Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1903-08-07 · 32 (7.8.1903) · p. 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
32 (7.8.1903)
Article
Erben werden gesucht [Kommentar]
Date
1903-08-07
Page
9 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
table
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316013-3316053--42402-3335840
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 32 ,pie.y$-,W«ltM Seite 9 Erben werden gesucht. Russischen Blättern zufolge wurde Vom dortigen Ministerium des Innern der Moskauer Behörde aufgetragen, nach den Erben eines in Frankreich verstorbenen russischen Untertanen namens Ph. Fiedler zu suchen. Dieser hinterliess ein Vermögen von mehr als 1.000.000 Fr. und setzte Baron Alphons Rothschild in Paris zum Erben ein. Baron Rothschild erklärte jedoch auf diese Erbschaft zu verzichten, wenn sich Verwandte des Verstorbenen melden sollten, die sich dieser Zuwendung würdig zeigen. „Hazefira" Die grossen Juden — selten grosse und nie Juden. Fräulein Henriette v. Lieben, Tochter des Kultusvorstehers Herrn Leopold v. Lieben, Wien, L, Oppolzergasse 6, hat am 13. Juni d. J. ihren Austritt aus dem Judentum angemeldet. Herr v. Lieben wurde von den Höherbesteuerten in den Kultusvorstand entsendet. — Kürzlich war auch aus Köln von einem Vorstandsmitgliede und zwei Repräsentanten der hiesigen jüdischen Gemeinde zu hören, die ihre Kinder haben taufen lassen. Die Kinder der Vorstandsmitglieder sind freilich vorläufig noch nicht getauft, sondern erhalten einstweilen erst lutherischen Religionsunterricht. Uebrigens sind Taufen an der Tagesordnung,, besonders unter den hiesigen Universitätslehrern. Namen, die einst in der jüdischen Gelehrtenwelt glänzten, gehören jetzt dem Christentum katholischer und protestantischer Konfession an. Man braucht nur an die Zunz, Sulzbach.. Ungar u. a. zu erinnern. Dass die sämtlich getauften Cohen, Hertz usw. ihre jüdischen Namen beibehalten, beweist eine gewisse Konsequenz, die man bei ungetauften Juden oft vermisst. Dass die Kinder sämtlicher jüdischer Professoren mit Ausnahme eines einzigen getauft sind, spricht am deutlichsten für den „jüdischen4' Geist, der in diesen Kreisen herrscht. Trotzdem sind alle diese Universitätslehrer bis Jbeute noch nicht ordentliche Professoren geworden, sondern bis auf einen Juristen extraordinarii. Auch sind diese Herreu nebst ihren Frauen, trotz ihrer völligen Abschliessung von Judentum und Juden, in die höheren christlichen Gesellschaftskreise nicht gelangt. Heimgeleuchtet Ein Christ in Köln knüpfte ein Verhältnis mit einer jüdischen Dame au und verlobte sich schliesslich mit ihr. Zum Geburtstag ihres Bräutigams eine eigenartige Ueberraschung planend, legte sie demselben als Geburtstagsangebinde nicht nur ihren eigenen Taufschein, sondern auch den ihres jüngeren Bruders und ihrer jüngeren Schwester, eines fünfzehnjährigen Kindes, zu den übrigen Geschenken. Die freudige Ueberraschung blieb aber beiderseits aus. Als der solchermassen überraschte Bräutigam sich von seinem Erstaunen erholt hatte, erklärte er der neuchristlichen Braut, dass er das Verlöbnis als aufgehoben betrachte, mit der sehr lobenswerten Begründung, dass er sie als Jüdin zu seiner Braut gemacht habe, ohne au ihrer 'Religion und Abkunft Anstoss zu nehmen, und als Jüdin habe ehelichen wollen. Die heimliche Taufe, die eine angenehme Ueberraschung werden sollte, war weder nach Wunsch noch nach Geschmack des christlichen Bräutigams. Er sah darin einen Treubruch und, wie er gesagt haben soll, eine Charakterlosigkeit, deren sich ein rechtlich denkender Mensch unter keinen Umständen schuldig machen dürfe. Die Adresse dieses christlichen Exbräutigams in Köln dürfte leicht zu ermitteln sein und es wäre für gewisse jüdische Professoren und für gewisse Gemeindevertreter und andere Tauflustige nur ratsam, wenn sie einmal die Meinung eines charaktervollen Nichtjuden über „Taufen aus äusseren Motiven" anhören wollten. Die getaufte Exbraut nebst ihren mitgetauften Geschwistern „sitzt nun da mit dem Talent und kann es nicht verwerten". Die Zulassung jüdischer Handelsreisender in Russland. Die Vereinigung von Handelskammern des niederrheinischwestfälischen Industriebezirks, bestehend aus den Handelskammern zu Bochum. Dortmund, Düsseldorf, Duisburg, Essen, Mühlheim a. d. B., Osnabrück und Ruhrort, hat sich an den Reichskanzler mit einer Eingabe gewendet, in der empfohlen wird, die wechselseitige Behandlung der Geschäftsreisenden bei dem Abschluss neuer Handelsverträge zu regeln. Die grössten Erschwerungren bereitet Russland dem Eintritt und dem Verkehr ausländischer Geschäftsreisender. Dort muss jetzt jeder Reisende eine Grundgewerbesteuer von 150 Rubel und ausserdem noch eine Ergänzungssteuer, den Kommisscheinund Kommunalsteuern zahlen, so dass sich der Betraer für die Zulassung zur geschäftlichen Tätigkeit bis auf 300 Rubel, in einzelnen Fällen noch darüber hinaus steigert. Für jüdische Geschäftsreisende ist die alte Grundgewerbesteuer von 500 Rubel beibehalten worden, so dass sich für sie eine Gesammtsteuer ergibt, die sich auf mehr als 700 Rubel beläuft, sogar bis auf 874 Rubel steigen kann. Die „Vossische Zeitung" über französische Schulverhältnisse. „An fast allen Gymnasien herrscht ein wütender Antisemitismus und Nationalismus, der sich' in der Misshandlung der protestantischen und jüdischen Kinder äussert." Die Juden in Schweden stammen grösstenteils von holländischen Einwanderern ab. Ihre politische und gesellschaftliche Lage ist vorzüglich. Die Assimilation ist aber geringer, als man darnach erwarten sollte. Es gibt sehr viele jüdisch-humanitäre Institute. Schwedische Bürger gibt es unter den Juden 3-4000, meist in Stockholm und Gothenburg. Ausserdem gibt es noch sehr viele ausländische jüdische Gemeinden (Mosaieh församling) ausser in den genannten Städten in Malmö, Halmstadt, Karlstadt, Norrkoeping, Sundvall, Karlskrona etc. Der Rückgang jüdischer Studierender auf den deutschen Universitäten. Unverkennbar zeigt der Prozentsatz der jüdischen Studierenden die Tendenz, sich allmählich zu vermindern : Der Aoteil der reichsläodisohen Juden betrug im Durchschnitt der Studienjahre von 1886/87 bis 1891 11-95 Prozent, in dem Studienjahr 1899/1900 aber nur noch 9o2 Prozent. Diese Erscheinung hängt ebenso wie die analoge Erscheinung bei den Schülern der höheren Lehranstalten mit dem relativen Rückgang der jüdischen Bevölkerung zusammen, der sowohl in Preussen wie überhaupt im Deutschen Reiche wahrzunehmen ist. Im Jahre 1880 hatte Deutschland eine Bevölkerung von 45*2 Millionen, unter denen 562.000 Juden waren, die 12'4 vom Tausend der Gesamtbevölkerung ausmachten. Im Jahre 1900 hatte das Deutsche Reich 56*5 Millionen Einwohner, darunter 587.000 Juden oder 10-4 vom Tausend. In Preussen waren die Juden 1880 mit 13-3, 1900 nur noch mit 11*4 vom Tausend an der Gesamtbevölkerung beteiligt. Ueber die Gründe dieses Prozesses gibt die Statistik vollen Aufschluts. Wenn auch die jüdischen Mischehen und die Judentaufen eine abbiöekeln de Wirkung ausüben, wenn ferner auch infolge der Auswanderung eine nicht geringe Zahl von Juden Deutschland verlassen hat — ihre Zahl wird für die Zeit von 1800 bis 1890 auf 20.000 geschätzt — so ist der Grund für die langsamere Vermehrung der jüdischen Bevölkerung doch hauptsächlich in der Abnahme des Geburtenüberschusses zu finden. Es rächt sich, dass die Juden immer mehr in die Städte, besonders in die Grossstädte gezogen sind, wo der Kinderreichtum überhaupt geringer ist. Ein weiterer wichtiger Grund dürfte auch in dem Schwinden eines spezifisch-jüdischen Lebens und in Verbindung damit — in dem Schwinden des jüdischen, sittlich reinen Familiensinnes zu suchen sein. Die Juden haben sich — wir können hierbei die religiösen Juden nicht ausschliessen — bis in die Knochen assimiliert; und so kommt es, dass die Heiligkeit des jüdischen Sittengesetzes, dessen strikte Beobachtung unsererseits selbst vonunseren schärfsten Gegnern früher unumwunden anerkannt werden musste, leider nicht mehr respektiert wird. Uebrigens bleibt in Preussen schon seit 50 Jahren die Geburtenziffer der Juden hinter der christlichen Bevölkerung zurück. Von 1820 bis 1866 kamen auf 1000 Juden jährlich 37-2 Geburten, 1878 bis 1882 nur noch 30-32 und i893 bis 1897 sogar nur noch 22-25, während die Ziffer bei der christlichen Bevölkerung 38*15 betrug. Wie stark der jüdische Geburtenüberschuss sich in den letzten 20 Jahren vermindert hat, zeigen folgende Zahlen : 1880 1900 Es wurden geboren...... 11.175 7.668 Es starben.......... . 6.295 5.868 Geburtsüberschuss . 4.880 1.800 Die natürliche Vermehrung ist also in 20 Jahren fast auf ein Drittel herab gegangen, trotz der verminderten Sterblichkeit. Jedoch kann man bis jetzt nur von einer relativen Abnahme der Juden in Deutschland sprechen, nicht von einer absoluten. Wenn die jetzt einflussreichen Momente aber fortwirken, wie angenommen werden darf, so muss in absehbarer Zeit auch die absolute Zahl der Juden sich bei uns vermindern. — Unter diesen Umständen ist, wie die „Akadem. Blätter" bemerken, zu vermuten, dass der Anteil der Juden am Universitätsstudium in den nächsten Jahren einen weiteren Rückgang erfahren wird. Freilich ist er immer noch gross und wird es auch in absehbarer Zeit bleiben, Juden in Kroatien-Slavonien nach der Zählung 1900. Die Juden, die mit einer Einwohnerzahl von 20.032 (mit Militär 20.216), einer arischen Bevölkerung von 2,380.740 (mit Militär 2,416.304) gegenüberstehen, also 0.84Ä/0 ausmachen, haben sich seit 1869 mehr als verdoppelt. Jedoch ist der absolute Zuwachs seit 1890 geringer, der grösste ist in den Jahren 1869—1880 zu verzeichnen. Im Jahre 1869 gab es Juden 9876 0.54%, arische Bevölkerung 1,828.322; 1880

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.