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Die Welt · 1903-08-14 · 33 (14.8.1903) · p. 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
33 (14.8.1903)
Article
Unsere Abwehr
Date
1903-08-14
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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Seite 4 „Die 2$ Welt'/ Nr. 33 Hilfstätigkeit für das Judentum aufbringen. Die von den Tagesereignissen geängstigten Juden sehen die Notwendigkeit einer Organisation wohl ein. Aber der Zionismus verlangt schwere und ernste Arbeit von ihnen und die Presslakaien der Assimilanten haben ihn auch nach Kräften verleumdet, was alles für unser gegnerisches Lager wegfällt. Deshalb strömt die Menge blindlings in dieses, ohne zu bedenken, dass mit der Leistung eines Beitrages durch das Mitglied und Leistung eines Vortrages durch den Vorstand für das Judentum noch nicht das mindeste geschaffen wurde. Kim* hervor wachsen keine Erfolge. Denn der Ulanbe, dass sich die jüdische Armut oder die christliche Feindschaft mit silbernen Waffen vernichten, ja nur verwunden lasse1, hat sich noch immer als Aberglaube herausgestellt. Die Beweise dafür nehmen immer öfter und iminier mehr Plitz in der Tagespreise ein. Sie stehen an den Schaltern der jüdischen. Arbeitsvermittdungsbureaux. Sie stehen, an den Türen der Allianz. Sie führen, ihre Hoftnung über das Weltmeer und ihre Verzweiflung wieder zurück. Und wenn unsere Brüder elend und vernichtet in ihrem (ihetto zusammenbrechen, zusammenbrechen, weil man den Juden nicht leben lassen will. — ist das nicht der wirkliche Uitnalmord? Uegen ihn, der wirklich existiert, und. gegen jenen, welchen, uns eine elende Lüge in die Schuhe schiebt, ist dringende Hilfe vonnöten. Aber nicht Proteste, nicht Eide von. Fall zu Fall können ihm helfen, nicht papierene Dämme mitten im Strom, an der Quelle muss er abgegraben werden. Zwei Wochen nach dem .Rabbinerkongress tagt ein anderer jüdischer Kongress, der nicht mit Applomb und heissen Schwüren gegen den .Ritualmord zu. Felde zieht und ihn doch weit sicherer aus der Welt schaffen wird. Es ist der Kongress, der nicht an die Gnade appelliert, sondern, an die Kraft, und der zwischen die Gelüste der Arier und die finden den einzigen schützenden Schranken, legen will, die Eni fernung. Hier wird nicht gegen den Kitualmord gekämpft, sondern gegen seinen. Vater, den Judonhass. liier arbeitet man nicht für Freiheit von Pöbels Gnaden, liier erschöpft sich die jüdische Politik nicht in Klagen über die 'Vergangenheit, sondern schafft Arbeiten für die Zukunft. Eine sehr, sehr überflüssige Arbeit ist hierbei zu verrichten. Die Juden, verrammeln selbst den Weg zur eigenen Freiheit, sind nicht ililfs-, sondern, feindliche Truppen. Noch immer glauben sie, dass der gute Glauben von den Juden wiedergeboren werde. Möchte sie der Vorstami und nicht das Schicksal über die wirksame Hilfe belehren! J. U p f i m n y. Unsere aktiven Gegner. Brief aus W i l n a. I. W i 1 n a als D o p p e l z e n t r u m. — Unsere Klerikalen und ihre Geldmittel. Die Rolle einer Hauptstadt des jüdischen Litauen behauptet unsere Stadt schon seit langein. Schon seit mehr als zwei Jahrhunderten hält sich der traditionelle Ruf des „litauischen Jerusalems", aus welchem Zentrum nach sämtlichen Richtungen allerlei Lehre ausging und die weiteste Verbreitung über viele Städte und Städtchen des grossen russischen Landesghetto fand. Von hier aus wurde zur Zeit des Wilnaer Gaons (finde des 18. Jahrhunderts) die Parole der energischen Bekämpfung des Chassidismus erlassen; hier begann der verhängnisvolle Kampf im Innern der jüdischen Gemeinde, der Kampf zwischen Rabbinat und Kahalverwaltung; von hier aus verbreiteten sich die Lichtstrahlen der Aulklärung im Kreise (Haschkolo, Mitte des 19. Jahrhunderts); von hier aus begann zu Zeiten Lewandas und Finns die palästinophile Idee „Chibas Zion" ihren Siegeszug über fast sämtliche Ansiedlungsorte Litauens (anfangs der Achtzigerjahre); mit einein Worte, seit jeher war man in unseren zahlreichen Fischischky, Püwischky (Städtchen, d. R.) gewöhnt, Wilna als einen der wichtigsten Mittelpunkte des jüdischen geistigen Lebens zu betrachten. Nur in den letzten Jahrzehnten ward unser Glanz augenscheinlich etwas fahl; es fehlten die grossen, autoritativen Namen, vor deren geistiger Grösse die allgemeine jüdische Meinung sich zu beugen pflegte; man sah keine Häupter, die das Niveau der Mittelmässigkeit überragten. Destornehr können wir gegenwärtig nicht nur zufrieden sein, sondern auf unsere leitende Rolle sogar stolz sein: wir Wilnaer erleben jetzt ein geschichtliches Moment, welches bis jetzt in unserer gesamten bewegten Vergangenheit noch nicht dagewesen ist: wir sehen Wilna zu einer und derselben Zeit als Doppelzentrum, wir sehen es mit einemmal als Mittelpunkt der Propaganda für zwei grosse Bewegungen. Unsere inhaltsreiche Geschichte weiss von einem solchen „Einbarras de richesse" auf ihren vergilbten Seiten nichts zu berichten. Beide dieser Lehren haben miteinander viel gemeinsames, obwohl sie gerade die entgegengesetzten Pole des jüdischen Lebens beherrschen. Im einfachen Wilnaer Jargon heissen diese Bewegungen das „Schwarze Kabinet" (Lisehko haschchoro) und „Bund" oder in europäisch-literarischer Mundart ultraklerikale und ultraradikale Bewegung. Letztere Bewegung sollte präziser eigentlich als eine anarchistischsoziale Bewegung definiert werden. Beide Parteien haben bei uns ihre Hauptquartiere aufgerichtet und von hier aus leiten sie mit ungewohntem Eifer und bewundernswerter Energie ihre zahlreichen „Armeen". Beide Richtungen befleissigen sich mit merkwürdiger Einstimmigkeit einer gänzlichen Verachtung irgend welcher Auswahl der Mittel zur Erreichung ihrer Ziele; beide sind ganz einig in der absoluten, geheimnisvollen Anonymität ihrer Leitung; beide fordern von ihren Anhängern unbedingten Gehorsam und volles, blindes Zutrauen zu sämtlichen Massregeln ihrer Führer. Die im gesellschaftlichen Leben so segensreich wirkende Publizität und Kontrolle fehlen bei den leitenden Organen beider Richtungen vollständig, beide sind schliesslich seeleneinig in ihrem erbitterten Hass gegen den aktiven Bewegungsnerv des modernen jüdischen Lebens, gegen den Zionismus. Wenn auch in gewisser Hinsicht unser Wilnaer Herz über unsere führende Rolle bei zweien grossen Lehren oder, besser gesagt, Bewegungen, mit Stolz erfüllt wird, so wird doch unser lokaler Patriotismus durch das Bewusstsein niedergedrückt, dass wir an der geschichtlichen Notwendigkeit und der Nützlichkeit beider Richtungen für die normale Entwicklung unserer nationalen Zukunft sehr starke Zweifel hegen. Die Charakteristik dieser Bewegungen will ich nun von rechts her beginnen. Den in unsere gesellschaftlichen Verhältnisse Eingeweihten ist es schon längst kein Geheimnis mehr, dass das sogenannte Kownoer Dunkelmännertum, welches mit seiner klerikalen Agitation einen bedeutenden Teil der frommen orthodoxen Juden das Leben vergiftet hat, und welches von Kowno aus eine Reihe von Jahren gewirkt hat, seit jeher in Wirklichkeit seine geistige Leitung und seine schöpferische Quelle hier in Wilna hatte. In K.owno wurde nur die einfache grobe Arbeit geleistet, die geistige Führerschaft stammte immer aus Wilna, aus einem gewissen Kreise des Wilnajr Rabbinates. Im Laute des vergangenen Winters ist in der Organisation des „Schwarzen Kabinetts" eine ganz beachtenswerte Vereinfachung und Verbesserung geschaffen worden: die exekutiven Organe sind auch nach Wilna gezogen, und wir beherbergen jetzt in unseren gastlichen Mauern das Lisehko Haschchoro in seiner Gesamtheit. Die Vereinigung der leitenden und ausführenden Funktionäre an einem Punkte vergrösserte zweifellos die Aktivität dieser sonderbaren Organisation, umsomehr, als dieselbe über ganz bedeutende Geldmittel verfügt. Im vorigen Winter konnten wir Wilnaer die Wirkung dieser finsteren Organisation auf Schritt und Tritt gründlich merken, sei es im Gemeindehause, sei es im synagogalen Leben, sei es bei verschiedenen Wahlen in jüdischen philanthropischen Anstalten, aber ganz speziell stiess man auf teils offene, teds geheime Hindernisse bei sämtlichen Anlässen' irgend welcher Kulturarbeit, bei allen Versuchen der Einführung der bescheidensten Verbesserungen auf dem Gebiete der elementaren Schulbildung. Der Autor dieser Zeilen hat nicht umsonst bei einer zufälligen Anwesenheit eines Vertreters der Petersburger Gesellschaft zur Verbreitung der Aufklärung unter den Juden Russlands auf die unbedingte Notwendigkeit der Errichtung einer Filiale in Wilna hingewiesen, weil hier nicht nur ein zweifelloses Bedürfnis dafür vorliegt, sondern weil hier sogar eine geradezu organisierte systematische Verfinsterungsgesellschaft tatsächlich wirtschaftet und ihre Arbeit energisch betreibt. Diese Erscheinung weiter zu ignorieren, wie man es in den letzten 4—5 Jahren gewöhnlich tat, heisst die bekannte Strausspolitik treiben und absichtlich die Augen vor einem drückenden Uebel schliessen.

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