Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 32 (7.8.1903)
- Article
- Briefe aus England
- Date
- 1903-08-07
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 32 Die s$g Weit* Seite 5 Geldern, die öffentlich zu einem bestimmten Zwecke gesammelt worden sind, in solch eigenmächtiger und anmassender Weise gewirtschaftet wird, wie es die genannte Gesellschaft für gut findet. Es existiert nämlich in London ein sogenanntes russischjüdisches Komitee, welches in den Jahren 1882—1890 die Summe von 100 000 Pfund Sterling zur Unterstützung russischer Juden sammelte; von diesem Betrag sind bereits 80 000 Pfund Sterling angeblich als Spenden ausgewiesen. Welcher Art dieselben waren, weiss freilich niemand, und wenn ich sage, niemand weiss, wo dies Geld hingekommen ist, so meine ich dies wörtlich, weil niemand in das Gebaren dieser Komitees Einsicht erhält und die Presse zu den Sitzungen nicht zugelassen wird, und das Amt des Vorsitzenden und Kassiers merkwürdig genug in einer Person — Sir Samuel Montagu — vereinigt sind. Es verlautet, dass dieses Komitee im vergangeneu Jahre den Aufsichtspersonen für russische Angelegenheiten 2000 Pfund Sterling bewilligt hat. Weicher Art war nun diese russische Hilfsaktion? Darüber schweigt die Geschichte vollständig! Und das ist leicht erklärlich, denn ihre Tätigkeit bestand nur darin, dass sie russische Flüchtlinge in ihre „Heimat41 zurückbeförderte, ein-System, mit welchem der Präsident dieses Komitees sich in dem Masse für einverstanden erklärte, dass er dasselbe für die königliche Fremdeneiuwanderungskommission zur Annahme empfiehlt. Ausser der genannten munifizenten Gabe an die Vereinigung sind 1023 Pfund Sterling, 4 Schilling und 10 Pence für das Auskunfts- und Stellennachweisamt verrechnet. Nachdem aber auch dieser Verein keinen Bericht über sein finanzielles Gebaren herausgibt und seine Sitzungen geheim sind, kann niemand sagen, worin seine Tätigkeit und Wirksamkeit besteht. Doch wissen wir, dass die Kosten zur Erhaltung des Abendkurses für die englische Sprache von dem Fonds dieses Komitees getragen werden und dass der Miss Montagu-Klub eine ansehnliche Unterstützung aus demselben Fonds erhielt. Die Juden von Kischenew haben ebenfalls 1000 Pfund Sterling bekommen; wäre es aber im Sinne des Sir Samuel Montagu gegangen, so hätten sie bloss 500 Pfund Sterling bekommen. Wir Zionisten sind oft von Leuten wie der „Homo p-oiiticus" beschuldigt worden, öffentlich gesammelte Gelder zu Zwecken verwendet zu haben, die nicht deutlich genannt wurden, aber weder M. Luden Wolf, noch Sir Samuel Montagu würden sich getrauen zu sagen, dass wir jemals Gelder unter so falschen Vorspiegelungen genommen, dieselben so willkürlich verwendet und überdies so in ein Dunkel gehüllt hätten, wie es diese Leute taten. Diese willkürliche Art und Weise gehört zweifellos noch zur Schule der Assimilation. Das ist die Ica, welche uns Zangwill eingehend erläutert, das sind die Grundsatze, die jetzt in London d?s russisch-jüdische Komitee leiten. Hier muss ich auch noch einer sehr dringenden Verwarnung einiger Blätter Erwähnung tun, welche sich auf die "Wahl der Delegierten für den nächsten Kongress bezieht: „Es wird strenge davor gewarnt, fanatische Anhänger der extremen und partikularistischen, zionistischen Richtung zu entsenden. Kein Streit über Kultur und „Parteien'4 soll das Gedeihen des zionistischen Gedankens hemmen. Herzl und Nordau müssen mit allen Kräften unterstützt werden/' Die Bewegung gegen die Fremdeneinwanderung, die eine Zeitlang ruhte, hat wieder mit voller Kraft eingesetzt. Letzten Sonntag fand im Victoria-Park eine Anti-Einwanderungsversammlung statt, in der all die alten Führer der British- Brothers League das englische Volk aufforderten, den Auswurf Europas von den Küsten Englands fernzuhalten. Es ist klar, dass nicht einmal die grossartige Ablenkungsmethode des Sir Samuel Montagu sie gebessert hat. L e e d s , 8. Juli .1903. P. M. R a s k i n. Die nationale Arbeit der Frau. Von J. Th. Wenn wir uns kämpfende Nationen ansehen, so berührt es uns sehr sympathisch, dass die Frauen dort in den ersten Kampfesreihen stehen, wo es sich um Erhaltung der Eigenart, der Sprache — des Volkstums handelt. Als in den vorigen Jahrhunderten die romanische Kultur Dalmatien überflutete, als die Kroaten in ihrer Assimilationssucht und Nachäffung den höchsten Grad erreichten, da waren es Frauen, die die kroatische Sprache, die kroatische Sitte hochhielten und. in Wort und Schrift gegen das unnationale Tun der Männer auftraten. Das war einmal. Heute kämpfen die Männer auch — aber die Frau leistet hauptsächlich die nationale Kleinarbeit. Sie hält den nationalen Sinn im Hause und in der Gesellschaft aufrecht und erzieht die Kinder, dass sie den Vätern gleich würden. Wie sieht es damit bei den Juden aus? Wenn wir die nationale erzieherische Arbeit unserer Frauen untersuchen wollen, müssen wir Ost und West, orthodoxe und freisinnige Kreise unterscheiden. Da die Juden des Ostens in sehr kompakten Massen unter ungünstigen Verhältnissen leben, wird die Erziehung der Kinder in nationalem Sinne bedeutend erleichtert. Das Kind lernt und weiss nichts anderes, als dass es jüdisch ist. Die Mutter ist mit dem Judentum verwachsen und so werden es auch die Kinder. Und weiss auch die schlichte Jüdin aus dem Osten nichts vom modernen Nationalitätsgedanken, so fällt das wenig in die Wagschale. Die Juden des Ostens erfassen sofort den nationalen Gedanken, weil sie jüdisch fühlen, weil sie im Hause das hatten, was in Westeuropa zumeist abgeht, was der Jargon treffend mit „Jüdischkeit" bezeichnet. Und diese Jüdischkeit ist dort bei Orthodoxen und Freisinnigen zu Hause. Im Westen Europas aber hat man in dem Bemühen, dein Ghetto zu entkommen, das Judentum verloren. Auch das fromme jüdische Haus ist hier des Judentums fast bar und wenn auch der jüdische Kultus den jüdischen Anstrich behalten hat, so vermisst man doch jene Einheitlichkeit des Gefühles, die unseren Bruder aus dem Osten auszeichnet. Es fehlt eben die jüdische nationale Basis; die Wurzeln liegen zum Teile frei — der Baum kommt nicht zur Entfaltung. Das öffentliche Interesse der mittleren Bürgerklassen im Westen ist zwischen Kaffeehaus, Theater und Tingeltangel geteilt, so namentlich in den Grossstädten, und nichts lüsst kühler als die Sorgen der jüdischen Gemeinde. Trägt nun wenigstens die Frau, das Haus, dazu bei, das Jüdische zu erhalten, zu kräftigen oder neu einzubürgern? Zumeist nicht. Wir Zionisten kämpfen mit unserem Herzblut für die Volkssache — die jüdische Frau steht uns leider ferne. Wollte man mir entgegnen, es gäbe soundso viele MädchenundFrauenvereine, so frage ich:Was bedeuten sie alle zusammen — da sie doch eine verhältnismässig so kleine Anzahl jüdischer Frauen umfassen und auch kaum die Tendenz des neuen Judentums verstehen — und sind das genügend viele und genügend guteMitarbeiterinnen am Befreiungswerke des jüdischen Volkes? Sind sie alle mit ihrem ganzen Herzen bei der Sache, haben sie alle jene lodernde Begeisterung, jene sturmfeste Ueberzeugung, die sie anspornt, mehr zu sein als etwa Ehrendamen bei Makkabäerf eiern? Wenn man schon nicht verlangt, dass die Frau auch als Agitatorin des Baseler Programmes, als politische Zionistin sich betätigt, so muss man doch zumindest — aber dann auch unbedingt das Selbstverständliche verlangen: dass sie das reiche Mass der Liebe zum Volke auf ihre Kinder übertrage, dass sie sie lehre, dass sie zum Judenvolke gehören, dass sie ihr Herz und Gefühl wecke für die Freuden und die Leiden ihrer Brüder. Das ist die beste zionistische Arbeit, die die Frau leisten kann, da kann sie einen herrlichen Nationalfonds sammeln, einen Fonds von jungen, warmfühlenden, begeisterten Kindern des Volkes. Wie ist doch die jüdische Frau zurückgeblieben! Was weiss sie von ihrem Volke, seinem Ruhme, seinen Leiden? Was erzählt sie ihren Kindern davon? Denen ist Schneewitchen, Dornröschen, Rübezahl usw. bekannt, das Judentum kennen sie nicht. Von Makkabi haben sie nie gehört, doch erfreuen sie sich zur Weihnachtszeit an Christbäumen. So entfremdet sich die Jüdin uns, sie entfremdet uns ihre Kinder, die uns allen gehören — das ganze Volk ha.t ein Anrecht auf sie. Was tun andersnationale Frauen? In Kroatien haben die Frauen sogar politische Demonstrationen veranstaltet. Die Polin hält zu ihrem Volke, die polnische Frau ist der Stolz ihrer Nation — polnische Kinder Hessen sich prügeln und sprachen die Gebete nicht deutsch! Alle Achtung vor solchen Müttern! * Die slovakischen Frauen treten mit bewunderungswürdiger Entschlossenheit für ihr Volk ein. Die Rumänin romanisiert das ganze Haus und in welches Haus immer die Rumänin einzieht, zieht der rumänische Geist mit ein. Erzieht die Deutsche nicht ein starkes, lebensfrohes, deutschfühlendes Geschlecht? Die Serbin assimiliert sich nicht, ja in Bosnien, wo es Mode ist, dem dortigen „Europäertum" _ d. h. einer verschwommenen, verwässerten sogenannten Kultur mit deutscher Umgangssprache — zu fröhnen, bewahrt sie in ihrem Hause den nationalen Geist — wenn sie auch das Aeussere „europäisiert". Eine so ausgesprochene radikale nationale Gesinnung wie die der Serbin wünschte ich unserem Volke. Die Quelle derselben ist bei den Serben die Familie, die Frau und die Schule. Und erst die Tschechin!