aller Welt brüsten! Denn sie sind ja — iVssimilanten. Die Zukunft des jüdischen Volkes. Von I. Zangwill. Aus dem englischen Manuskript übersetzt von Dr. Max Sillerlerg. Prophezeiung gilt als die willkürlichste aller Irrtunisformen. Die Gefahr eines Fehlgehens im Vorhersagen der Zukunft kann aber sehr verringert werden, wenn wir sie wissenschaftlich erschauen, nämlich als Teil einer Linie, von der zwei Punkte gegeben sind: Vergangenheit und Zukunft. Diese eine Form des Prophezeiens ist für uns alle zwingend, seien wir nun Bauern, die ihr Land bestellen, oder Staatsmänner, die Gesetze geben. Vergangenheit und Gegenwart des jüdischen Volkes sind der Schlüssel, zu seiner Zukunft. Das Haupthindernis aber für eine Vorhersage der Zukunft bildet nicht die Schwierigkeit, den kommende Zeiten verhüllenden Nebel zu durchdringen, sondern eben die Schwierigkeit, diese Vergangenheit und Gegenwart klar zu erkennen. Wer nun versucht, einen solchen klaren Aus- und Veberblick zu gewinnen, nuiss hoch steigen, so hoch, dass nur die fernen Umrisse der Landschaft sichtbar bleiben, sonst kann es ihm geschehen, dass er den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht. In der glücklichsten Epoche ihrer Geschichte finden wir die Juden in Palästina als Ackerbauer und Viehzüchter, als ein kriegerisches Volk, dessen grosse Hauptstadt der Mittelpunkt des religiösen Lebens und der jährliehen Pilgerzüge war. Daneben gab es noch einige andere bedeutende Städte, von denen aber keine ihren Reichtum dem Handel verdankte. Der war ja den Phöniziern überlassen, die in ihren grossen Häfen Tyrus und Sidon den ganzen Schiffsverkehr des Mittelmeeres konzentrierten. Dieser glanzvolle Zeitabschnitt endigt mit der Unterwerfung Israels durch Nebukadnezar; das jüdische Eeich wurde dann wieder hergestellt, der zweite Tempel errichtet, die Religion von Esra und Xehemia umgestaltet, das wiedererwachte 'Volk lebte nun im heiligen Lande unter verschiedenen Herrschern bis zur Zerstörung Jerusalems durch Titus im Jahre 70. Von dieser Zeit an existierten die Juden nur als religiöse Bruderschaft, überallhin zerstreut. Die Glaubensgemeinschaft wird durch die Gemeinsamkeit der Rasse verstärkt, da nach der Vorschrift des Gesetzes verwandtschaftliche Verbindungen mit Anhängern eines anderen Glaubens in der Tat unmöglich gemacht waren. Juden konnten Christen nicht heiraten, und Christen wünschten keine Ehe mit Juden. Wollte die Natur einmal dieser XJeberlieferung nicht achten, so be-