Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 32 (7.8.1903)
- Article
- Tarnopol [Nachricht]
- Date
- 1903-08-07
- Page
- 7 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 32 ßfie $ W@Its« Seite 7 Tartippol. Etwas ganz Unerhörtes hat sich hier ereignet. Die Bezirkshauptmannschaft diktierte vielen jüdischen Kaulleuten laut § 53 des Gewerbegesetzes hohe Geldstrafen, weil sie an den hohen jüdischen Feiertagen das Geschäft geschlossen hatten. Der § 53 besagt nämlich, dass Geschäftsleute, die ihren Betrieb ohne Anmeldung einstellen, bestraft werden können. Die Bestraften rekurrierten an die Statthalterei und diese hat die Verfügung des Bezirkshauptmannes bestätigt! -- In Gewerbesachen ist die Statthalterei die oberste Instanz; trotzdem wäre es ein grosser Fehler, wenn die Juden Tarnopols die Sache auf sich beruhen Hessen. Es bleibt ihnen noch ein Gnadengesuch an den Minister des Innern offen, um diese unerhörte Entscheidung verschwinden zu machen. Berlin. In der Israelitischen Koch- und Haushaltungsschule (Gormannstr. 3) sind wieder einige Freistellen für Schüierinnen zu vergeben. Die Lehrzeit dauert 6—12 Monate. Berlin-Weissensee. (Israelitische Taubstummen- Anstalt.) Zur Zeit sind 44 Kinder, 27 Knaben und 17 Mädchen in der Anstalt, von denen nur ein Teil ganze oder teilweise Pension bezahlt, während die anderen gänzlich von dem Vereine „Freunde der Taubstummen Jedide Ilmimw unterhalten werden. Den Unterricht erteilen in vier getrennten Klassen ausser dem Direktor 3 Lehrer, 1 Lehrerin und 1 Erzieherin, denen auch die Aufsicht über die Kinder während der schulfreien Zeit übertragen ist. Einmal jährlich, und zwar zum Oktober finden Aufnahmen statt. Es können statutenmässig nur solche Kinder aufgenommen' werden, welche: 1. taub oder in dem Grade schwerhörig' sind, dass sie die Sprache mittels des Gehörs nicht erlernen] vermögen; 2. nicht schwach- oder blödsinnig sind; 3. ausser der Taubheit an keinem ihre Ausbildung hin-j dernden Gebrechen, auch an keiner ansteckenden, unheilbaren Krankheit leiden; 4. das 6. Lebensjahr vollendet und das 10. noch nicht überschritten haben. Aeltere taubstumme Kinder dürfen nur dann Berücksichtigung finden, wenn1 anzunehmen ist, dass sie vermöge ihrer geistigen Befähigung im Alter von etwa 17 Jahren mit gutem Erfolge aus der Anstalt entlassen werden können. Die angegebenen 4 Punkte müssen durch Atteste glaubhaft nachgewiesen werden. Die durch geeignete Atteste unterstützten Aufnahmegesuehe, sind bis spätestens zum 1. September an den Direktors M. Reich in Neu- Weissensee, Parkstrasse 18, zu richten, welcher nach Anhörung des Direktors und des Anstaltsarztes die Gesuche der Aufoahms-Kommission zu endgiltiger Entscheidung übergibt. Die Aufnahme erfolgt je nach den Vermögensverhältnissen des Antragstellers: unentgeltlich oder gegen eine mit dem Vorstande zu vereinbarende angemessene Vergütung. Hochfelden. Ein schönes Beispiel echt jüdischer Nächstenliebe wird von mehreren elsässischen Zeitungen gemeldet. In Hochfelden steuerten die Juden für den Bau einer evangelischen Kirche eine Summe von 256,50 Mark bei, ein Betrag, der grösser ist als mancher von evangelischen Gemeinden gelieierte. Bekanntlich werden in Hochfelden Protestanten und Juden von den katholischen Klerikalen stark angefeindet. Kopenhagen. Unser Stammesgenosse, Herr Hermann Trier ist nahezu einstimmig zum Präsidenten des Folkething (Landtags) wiedergewählt worden. Christiania. Unsere Gemeinde, die gegenwärtig zirka 100 Familien zählt, entbehrte bislang noch immer einer Chewra Kadischah, wie sie in Deutschland fast jede kleinste Gemeinde aufzuweisen hat. Dieser Tage Iffin findet hier eine von angesehener Seite einberufene Versammlung statt, in der die Begründung einer solchen segensreichen Chewra zur Tat werden soll. 1 London. Wie „Morning Leader" aus Mogador (in Marokko) berichtet, sind in der Provinz Sous am 17. v. M. ernste Unruhen gegen die Juden ausgebrochen. Mehrfach wurden die Judenviertel zerstört, viele Juden getötet und die Frauen entführt. London. Das Mitglied des englischen Unterhauses Mr. Michael Davitts schreibt in einer amerikanischen Zeitung nach einem Besuch in Russland: Ich bin aus Russland als überzeugter Anhänger der zionistischen Bewegung, der Repatriierung derjenigen Juden Russlands und anderer Länder, welche in das Heimatland ihrer Rasse zurückkehren wollen, gekommen. Es besteht keine Hoffnung, dass das russische Volk oder die Regierung den Juden jemals politische oder bürgerliche Rechte erteilen werde. Eher könnte der Neger gesellschaftlich vollständig gleichberechtigt in den ehemaligen Sklavenstaaten im Speisezimmer empfangen werden. Das russische Volk fürchtet den Juden mehr als es ihn hasst. Der Jude hat unendlich mehr Aussichten in allen Geschäften und bürgerlichen Gewerben als der russische Grundbesitzer oder Bauer, weil er in intellektueller Beziehung einen bedeutenden Vorsprung über die Männer der herrschenden Rasse besitzt. Der Zionismus ist ein notwendiges Ergebnis der Verhältnisse. Er tritt kühn dem schrecklichen Problem des russischen Juden mit einer vernünftigen und mutigen Lösung entgegen. Von den anderen Ländern Europas oder von Amerika kann vernünftigerweise nicht erwartet werden, dass sie ihre Tore der Einwanderung von 1—2 Millionen armer jüdischer Arbeiter weit öffnen werden. Das Heimatland Palästina bietet ihnen ein Obdach und vielleicht eine begrenzte Autonomie unter türkischer Souzeränität. Vorausgesetzt, dass sich der Einfiuss der öffentlichen Meinung und des Einschreitens der Grossmächte verbinde, könnte der Plan der zionistischen Bewegung erfüllt werden. London. Mr. J. de Haas hielt auf seiner Reise von Amerika nach Basel im Vereine „Bnei Zion" in London eine Rede, in welcher er ausführte, dass er sich überzeugt habe, dass auch Amerika nicht die Zukunft der Juden bedeute und dass gerade die amerikanischen Juden den Judenstaat notwendig hätten. Dem Zionismus arbeiten zwar nicht, wie in Europa, die Rabbiner, sondern das ganze Leben entgegen: ausser der Assimilation noch die ungeheuren Entfernungen. Wird aber jemand Zionist, dann sei er es ganz. Besonders sei die Jugend begeistert, was man auch auf dem Parteitag in Pittsburg sehen konnte. Kischenew habe einen ungeheuren Eindruck hervorgerufen und habe die Sympathien der intelligenten Klasse der amerikanischen Juden für den Zionismus erweckt; das sozialistische Element von New-York habe sich zu einer radikal-jüdischnationalen Partei zusammengeschlossen. Das amerikanisch-jüdische Leben leide aber nicht an Kischenew, sondern an sich selbst. Der schärfste Kampf spiele sich noch immer zwischen Reform- und orthodoxem Judentum ab. Das junge Volk beginne aber au andere Ideale zu denken. Er gehe nach Basel mit der Ueberzeugung, dass die Jugend am Zionismus arbeite und in geduldiger Arbeit alle, auch die entgegengesetzten Elemente, auf ihre Seite ziehen und überall die Hoffnung auf Rückkehr nach Palästina säen werde. Cleveland. Die hiesige Judenschaft hat in einem grossen Meeting eine Kundgebung gegen die Greuel von Kischenew veranstaltet. Als Redner fungierte Mr. Jacobe de Haas, dessen Ausführungen in der Erklärung gipfelten, dass Amerika genug für die einwandernden Juden getan hätte, ja mehr zu tun gar nicht imstande sei. Bei aller Liebe zum zweiten Mutterlande, dürften die Juden nicht vergessen, dass ihre Heimat Palästina sei, dass dort eine Heimstätte für die leidenden Stammesbrüder errichtet werden müsse. Mit einem Appell an die Versammelten, mitzuarbeiten am grossen Erlösungswerke, schloss der Redner seine Ausführungen, Braila. (Für denjüdischenReligionsunterrichtund die jüdischeGeschichte.) Auf dem diesjährigen Parteitage in Jassy kam die Tatsache zur Sprache, ■ dass die jüdischen Kinder in den öffentlichen Schulen keinen jüdischen Religionsunterricht bekommen. Der grösste Teil der jüdischen Kinder besucht den christlichen Religionsunterricht. (!) Da die rumänische Regierung nichts dagegen einwendet, daes die Juden in ihrer Religion unterrichtet werden, ist nur die Indolenz der früheren „Führer* des jüdischen Volkes daran schuld, dass die jüdischen Kinder in der Schule entweder christlichen Religionsunterricht bekommen, oder gar keinen. Jene nämlich, die einen Ausweis vom Ortsrabbiner bringen können, dass sie die heilige Schrift hinreichend verstehen, sind vom Religionsunterrichte dispensiert. — Den Beschlüssen des Parteitages gemäss, wendet sich nun in einer agitatorischen Flugschrift der Vizepräsident des L.-K., Herr Dr. Moscoviz, an alle Stammesgenossen mit der Bitte, das L.-K. in seiner Tätigkeit für die Aufhebung dieser Zustände zu unterstützen. Gleichzeitig legt er ihnen nahe, wie notwendig für die Stärkung des Nationalgefühls die Kenntnis der jüdischen Geschichte sei und empfiehlt die Graetz'sche „Geschichte der Juden" in der Uebersetzung des Herrn Horia Carp. Es ist sicher zu erwarten, dass sich die Orthodoxen der Aktion der Zionisten für den jüdischen Religionsunterricht \md die Pflege der jüdischen Geschichte anschliessen. Warschau. Die hiesige Verlagsbuchhandlung „Tuschija" zeigt die Drucklegung eines Kollektivwerkes im Jargon an, dessen Ertrag für die Notleidenden in Kischenew bestimmt ist. Ihre Mitarbeit an dem Werke, das den Titel „Pomoc" (Hilfe) führen wird, haben u.a. GrafTotstoi, MaximGorki,WladimirKoroienko, Anton Tschechow und Elise Orczesko zugesagt. Die Uebersetzung wird von den Schriftstellern „Scholaum-Alechem4' und Spektor besorgt. Die Einladung zur Beteiligung beantwortete Tolstoi mit folgenden Worten: „Ich freue mich, zu dem Erfolge Ihres Werkes beitragen zu können und werde trachten, etwas den Umständen Entsprechendes zu schreiben.4' Nowpgradowolynsk. Dem „Wolyn" meidet man über die Not der dortigen jüdischen Bevölkerimg folgendes: Von der