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Die Welt · 1903-08-14 · 33 (14.8.1903) · p. 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
33 (14.8.1903)
Article
Unsere aktiven Gegner
Date
1903-08-14
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 33 ,Die j£ Weifte Seite 5 Wollen wir aber zu unserem tatsächlichen Material übergehen. Am 14. April 1902 wurde neben der sogenannten Grossen Synagoge in einem speziell hierzu errichteten Bau eine öffentliche jüdische Bibliothek eröffnet; der über 9000 Bände reiche Bücherschatz stammt aus der gross angelegten Büchersammlung des Wilnaer Bibliophilen M. Straschun, aus der ebenfalls ziemlich bedeutenden Bibliothek des bekannten Gelehrten S. Pinn und aus anderen Schenkungen. Dank der eifrigen Bemühungen einiger Zionisten gelang es nach langwierigen Verhandlungen die oben erwähnten Büchersammlungen aus dem Privateigentum der Erben der Verblichenen in ein allgemeines Gut der Wilnaer jüdischen Gemeinde auf ewige Zeiten umzuwandeln, welch letztere die Verpflichtung übernommen hat, ein spezielles Gebäude für diesen Zweck zu errichten und dasselbe mit der notwendigen Ausstattung zu versehen, passende Schränke, bequeme Tische, gute Beleuchtung und gute Bedienung einzuführen und dauernd auf ihre Kosten zu unterhalten. Nebenbei bemerkt, ist dies auch das erste Gebäude der Wilnaer jüdischen Gemeinde für einen kulturellen Zweck. Wem konnte es auch im entferntesten in den Sinn kommen, dass einer solchen gemeinnützigen, gärzlich parteilosen Anstalt, die jedem ohne das kleinste Entgelt frei und offen zugänglich ist, einer Anstalt, die der jüdischen Gemeinde Wilnas als beste Zierde dienen soll und auch wirklich dient, einer Anstalt, deren neun Zehntel Bücher hebräisch sind und indirekt der beste Konzentrierungsort des jüdischen Wissens, der jüdischen altererbten Traditionen (wenigstens in der Schrift) ist, dass einer solchen Anstalt von jüdisch-orthodoxer Seite Mindernisse in den Weg gelegt werden? Dabei war das Komitee, das die Bibliothekangelegenheit leitet, im höchsten (nach der Meinung vieler sogar in zu hohem) Grade gegenüber der religiösen Vorschritten bis ins kleinste Detail skrupulös und penibel; so z. B. ist es streng verboten,, o h n e H u t im Bibliotheksaal zu sitzen und zu lesen, am Sonnabend werden zwar Bücher herausgegeben, aber nicht notiert und dgl. Und trotz alledem, da dieselbe im Verdachte zionistischer Initiative stand, nahmen die hiesigen jüdischen Klerikalen keinen Anstand, ein paar Denunziationen an richtiger Stelle anzubringen und eine ganze polizeilich-administrative Geschichte heraufzubeschwören. Es begannen Protokolle, Nachsuchungen, Nachforschungen, Prüfungen; ein halbes Jahr musste die Bibliothek gänzlich geschlossen werden. Aber nicht allzulange konnten die Finsterlinge ihren Triumph leiern: im September gelang es nach vielen Mühen, Anstrengungen und Kosten, doch eine offizielle Erlaubnis zu erlangen und von da an die Bibliothek mit noch weiteren rechtlichen Befugnissen als früher versehen, wieder.zu eröffnen. Aber welche Unmasse gänzlich unnützer Anstrengungen, was für eine zwecklose Ueberwindung gänzlich überflüssiger Hindernisse haben die Männer zu ertragen, die etwas Nützliches, Kulturelles für das Judentum, für das jüdische Wissen einer grossen Gemeinde schaffen wollen. Das Hauptkampfgebiet zwischen der jüdischen „Klerikale" und den Zionisten liegt aber auf dem Gebiet der elementaren Schulerziehung. Bevor wir aber zur Besprechung dieses gross angelegten Kampfes übergehen, wollen wir die Frage der reichlichen Mittel^ die zur Verfügung unseres „Schwarzen Kabinettes" stehen, etwas streifen. Die innerhalb der zionistischen Organisation Stehenden wissen genau, wie arm an materiellen Mitteln die Vereine und sogar das Zentrum sind: Wrir können keine Agitatoren über das Land schicken, weil uns das Geld dazu fehlt; wir können keine richtigen, vollständig freien Wahlen der Delegierten zum Kongress durchführen, weil wir nicht genügend die Mittel haben, um denselben die Reisekosten zu erstatten; wir können keine besoldeten Sekretäre haben, weil uns das Geld dazu mangelt u. s. w., dagegen dort, in der Lischko, herrscht gerade das Umgekehrte; alle werden gut besoldet, es werden sehr viele Broschüren, fliegende Biättchen gedruckt und gratis verteilt, es wird eine spezielle Monatsschrift „Feles" unterhalten, sehr viele Maggidim bereisen das Land und speien Feuer und Flammen gegen die Verführer-Zionisten! Alle treuen, aktiven Anhänger steigen sogar mit der Zeit zu einer gewissen Wohlhabenheit empor und überhaupt alles, was drum und dran hängt, wird materiell stark unterstützt. Woher stammt dieser reiche und beständige Zufluss von Geldmitteln? Diese Frage ist nicht nur theoretisch interessant, sondern ist von eminenter, praktischer Bedeutung behufs einer rationellen Bekämpfung der jüdischen „Klerikale". Es ist nicht ausgeschlossen, dass die fromme ehrliche Orthodoxie, von den Finsterlingen irregeleitet, mit Schenkungen und freiwilligen Spenden etwas dabei beteiligt ist, aber'diese Quelle allein ist eine zu geringe, unzureichende und viel zu zufällige, um den Kampfzug der Klerikalen zu erklären. Mir scheint viel plausibler und der Wahrheit näher eine zweite Version, die den Ursprung der materiellen Wohlhabenheit des „Schwarzen Kabinetts" in der Chaluka-Büchse sieht. Es sprechen dafür sehr viele Gründe. Erstens sind in unserem Rayon (Litauen und Zamut) sämtliche Gabaim der Chalukasarnmler auch zufällig (??) die erbittertsten Antizionisten und Häupter des Liscnko; zweitens fallen gewöhnlich die feurigsten Agitatoren mit den Schiluchim (die Abgesandten) in einer Person zusammen, die Büchsen auf dem Lande sammeln; drittens ist der Kampi besonders seit dem V. Kongress erbittert, seit sich die Sammlungen zugunsten des Nationalfouds und Nationaliondsbüchsen im Volke zu verbreiten begannen usw. Es ist noch zu berücksichtigen, dass im Chaluka-Rayon Litauen und Zamut niemals ein Bericht über die Höhe der Sammlung und Verwendung veröffentlicht worden ist und die grossen Summen, die aus den Volkskopekeu zusammengebracht werden, in gänzlich unkontrolierbarer Weise verwaltet und verteilt werden. Eingeweihte Personen behaupten sogar mit Bestimmtheit, dass die Inkasso-Spesen 70—80 Prozent der Gesamtsumme betragen. Wenn diese höchst wahrscheinliche Erklärung der wunderbaren Quelle der Mittel unserer Klerikalen richtig ist, so sind wir auf diese Weise Zeugen einer der unerquicklichsten Erschcinnugen, wie eines der besten dem litauischen Juden innewohnenden Gefühle, die warme, herzliche Anhänglichkeit an Zion, in der schändlichsten Weise mit der vorgefassten Ansicht ausgebeutet wird, um den Zionimus, den rationellen Ausdruck desselben Gefühles zu bekämpfen und zu untergraben. Die hiesige zionistische Organisation wollte im abgelaufenen Winter den Kampf mit den Gabaim der Chaluka offen autnehmen und mit einer Forderung au die Oefientlichkeit herantreten; sie wollte nämlich die Gabaim auffordern, jährliche Rechenschaft über die eingesammelten und abgeschickten Gelder abzulegen, und zwecks Richtigkeit der Buchführung soll bei der Chalukaverwaltung eine vertrauenswürdige Person von zionistischer Seite angestellt werden. Im Falle des Ablehnens dieser billigen und gerechten Forderung sollte eine besondere Sammelstelle errichtet werden, wohin sämtliche Zionisten dieses Rajyous von allen Städten und Städtchen aufgefordert würden, die Gelder von der Meerbalhanessbüchse einzuschicken und von hier aus durch eine Bankstelle nach Jerusalem zu befördern. Der Plan ist aber gescheitert: erstens weigerten sich die russischen Mitglieder des Aktionskomitees, in diese Angelegenheit einzugreifen, zweitens halten viele Zionisten die Chalukasammlung prinzipiell mit der zionistischen Tätigkeit unvereinbar und schliesslich schien uns, dass wenn schon Zionisten, so könnten dies am besten die Misrachisten durchführen. Und so ist es auch vorläufig dabei geblieben. B. G. Brief aus England. Von P. M. Raskin. Die Antizionistische, Presse befindet sich oft in einem peinlichen Dilemma: Ob sie absichtlich die Wahrheit verdrehen sojl oder ob sie den Zionismus loben soll. Nachdem ersteres zu unehrenhaft und manchmal auch unmöglich wäre, letzteres aber zu anständig und daher gleichfalls unmöglich wäre, so gelangt sie oft zu einem Kompromiss: „Mit der einen Hand zu streicheln und mit der anderen zu schlagen". Eine Konterenz der Jüdischen Literaturgesellschaft hat letzthin m London stattgefunden. . Die Meetings waren von den Herren fsrael Gollancz, Israel Zangwill und Israel Abrahams veranlasst. Die Geschichte der Literaturgesellschaften in England ist sehr interessant. In England im allgemeinen und in London speziell verdanken dieselben ihren Bestand und ihre Entwicklung der Entwicklung des Zionismus. Die Literaturvereine sind simultan mit dem modernen Zionismus entstanden und haben, mit demselben gleichmässigen Fortschritt gemacht. Die einigen sogenannten „Debatten-Vereine", welche vor der zionistischen Aera existiert haben, waren tatsächlich (mit geringen Ausnahmen) eher Billardklubs, wo gelegentlich manchmal ein Vortrag über Mendelssohn oder Menassc ben Israel stattgefunden hat. Es ist überflüssig, zu sagen, dass solche Gesellschaften für jüdische Literatur sehr wenig mit Literatur und jüdischem Geist zu tun hatten. Mit dem Beginn der Neuzionistischen Bewegung haben die Sachen eine ganz andere Wendung genommen. Diese Zeit wird nie in Vergessenheit geraten. Die mächtige Stimme des „modernen Moses'4 hat in der ganzen Welt Widerhall gefunden und den schlafenden jüdischen. Geist erweckt. Sein Ruf hat Erwiderung gefunden in den Herzen hunderter unserer jungen Leute, Zionistenvereine entstanden, wuchsen und dehnten sich aus mit erstaunlicher Raschheit in den Hauptstädten sowohl als auch in den Provinzstädten. Die lange eingeschlummerte Energie fand ihren Ausdruck in der nationalen Idee und der jüdischen Literatur. Diese ersten zionistischen Vereine waren in der Tat hauptsächlich Literatur-Vereine.

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