Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 33 (14.8.1903)
- Article
- Brief aus England
- Date
- 1903-08-14
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 „Die # Welt« Nr. 33 Mancher „Englische'4 Debatten-Verein hatte die Konkurrenz mit diesen zionistischen Vereinen zu bestehen und musste auch mehr Zeit der Literatur als dem Billard widmen. Das ist die wahre Entwicklungsgeschichte der „Jüdischen Literatur-Gesellschaften" in England. Mr. F e 1 d m a n n s Bericht über „Die Entwicklung der Literatur-Vereine in East- Loudon4" war freilich nichts anderes als die Geschichte der Evolution des hiesigen Zionismus und Mr. Zangwill, der dann den Vorsitz führte, bemerkte humoristisch, man habe ihm den Vorsitz zugewiesen im Bewusstsein, dass es ein zionistisches Halbstündchen werden sollte. In seiner späteren Rede führte Mr. Zangwill aus, „nirgends wäre die Literatur einer Gemeinde so tief gesunken als in England44. „Es ist natürlich überflüssig für mich, den Wert des Zionismus erst hervorzuheben/4 sagte Mr. Zangwill, „da seither aus unseren jungen Leuten entweder Unmenschen oder Zionisten werden.'* Der „Jewish Ghronicle44 kommentiert an leitender Stelle seines Blattes diese Konferenz und indem er selbe als „eine?* der Ereignisse, welche grosse Oeden in der menschlichen Geschichte beleuchten44 bezeichnet und obgleich er zugibt, dass damit der grosse Speicher von Energie, Enthusiasmus und hohem Idealismus, welcher latent in den Juden des East End von London ruhte, geöffnet wird, ignoriert er.nicht nur die zionistische Bewegung, die Seele des hohen Idealismus, welche diese latente Energie in eine tätige, lebende Kraft umgewandelt hat, sondern bedient sich auch eines Tones und gelegentlicher Bemerkungen, welche den Glauben erwecken könnten, als wäre der Zionismus an der S^che in keiner Weise beteiligt. Dieselbe Zeitung überrascht ihre Leser öfters durch tiefe Weisheit in politischen'Angelegenheiten. Ich führe ein Beispiel an: Der „Globe44 hat neulich einen Artikel über die russischen Vorstösse in Palästina veröffentlicht, welche dahin führen sollen, dass Russland auf die heiligen Plätze in Jerusalem seine Hand legen will, „wo es bis nun keinen Anteil hat44. Der „Globe44 macht darauf aufmerksam, dass die Konsequenzen für die Griechen sowohl als für alle anderen Nationen, welche am Frieden in Jerusalem interessiert sind, von schwerwiegender Bedeutung sein werde. Es gehört eine grosse Dosis von Phantasie dazu, diesen Artikel mit der zionistischen Bewegung in Verbindung zu bringen, aber der „Jewish Chronicle44 findet diese Tatsachen sehr wichtig für die Juden, die einsehen sollten, wie unklug der Zionismus sei in Anbetracht der noch kaum befriedigten russischen Ambitionen. Ich bin begierig, ob das Wiener Aktions-Komitee sich nicht beeilen wird, seinen Plan sofort aufzugeben angesichts solcher unwiderlegbaren Argumente einer diplomatisch so massgebenden Quelle. Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit auf folgende zwei Tatsachen lenken, welche von diametral entgegengesetzten Richtungen stammen, und die ich als Zeichen der Zeit betrachte. Die englisch-christlichen Schneider in Edinburgh (Schottland) befinden sich im Strike. Die jüdische Arbeitergenossenschaft Eondons hat vorige Woche ein Meeting einberufen, um ihre Sympathien für die Edinburgher Strikenden kundzugeben und an die jüdischen Schneider einen Appell zu richten, dass die schottische Arbeit zurückgewiesen werden möge. Die vereinigten Gesellschaften der englischen Schneider waren zu diesem Meeting eingeladen. Diese Einladung befürwortete Mr. Macdonald, der Haupt-Organisator dieser Gesellschaft, dahin, dass er die jüdischen Schneider als wortbrüchig und unaufrichtig bezeichnete und kategorisch verweigerte, dass sein Verein vertreten sein solle. Diese Antwort veranlasste den Führer der jüdischen Sozialdemokraten zu folgenden Bemerkungen: „Ich war immer optimistisch bezüglich der Lage der jüdischen Arbeiter in diesem Lande. Der Brief des Herrn Macdonald hat mir jedoch grosse Zweifel und Unbehagen verursacht. Mr. Macdonald, sonst immer ein Freund, ein vernünftiger, aufgeklärter Mann und fortschrittlicher Sozialist, ist plötzlich ein Judenfeind geworden und charakterisiert uns alle als Wortbrecher.44 Die jüdischen Arbeiter werden endlich die Augen öffnen und einsehen, was sie von ihren englischen sozialistischen Brüdern erwarten können. Die zweite Tatsache stammt von einer mehr wissenschaftlichen Quelle. Mr. Bernard Lazares Buch über Antisemitismus ist jetzt ins Englische übersetzt worden, und Mr. I. Abrahams hat darüber eine Kritik geschrieben. Mr. Abraham erwidert fragend auf die Behauptung Lazares, dass der Antisemitismus unter einem neuen sozialen Regime aufhören wird. Glaubt Herr Lazare wirklich, dass der idealste kommunale Staat in der Lage wäre, die Natur der Menschen zu ändern und die Ausnahmen den Massen beliebt zu machen? Wie kann der Jude etwas anderes als exzeptionelle Behandlung erwarten, da er selbst exzeptionell bleibt, und wie kann er anders als exzeptionell bleiben, so lange er dem Judentum treu bleibt! Ein kleines Kind fragte mich neulich: „Hörst* Jesia, wenn ich in de/ messianischen Zeit auf der Strasse einem Löwen begegne, wird er mich nicht verzehren?4' — „Nein, er wird dich nicht verzehren,44 antwortete ich etwas unüberlegt. Darauf erwiderte mein jugendlicher Frager: „Nun denn, wenn er mich nicht verzehren wird, wird er kein Löwe sein.44 Vom Munde der Säuglinge können Herr Lazare und wir alle Weisheit lernen. Wir haben nie früher eine so deutliche Aussprache über Antisemitismus von Prof. Is. Abrahams gehört. Das ist auch ein Zeichen der Zeit. England wird den Kongress mit 30 Delegierten beschicken, unter die ich mich zu zählen die Ehre habe. R a s k i n. Die Alien Immigration Commission. Die Kommission zur Beratung der Fremdeneinwanderung (Alien Immigration Commission) hat ihren Bericht dem Parlamente überreicht. Der Bericht empfiehlt die staatliche Ueberwachung der Fremdeneinwanderung, die Errichtung eines eigenen Einwanderungsamtes, um den Zutritt von Personen zu verhindern, die dem Staate lästig werden können. Die Kommission stellte fest, dass der Zufluss der russischen und polnischen Juden einer besonderen Ueberwachung bedürfe und schlägt eine Reihe schwerer Zwangsmassregeln vor. Dadurch ist die Einwanderung nach England für die Juden des Ostens ausserordentlich erschwert. f vibfii)** (Für diese Rubrik ist die Redaktion nicht verantwortlich.) Geehrter Herr Redakteur! Ich bitte Sie die folgende Anregung in Ihrer „Tribüne41 zu veröffentlichen. Da der hiesigen Bevölkerung, insbesondere der Geschäftswelt durch die hier stattfindenden Ziönistenkongresse ein nicht unbedeutender Nutzen erwächst, so wäre es nicht ungerecht, wenn wir Zionisten eine allgemeine Gegenleistung zugunsten des Nationalfonds forderten. Ich mache allen hier weilenden Zionisten' den Vorschlag, einen bestimmten Prozentsatz ihrer Rechnungen, namentlich in Speisehäusern und Hotels, aber auch bei sonstigen Einkäufen, sowohl bei Juden als bei Nicht Juden — mit Nationalfondsmarken zu bezahlen. Fünf Prozent wären nicht zu viel. Basel, 10. Ab 5663. Mit herzlichem Zionsgruss Jacob Joel Braun. * Jüdische Hochschule. Rechnungsausweis*) pro 15. Juli 1903 des „Bureau Jüdische Hochschule", Genf, Rue Lombard 4. Leitendes Komitee: Martin Bub er, Berthold Feiwel. Dr. Ch. Weizmann. — Eingang: Aus Baku Rbl. 2508__, aus Rostow a. D. 456.—, aus Warschau 200.—, aus Charkow 200.— , aus Elisabethgrad 50.—, aus Lausanne 900.—; zusammen Rbl. 4314.— oder Frcs. 11435.10. — Ausgang: I. Reisen des leitenden Komitees, der Lokalkomitees oder Beauftragter zum Zwecke der Propaganda, Konferenzen oder Studien. 1. Russland: 1 Reise (Warschau, Charkow, Rostow, Baku, Kiew etc.). Dauer drei Monate. Reisekosten und Barausgaben Rbl. 561.95 oder Frcs. 1488.75. Russland 2 Reisen (Warschau, Lodz, Charkow, Minsk). Dauer 2 Monate. Reisekosten und Barausgaben Rbl. 359.— oder Frcs. 952.75. 2. Schweiz: 8 Reisen Francs 251.50. 3. Deutschland: 3 Reisen 435.—. 4. Oesterreich: 1 Reise 125 —. 5. Frankreich : 2 Reisen 606.—. — Ausgaben des Bureaus: Kosten vom Jänner 1902 bis zur Etablierung des Bureaus Frcs. 333.— , Miete. Gehalte an Sekretäre 1400.—, Reisevergütungen an Sekretäre 225.—, Drucksachen nebst Uebersetzungen 379.—, Porti, Einschreibebriefe, Telegramme 365.—. — III. Kosten der Enquete. Drucksorteö, Zirkulare (russisch, deutsch), Expedition, Porti, diverse Spesen Frcs. 659.41. — IV, Vorbereitungskosten des Organes Frcs. 300.—. — V. Vorbereitung einer dritten Agitationsreise in Russland Frcs. 100.—; zusammen Frcs. 7620.41. — Barbestand: Erliegend im „Bureau Jüdische Hochschule" Frcs. 750.69, erliegend in der Jüdischen Kolonialbank 2000.—; zusammen Frcs. 2750.69. Hierzu: Inventar des Bureaus JFrcs. 1064.—; zusammea Frcs. 3814.69. Aus- *) Detailausweis ist gleichzeitig an Herrn Dr. Theodor H e r z 1 und die i Subskribenten des „ Bureau Jüdische Hochschule* abgegangen.