Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 33 (14.8.1903)
- Article
- Rom
- Date
- 1903-08-14
- Page
- 9 (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. m Die s*s W@It<* Seite 9 Rom. Ueber die Familie und die Jugend des neuen Papstes erzählt seia Bruder Angelo Sarto, früher Viktualienhändler und heute Posthalter in Curtatone bei Mantua uoter Anderem Folgendes : Nachdem er in Tombola neun Jahre Pfarrer gewesen, - wurde er nach Salzano versetzt. Dort lebte in einer Sommerwohnung die jüdische Familie Romanin-Jacur und dv-r alte Herr liess den neuen Pfarrer in sein Haus einladen. Aber Beppi wollte, ehe er ging, erst die Erlaubnis der Vorgesetzten haben; er erhielt sie und lebte in liebreichem, engen Verkehr (afifettuosa intimitä) mit der Familie Jacur. Der alte Herr half ihm bei seinen Liebeswerken, beriet sich mit ihm über die religiösen Angelegenheiten seiner zahlreichen Dienstbotenschaft und wollte vom Pfarrer immer wissen, ob seine Dienstboten auch wirklich zur Mrtsse gegangen waren. Und war dies nicht der Fall, so schalt er sie tüchtig aus oder entlieps de auf der Stelle. Der Abgeordnete Leo Roman in teilte einem Journalisten mit, dass er auch in letzter Zeit mit dem Patriarchen von Venedig in brieflichem Verkehr gestanden und dieser ihm Förderung seiner Projekte versprochen habe. London. Dr. Francis Warner, welcher 100.000 Schulkinder in England, Schottland und Irland bezüglich Gewicht, Wuchs, ßrusimass und allgemeiner körperlicher Verhaltnisse untersucht hat, gab. in einem Interview, welches im „Daily Chronicle" veröffentlicht wurde, bnkannt, dass er unter englischen, irischen uud jüdischen Kindern die letzteren viel gesünder uud besser entwickelt gefunden habe und dass dieselben weniger ererbte Fehler aufweisen. London. Sir Samuel Montague gab dem Londoner Gemeinderat 10 000 Pfund Sterling mit der Bestimmung, dass hi-tür ein Grund in Wood green (Londoner Vorstadt) erworben werde, worauf Wohnhäuser erbaut werden sollen, welche an Leute ohne Unterschied der Konfession und Rasse vermietet werden sollen, die in den letzten 3 Jahren im Wbitechapel gewohnt haben. Es ist übrigens die Meinung vorherrschend, dass die Errichtung neuer Fabriken und dif* Einführung neuer Industrien eine viel grössere Anziehungskraft auf die East- End-Juden ausüben würden, als die Errichtung von Wohnhäusern. — Zwei zionistische Gäste weilten jiingst in London: Die Henvn J. de Haas und Dr. Farbstein. Letzten Sonntag haben beide in einer Versammlung der Londoner „Bnei Zion" gesprochen und wurden vom Publikum lebhaft akklamiert. — Die meisten zionistischen Vereine der Hauptstadt sowohl als der Provinzen arrangierten für nS?Ön Sammlungen für den Nationalfonds in grossem JVUs.ssi.abe. — Die Augustnummer der Zeitschrift „The Worid's Work" wird mit Rücksicht auf den nächsten Kongress einen Artikel aus der Feder Z a n gwills über die zionistische Lage bringen. Der Artikel wird „Zion" betitelt. — Eine grosse zionistische Versammlung unter freiem Himmel wurde jüngst in Bucks Row Wnitechapel abgehalten. Massen von Menschen sind erschienen und grosser Enthusiasmus war vorherrschend. Resolutionen zur Aufrechterhaltung des „Zionw-Programmes, Kundgebungen für den sechsten Kongress und Hochrufe für Dr. Herzl wurden mit lebhafter AkJdamierung aufgenommen. Unter den Rednern waren Mr. Baker aus Glasgow, Mr. Shire, Mr. M_üller und Mr. Lennox Löwe und viele andere. Sogar der Polizei-Offizier, welcher den Sicherheitsdienst für diese Versammlung zu besorgen hatte, hielt Mr. Lennox Loewe an mit der Frage, wie es mit dem Zionismus vorwärts schreite und wünschte der Bewegung herzlich Erfolg, wie es jeder Christ tun sollte. — Das Parlamentsmitglied B. L. Cohen stellte neulich an den Untersekretär des Ministeriums des Aeussem die Frage, ob die Regierung nunmehr in der Lage sei, mehr Einzelheiten über die Kischenewer Massacres zu geben. In Antwort hierauf sagte Lord C ranborne, dass der englische Geschäftsträger in Odessa beauftragt wurde, einen Bericht zu liefern. Derselbe werde dem Parlamentesofort nach Eintreffen vorgelegt werden. London. Der altbekannte Philanthrop Mr. Isaac Davis, der einen sehr grossen Teil seines Vermögens der Unterstützung von Waisen, Greisen und unbemittelten Kranken widmete, hat sich die hiesige Gemeinde durch Anlegung eines Seehospizes, das er zum Andenken an seine Frau dem Waisenhaus und dem Spital geschenkt hat, neuerdings verpflichtet. Diese edle Widmung wird den Vorstand dieser Wohltätigkeitsinstitute in den Stand setzen, seine Pflegebefohlenen die Sommerzeit über unter weit besseren Verhältnissen unterzubringen, als es bisher der Fall war. Mr. Davis hat dem Asyl drei grosse Häuser in Royal Cresseot zugewiesen, die im äussersten Westen von Margate, nahe dem Naylandfeisen und daher in einiger Entfernung von den belebteren Teilen des Seebades liegen. Zur Zeit wird nur eines der Häuser verwendet, da das Komitee hofft, durch Vermieten der anderen zwei die Summe für den jährlichen Unterhalt zu gewinnen. Johannesburg. Hier macht der Zionismus grosse Fortschritte. Ueber 800 Mitglieder zahlen Seh ekel. Der Schekelbeitrag ist von 12 Schillingen auf 24 Schillinge erhöht worden. Die „Transval Zionist Association" hat beschlossen, zur Errichtung einer zionistischen Halle Grund abzukaufen. Mr. Langermann versprach sofort 1000 1 Pfund Shares zu kaufen. Als Delegierte zum Kongress wurden gewählt Mr. L. Kessler, Dr. Marmor ek (ParisJ, Mr Adam A 1 e x a n d e r, Dr. S c he c h t e r (New-York) und Mr. S. G o 1 d r e i c h. Petersburg, Vielfach wurde in jüngster Zeit die Tatsache bemerke, dass fast sämtliche national-russische Blätter, welche den Regierungskreisen nahe stehen, die sogenannte Judenfrage in Russland in einer Artikelserie behandeln uod die einzige günstige Lösung dieser Frage in der Auswanderung der Juden aus Russlaud erblicken. Nach der „Nowoje Wremja" ist es nun der „Swjet", welcher in seiner jüngsten Nummer kategorisch erklärt: „Der Zwiespalt zwischen Christen und Juden ist unausrottbar; ein friedliches Zusammenleben ist unerreichbar". Auch im „Russkij Wjestnik" veröffentlicht der bekannte russische Würdenträger I s t o m i n einen längeren Artikel, in welchem er sogar verlangt, dass die Regierung den Juden auch ihre religiösen Schulen nehmen solle, damit „der verhängnisvolle Einfluss der Juden unschädlich gemacht wird." Petersburg. Der von vielen schon seit vielen Jahren gehegte Wunsch, dass ein Bureau tür jüdische Emigranten errichtet werde, welches die von Jahr zu Jahr wachsende Auswanderung in einigermassen geordnete Bahnen lenkt, scheint sich allmählich seiner Verwirklichung nähern zu wollen. Bereits vor einigen Monaten ist ein solches Bureau in London eröffnet worden, um den via London Auswandernden über d«n jeweiligen Zustand des Arbeitsmaiktes in den eDglischen Kolonien Auskunft zu geben. Nunmehr hat das in Petersburg domizilierende Zentral-Komite der I. C. A. für Russland beschlossen, ein gleiches Institut für auswandernde russische Juden zu errichten, welches in allen wichtigen Aus- und Einwanderungs-Zentren Agenten und Korrespondenten besitzt. Durch eine aus drei Personen bestehende Kommission sollen m den europäischen Hafenplätzen Agenten installiert werden, welche die unerfahrenen Emigranten gegen jene zweifelhaften Elemente schützen, die als Schiffsagenten und sonstige Raubvögel an den Einschiffungsplätzen ihr Wesen treiben und die Auswanderer um ihren ietzten Groschen britigen. Eine Kanzlei in Petersburg soll den die Auswanderung Planenden über alle sie interessierenden Fragen erschöpfende Auskunft erteilen. Endlich wird die erwähnte Kommission sich auch nach den Vereinigten Staaten begeben, um dort gleichfalls in allen wichtigeren Plätzen Vertreter anzustellen, die in steter Verbindung mit dem hiesigen Zentral-Bureau dasselbe über den jeweiligen Stand des Arbeitsmarktes an den betreffenden Plätzen regelmässig zu unterrichten haben. Es wird den Emigranten von dieser Instanz eine andere Hilfe als die einer genauen Auskunft nicht zuteil werden, am wenigsten irgend welche pekuniäre Unterstützung gewährt werden. Es unterliegt keinem Zweifel, dass der Verwaltunpsrat der I. C. A. in Paris diesen gross angelegten Plan seiner Petersburger Filiale billigen und zur Verwirklichung bringen wird. Odessa. Ein Mitarbeiter des „Hameliz" interviewte den in Kischenew weilenden Delegierten der „Ica", Herrn D. Fe in b er g. und kam im Laufe der Unterredung auch auf den Zionismus zu sprechen. Auf die Frage, wie er sich zu dieser Bewegung verhalte, antwortete Herr Feinberg zuerst ausweichend, dann aber meinte er ungefähr folgendes: Palästina sei zu klein an Raum, um viele Immigranten zu fassen, und wenn die Auswanderung dorthin geleitet werden sollte, würden wir ein Unglück erleben, wie wir es bis heute noch nicht erlebt haben. Anfangs der Achtzigerjahre wären zwar gegen 100.000 Seelen ausgewandert, deren Ueberführung ungeheuere Summen kostete und Baron Hirsch hätte damals zwar, ohne viel zu überlegen, Geld gegeben, aber damals ging der Strom nach Amerika, einem Lande mit Handel und Industrie, während diese in Palästina nicht vorhanden wären. Es gebe ferner keinen Baron Hirsch mehr, der ein solches Unternehmen fördern wollte. Auf die Einwände des Interviewers, dass ja Baron Hirsch sein Vermögen der „Ica" vermacht und dass diese doch die Pflicht hätte, für das ganze Volk etwas Bleibendes und Grosses zu schaffen, anstatt ihre Kräfte in