Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 32 (7.8.1903)
- Article
- Zu den deutschen Reichstagswahlen [Kommentar]
- Date
- 1903-08-07
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3316013-3316053-3335715--42468-3335845- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 14 „Die # Welt*4 Nr. 32 tagskandidaten im allgemeinen, dass ausser den vier jüdischen Sozialdemokraten, die ihren Wahlkreis aus eigener Kraft schon seit längerem erobert haben, jüdische Kandidaten nur auf verlorene Posten gestellt wurden. Fast alle anderen Blätter konstatieren eine Verleugnung des Freisinns bei den Freisinnigen und das Zuströmen der Juden zur Sozialdemokratie. Werkwürdigerweise tritt in vielen dieser Organe die Furcht zutage, dass die politische Stellung der Juden unter dieser Tatsache leiden könne. Der von uns besprochene Wahlaufruf der Schlochauer „offiziellen Führer" wird allgemein als unerhört bezeichnet. Bekanntlich wurde darin einer der gemeinsten Antisemiten einem liberalen Polen gegenüber empfohlen* Dazu bemerkt noch der „Generalanzeiger", dass der Empfohlene durch Wort und Schrift es speziell in Schlochau dazu brachte, dass eines Nachts die meisten Judenhäuser demoliert wurden, dass die Juden auf Grund von Ritualmordbeschuldigungen das flache Land verlassen mussten und in ihren Ge&chäften boykottiert wurden, so dass manche auswandern mussten; ein im Organ des Empfohlenen wegen Ritualmorde denunzierter Jude war monatelang in Untersuchungshaft, Diesen Tatsachen gegenüber bewahrt nur die intimste Feindin des Zionismus, die ^Israelitische Wochenschrift" (Berlin) ihren Ruf altbewährter Teutschheit und schreibt als Kritik zu dem Wahlaufruf der Juden für Ritualmordßöckier: „Die patriotische Selbstüberwindung der Männer, die diesen Aufruf unterzeichnet haben und die ihm gefolgt sind, verdient alle Anerkennung. Sie haben erkannt, dass eine Stichwahl keine Wahl, sondern ein Zwang ist, bei dem es sich um zuweilen recht schwere Pflichterfüllung handelt. Sie ist hier ganz besonders schwer gewesen." Iq einem Artikel der letzten Nummer der „Isr. W." wird das des Weiteren mit einem grossen Aufwand von Rabulistik und kräftigen Schimpfworfcen auseinandergesetzt. Wir sprechen dem Verfasser dieses Artikels den Dank für sein Auftreten aus. Ueberzeugender hat noch keiner die Unmöglichkeit assimilatorischer Prinzipien ad absurdum gefuhrt als er. Hoffentlich bleibt das nicht der letzte derartige Artikel. Rechenschaftsbericht des Vereines zur Unterstützung der armen studierenden Jugend in Bukarest „Progresul". Im Jahre 1877 gegründet, blickt der Verein jetzt auf eine 25jährige Tätigkeit zurück. Er hat nicht über zu grosse Unterstützungsmittel verfügt; er sammelte im Verlaufe der 25 Jahre 106 218,23 Lei, die sich folgendermassen verteilten: Zur Unterstützung an 220 arme Studierende . 56 030,13 Lei Bibiiotheks- und andere Spesen...... 15 613,37 „ Der Rest von............. 34 574,63 „ ist als Ueberschuss in der Vereinskasse. Wie der Präses des Vereines, Herr J. E. Cohen Lanaru, in seiner Rede zur Jubiläumsfeier der 25jährigen Tätigkeit des Vereines ausführt, wurde der Verein von enthusiastischen eben aus dem 1877er Kriege zurückgekehrten jungen Leuten in der Absicht gegründet, durch Unterstützung armer jüdischer Studierender dem rumänischen Vaterlande aufgeklärte, tüchtige Bürger zu geben. Sie waren, wie die meisten ihrer Zeit, Schwärmer. In beredten Worten schildert der Präses, was aus den jüdischen Bürgern geworden ist! Der Verein tiitt jetzt in sein 26. Existenzjahr und erfreut sich in den jüdischen Kreisen in Bukarest grosser Sympathien. N. „Die Berufswahl der Frau im Staatsdienste und im öffentlichen Leben", so nennt sich eine wichtige Schrift, die, herausgegeben von Fritz Moil und Anton Pivl, Rechnungsoffiziale im k. k. Handelsministerium, bereits viel Aufsehen erregt hat. Für die vielen Tausende von Frauen, die gezwungen sind, in der Ausübung eines Berufes sich ihren Lebensunterhalt zu erwerben, ist dieses Buch ein geradezu unentbehrlicher Ratgeber. Alle für Frauen zugänglichen Berufsarten: Lehrerin, Beamtin der Post-und Telegraphen- Anstalt, der Eisenbahnen, im Handelsfache etc. werden in leichtverständlicher Weise eingehend dargestellt; welche Aufnahmsbedingungen, wohin das Gesuch zu richten ist, welche Gesuchsbeilagen notwendig sind u. s. w. Das Buch bietet eine Fülle praktischer Winke nicht nur zur Erreichung, sondern auch zur Verbesserung einer Anstellung. Auch das Frauenstudium wird in eingehender Weise behandelt: Universitätsstudien, Maturitätsprüfung der Frauen, Mädchenlyzeen, Lehrerinnen-Bildungeanstaiten, Handelsschulen etc., so dass Eltern, die ihren Töchtern eine gediegene Ausbildung zuteil werden lassen wollen, aus diesem Buche die beste Auskunft hierüber erhalten. Das Werk ist aus dem Selbstverlag Wien, III., Gürtelatrase 23 oder durch alle Buchhandlungen zum Preise von 2 Kronen zu beziehen. <ph rwo oma* na& ♦p-ma txvprb TvnsD *dk& ♦ö^tfrv ♦D^pni 0 rnmn w -f-o Jerusalem : Jahrbuch zur Kenntnis Palästinas. Herausgegeben von A. M. Luncz. Band VI., Heft 3. Jerusalem 1903. Der blinde, unermüdliche Forscher arbeitet ohne Rast an seiner verdienstlichen Aufgabe: der Erforschung Palästinas... Wie es, überhaupt früher, usuell gewesen, war die Wissenschaft des Judentums, der archäologischen und geographischen Erforschung Palästinas meistens in den Händen der Nichtjuden gelegen. Es fehlte und fehlt auch jetzt an genauer Kenntnis des Landes, nach dem wir uns sehnen, wir sind wenig mit der alten Geschichte, wie auch mit den inneren Verhältnissen der jetzigen Bewohner vertraut. Diese Lücke auszufüllen haben sich in der hebräischen Literatur einige achtenswerte Schriftsteller bemüht. So zum Beispiel Ja wetz mit dem „Hoorez" (die Erde) u. s. w. Aber am ausdauerndsten, am ergiebigsten ist die Arbeit des blinden, rastlosen Palästinaforschers A. M. Luncz. In jedem Hefte seiner Zeitschrift „Jerusalem" finden wir kostbare Angaben über die Archäologie und das moderne Leben des Landes. Auch philologische Seltenheiten findet man hier, so zum Beispiel ist in den letzten zwei Heften das samaritanische Buch Josuas, ins Hebräische (aus dem Arabischen) von H. David Je Hin übersetzt. Wie es mit der Authentizität des Buches, das in der samaritanischen Variation manche Abweichungen von ' unserem Texte hat, auch stehe, jedenfalls ist die Uebersetzung für Fachleute und Laien hochinteressant. Noch andere wertvolle Artikel, spezieil die historische Geographie Palästinas behandelnd, finden sich hier. — Wie wir hörten, plant der blinde Schriftsteller eine Neuausgabe des Jerusalemer Talmuds. Es wäre Pflicht der Freunde jüdischen Schrifttums, seinen Plan zu fördern. C—k. nnsö* Clavicula Salomonis. A hebrew Manuscript. Newly discovered~and now described by Hermann Gollancz, M. A. Kaufmann-Nu tt. Frankfurt-London 1903. Eines der dunkelsten und kulturhistorisch interessantesten Probleme der jüdischen Geschichte ist das der Beteiligung der Juden an der Mystik uud der okkulten Wissenschaft des Mittelalters. Trotz des scharf rationalistischen, jede Mystik verpönendem Geistes der jüdischen Lehre, sind doch unter den verschiedenartigsten Einflüssen, inneren wie äusseren, sowohl aus dem Drange, der jedem naiven Menschen, destomehr einem Orientalen, natürlich ist, sich über das natürliche, verständliche Leben zu erheben, sich in die Tiefen der Natur, in ihre Mysterien zu versenken, als auch aus dem direkten Einflüsse der Perser, der Neuplatoniker u.s. w. ins Judentum vieleElemente eingedrungen. Schon der Talmud spricht von solchen „esoterischen" Doktrinen, die er mit dem Namen „Maasse Merkaba8, „Sithre Bereßchith" u. s. w. bezeichnet. In den Tiefen des Volksgemütes, in seiner dichterischen, kombinierenden Ahnung des Mystischen entstanden die Keime jener Geheimwissenechaft. die unter ihrem Kollektivnamen „Kabbala", die Tradition, bekannt ist. Es ist allgemein bekannt, welche ungeheure Wirkung diese jüdische Mystik, die in den rätselhaften Büchern „Sefer JeziraK5 Sefer Rosiel" u. s. w. und schliesslich in der höchsten Schöpfung der jüdischen Mystik — dem Zohar — niedergelegt war, auf die Zivilisation des Mittelalters ausgeübt hat. Albertus Magnus, Pico della Mirandola, Roger Bacon, Reuchlin u. s. w. befanden sich unter ihrem Einflüsse. Ja, dringt man tiefer in die christliche Scholastik, in die Mystik eines Eckhart, Böhme, die ihrerseits auch in der neueren Philosophie von einflussreicher Bedeutung geworden sind (vergleiche Baader, Sehe Hing), so sieht man die durchgreifende, folgenschwere Bedeutung der jüdischen Philosophie. Während aber die theoretische Philosophie der Kabbala durch die Arbeiten bedeutender Gelehrter, wie zum Beispiel durch die von Ad. F r a n c k, erschlossen wurde, ist das Verhältnis der Kabbala zur praktischen Mystik, zur Praktik der okkulten Wissenschaften, also Alchymie, Astrologie, Magie u.s.w. noch nicht geklärt. Diese Lücke auszufüllen, bestrebt sich das vorliegende Büchlein. „Clavicula Salomonis" ist eines der legendarischesten, sagen umflortesten Bücher der Literatur. Es wird als grundlegendes Werk in allen mystischen Schriften erwähnt — als Verfasser wird König Salomo genannt — aber das eigentliche, jüdische Original war ganz unbekannt. Wie es in solchen Werken immer der Fall ist, waren die Angaben über da« Buch mystisch und erdichtet. Die meisten angeblichen Ausgaben des Buches, wie zum Beispiel die von Liddel Macgregor Mathers im Jahre 1889 „The Key of Salomon the King" sind evident unjüdisch und entstellt. Mr. Hermann Göll a n c z will jetzt das wahre