Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 32 (7.8.1903)
- Article
- Nowogradowolynsk [Kommentar] / L.
- Date
- 1903-08-07
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 8 j& w©B^ Nr. 32 ganzen Einwohnerzahl dieser Stadt, ca. 20 000, bilden die Juden mehr als die Hälfte. Ihre Lage ist eine äusserst schlechte; man kann dreist behaupten, dass nur etwas mehr als 25% der jüdischen Bevölkerung über einigen ärmlichen Besitz verfügen. Die übrigen lejben sehr kümmerlich, ohne zu wissen, ob sie morgen etwas zu essen haben werden. Die Ursachen dieser schrecklichen Armut sind verschiedene, aber die hauptsächlichste Ursache besteht in dem Verfalle des Geschäftes und Gewerbes in dieser Genend, in der Armut der Dorf- und Stadtbevölkerung, welche natürlich weder Kaufkraft hat, noch irgendwelche gewerbliche Anschaffungen machen kann. Die Emigrationsbewegung ist hier sehr gross. Kein Tag geht vorüber, an dem nicht Einzelne die Stadt verlassen. Es emigrieren hauptsächlich gesunde, junge, jeder physischen Arbeit gewachsene Leute. L. Petersburg. Das im Reichsgesetzblatfce publizierte Gesetz über die neue Gemeinde-Ordnung von Petersburg enthält folgende Bestimmung: Juden werden zur Wahl nicht zugelassen, ebenso dürfen sie keine Verwendung ais Beamte der Gemeindeverwaltung finden." Nikolajew. Das hiesige Börsen-Komitee wandte sich an den StadtobersteD mit der Bitte, er möge es in Petersbürg durchsetzen, dass in die von dem Kaufmannsstande gegründete Handelsschule 50°/0 jüdische Schüler aufgenommen werden. Die Bitte stützt sich auf folgende Gründe: 1) 90°/o der Mitglieder des Börsenvereines seien keine Christen; 2) die überwiegende Mehrheit der Kaufleute, aus deren besonderen Steuerzuschlägen die Handelsschule erhalten wird, seien keine Christen und 3) sei die Mehrzahl der Einwohner, die einer kommerziellen Ausbildung bedürfen, keine Christen. Die Bitte schliesst folgendermassen: Von Ihrem Ausspruch hängt die Zukunft und die Entwicklung unseres Handelsstandes ab. Ihre Menschenliebe, deren wir so oft Zeugen waren und die keinen Unterschied der Konfessionen kennt, wird auch diesmal zu Gunsten unserer Bevölkerung entscheiden, deren Wohl in der kommerziellen Bildung gelegen ist. Der Stadtoberste versprach, die Bitte zu befürworten. „Hazeflrah." Schaulen. (Gouv, Kowno.) Sonnabond den 21. Juni brach in einem Keller ein grosses Feuer aus, das binnen kurzer Zeit 72 Häuser, darunter auch die grosse Synagoge, vernichtete. Zum Unglück fehlte Wasser, um das Feuer zu löschen. Auch Menschen fielen den Flammen zum Opfer. Den entstandenen Schaden schätzt man auf 300.000 Rubel. 200 Familien, voa denen der gröeste Teil jüdische sind, stehen sogar ohne Lebensmittel hilflos da. Rostow. Wie der „Pridnjepr. Kr." meldet, hat eine belgische Gesellschaft vom Kriegsministerium die Erlaubnis erhalten, eine elektrische Bahn zu bauen, aber nur unter der Bedingung, keinen Juden auf einen Vertrauensposten zu stellen. Der Präsident dieser Gesellschaft erhielt demgernäss von der Rostower Stadtverwaltung den Auftrag, ein ausführliches Verzeichnis der Beamten nach ihrem Religionsbekenntnis einzuschicken. Minsk. In das Haus des jüdischen Fuhrmennes A. in der Töpferstrasse stürzten ohne Anlass einige Leute hinein, fingen an die Hausgeräte zu demolieren und verlangten, A. solle, wenn er leben bleiben wolle, sein Geld hergeben. Eg kamen noch einige Nachbarn hinzu und zerbrachen alles, was in ihre Hände fiel. Wäre nicht gleich die Polizei bekommen, wer weiss, was für Folge die Sache hätte haben können. Fünf Töpfer wurden verhaftet. Kn. Ekaterinoslaw: Eines Sonnabends versammelte sich auf dem Prospekte von Ekatprinoslaw um 9!/2 Uhr morgens eine grosse Menschenmenge, deren grösster Teil aus jüdischen Handelsgehilfen bestand, und wandte sich an die Besitzer der am Prospekte gelegenen jüdischen Magazine mit der Bitte, ihre Geschäfte zu schliessen, damit die jüdischen Handelsgehilfen ihre Sabbatruhe hätten. Einige der Magazinsinhaber kamen dieser Bitte sofort nach und schlössen ihre Geschäfte. Andere aber, darunter ein gewisser Ratschewski, weigerten sich entschieden, dieser Bitte nachzukommen. Da versuchte die Volksmenge diese Geschäfte mit Gewalt zu schliessen, wobei in die Fenster der Handlung von Ratschewski Steine hineinflogen und diese zertrümmerten. Die bald erschienene Polizei zerstreute die Menge, so dass, bald wieder Ruhe und Ordnung eingetreten war. Die Folge dtjs Tumults aber war, dass sogar die Gegner der Sabbatruhe ihre Geschäfte schlössen und ihre Angestellten aus den Geschäften entliessen. Kn. Dwinsk. Dem „Dwinsky Listoku zufolge überfiel ein #ut gekleideter Mann einen jüdischen Krämer, als er des Nachts mit seiner Losung nach Hause ging. Auf das Geschrei des Krämers hin eilten ein christlicher und ein jüdischer Nachtwächter herbei. Der jüdische Nachtwächter Sch. warf sich auf den Dieb und schlug ihn mit seinem Stocke, worauf ihn der Dieb mit einem Messer derart verwundete, dass er jetzt lebensgefährlich verletzt darniederliegt. Interessant ist es, bemerkt die Zeitung, daes der auf Wache stehende Polizist keine Hilfe leistete. Auf die Frage „Warum?u gab er zur Antwort: „Mein Leben ist mir teurer." Kn. Wtit'Qbi'ooik* Ein jüdischer Vorturner von 70 Jahren ist Herr Salamon Loeske, Vorturner der Alte Herrenriege des Turnvereines „Bar Kochba" in Berlin. Er feierte am 12. Juli seinen siebzigsten Geburtstag. Die „Turnzeitung" bringt folgende Daten über ihn : Als Sohn eines Uhrmachers in Fiatow geboren, wurde L o e sk e selbst Uhrmacher, wie es später auch sein Sohn wieder geworden ist. Den grössten Teil seines Lebens wohnte er in Inowrazlaw, wo er auch das Amt eines Stadtverordneten bekleidete; seit 15 Jahren betreibt er sein Gewerbe in Berlin. In Inowrazlaw ragte er als Mitglied des dortigen Turnvereines hervor und war besonders als tüchtiger Fussgänger bekannt. In Berlin trat er in die Deutsche Turuerschaft ein, erbot sich aber, als der „Bar Kochba" gegründet wurde, selbst dazu, eine Alte Herrenriege zu leiten. Bis heute hat er dies Amt ununterbrochen in musterhafter Weise geführt. Wie Loeske, schon im Greisen alter, sich noch der Bewegung der Jugend, dem Zionismus, angeschlossen hat und durch rege Anteilnahme an den zionististischen Veranstaltungen nicht minder die Frische seines Geistes, wie die Stärke seines jüdischen Empfindens zeigte, so hat er sich auch körperlich die Spannkraft der Jugend ganz und gar bewahrt. Wer ihn turnen sah und zumal wer von ihm als jüngerer „alter Herr" seinen Körper wieder zu kräftigen lernte, dem verschwand vor seinen Augen das Bild des Greises und zeigte sich die Gestalt eines kraftvollen Jünglings. Seine Tarnübungen führt er mit solcher Stärke und Gewandtheit aus, dass er allgemein angestaunt wird. Das Klima Palästinas. Eine genauere Kenntnis der klimatischen Verhältnisse Palästinas ist auch deshalb interessant, weil die in der Bibel gerühmte Fruchtbarkeit desselben mit den heutigen Zuständen in grellstem Gegensatze steht. Das wichtigste klimatische Element ist dort der Niederschlag, denn von seiner Menge und Verteilung hängt die Fruchtbarkeit des Landes in erster Linie ab. Eine von H. Hilderscheid unlängst veröffentlichte Untersuchung, der bisher vorhandenen Regen- Beobachtungen in Palästina gibt darüber interessante Aulschlüsse. Hiernach hat der südliche Küstenbezirk und das tiefer als der Meeresspiegel liegende Gebiet am Toten Meer und im Jordanthal eine durchschnittliche jährliche Regenhöhe von etwas unter 500, der höhere westliche Teil des Berglaucies eine solche von 700 bis 750, das übrige Bergland 600 bis 700, die Ebene 500 bis 600 Millimeter. Der Monat Juli ist in Palästina so gut wie völlig regenlos; auch Juni, August und September sind fast völlig trocken, dagegen sind. März und November die eigentlichen Regenmonate, in denen fast 0,9 aller Niederschläge fallen. Die Monate Mai bis September haben durchschnittlich nur 1 Prozent der jährlichen Regenmenge. In Jerusalem beginnt die Regenzeit ungefähr im letzten Drittel des Oktober und schliesst ^fangs Mai; an etwa 192 Tagen wird daselbst Regen beobachtet, die Trockenzeit umfasst dagegen 173 Tage. Der Frühregen der Bibel fällt im Oktober und November, der Spätregen im April und Mai. Ersterer ist für die Saaten der wichtigste; ist er spärlich oder bleibt er einmal aus, so kann auch ein reichlicher Spätregen den Feldern nicht viel nützen. Fast alle Regen treten in Jerusalem mit westlichen Winden ein und bringen Abkühlung. Von 1860 bis 1882, also in 22 Jahren, brachten 14 Winter zu Jerusalem Schnee, der aber rasch schmolz; der bedeutendste Schneefall trat am 28. und 29. Dezember 1879 ein und verursachte eine Schneehöhe von 43 Zentimeter. Hilderscheid hat auch untersucht, ob sich das Klima Palästinas in geschichtlicher Zeit verändert habe. Er findet, dass die Bewaldung des Landes im Altertum nicht wesentlich höher gewesen sein könne als heutzutage; auch deuten die Angaben der Bibel wie des Talmuds nicht darauf, dass früher die Regenverhältnisse anders waren. Daraus schliesst er, dass der heutige armselige Zustand und die dünne Bevölkerung des Landes nicht eine Folge klimatischer Veränderungen seien, sondern durch die geschichtliche Entwicklung bedingt würden, so dass bei einem gründlichen Wandel der durch die türkische Unkultur hervorgerufenen Verhältnisse das. heute verödete Land wieder in einen Zustand der Blüte und des Wohlstandes gebracht werden könnte.