Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 32 (7.8.1903)
- Article
- Der sechste Kongress
- Date
- 1903-08-07
- Page
- 4 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 4 „Die # Weif * mann, Orgejew. Leime Warschowitz, Bialystok. Mos. Weizmann, Wloclawek. Dr. Weizmann, Stawropol. stud. P. Wilcnsky, Romiii. I. Wulfsolm, Riga. M. Silberfarb, Rowno. N. Sirkin, Rowno. Dr. Staropolski, Schitomir. H. Slotopolski, Tarastschy, Iljinzy und Stawistsche. C. Thalheimer (Ersatzin.), Köln. Ingenieur W. I. Temkin, Tiraspol und Elisabethgrad. Dr. S. I. Temkin, Crementschuk. Dr. Torhowez, Czudnow. M. M. Ussischkin, Ekaterinoslaw. Mich. Uriaschsotin, Wilna. S. E. Weissenberg, Petersburg. I. B. Wolff, Slobodke. El. Ziemack (Ersatzin.), Güttingen und Hannover. M. Zobel, Proskurow. Frl. S. I. Zwenigorodsky, Rostow. E. E. Zuckermann, Kiew. „Misrachi". Auf dem Minsker Parteitage ist eine der schwierigsten Fragen unserer Organisation befriedigend gelöst worden. Die Kulturfra^e, die in jeder zionistischen Versammlung, noch'mehr aber auf allen Kongressen, eine fast unüberbrückbare Spaltung in unserem Lager zu bilden schien, wurde dadurch gelöst, dass zwei Kommissionen für Kulturarbeit eingesetzt wurden, deren jede nach ihrer religiösen Richtung die Arbeit der Volkserziehung zu besorgen hat. Das war der einzig richtige und auch mögliche Weg zur Verständigung und zur Betonung des selbstverständlichen Gedankens, dass die zionistische Organisation alle Juden ohne Unterschied ihrer religiösen Anschauung vereinigen müsse, ohne aber eine Richtung vor der anderen zu begünstigen. Im Zionismus, der ja nichts anderes anstrebt, als die Zerfahrenheit unseres schwergeprüften Volkes zu beheben, sollen und müssen alle gleich sein. In Fragen der Erziehung soll jeder Richtung die Freiheit gelassen werden, nach ihrer Ueberzeugung zu arbeiten, soweit diese Arbeit nicht gegen die allgemeine nationale Idee verstösst, die dem Zionismus zugrunde liegt. Die Frommen haben durch diese Lösung einen Sieg errungen, der aber für ihre bisherigen Gegner sicherlich keine Niederlage bedeutet. Denn ihr sogenannter Kulturkampf war nicht das, wofür er lange aus Missverständiiis gehalten wurde; es war kein Kampf gegen die Kultur, sondern ein Kampf u rn e i n e R i c h t u n g in der Kultur, die das traditionelle Leben in religiösem Sinne mehr geschützt wissen wollte, als es ihr die Nichtfrommen verbürgen zu können schienen. Ueberdies hatten unsere Frommen in agitatorischer Beziehung kein leichtes Spiel. Die "n-nrx*" rcr? das „schwarzeKabinef" derPoltawaer Rabinowitz und ihrer Konsorten hat ihnen jede Arbeit unmöglich gemacht. Die Wühlerarbeit des berüchtigten "obsr,, hatte es viel leichter; sie brauchte nur auf die angebliche Gefahr hinzuweisen, die dem religiösen Leben von Seiten des Zionismus drohe, und die gesetzestreue Volksmasse, durch den Schaden, den die Assimilation bis heute angerichtet, gewitzigt, glaubte sich vor dem gefährlichen Zionismus und dessen Kulturbestrebungen in Acht nehmen zu müssen. Man muss nicht streng orthodox sein, um zu begreifen, dass ein frommer .lüde, der für sein Judentum so manches Harte und Bittere erleidet, der weiss, dass seine Vorfahren für denselben Glauben geblutet haben, dass sich dieser Jude modernen Ideen, die von aufgeklärten Männern geleitet werden, nicht so leicht anschliesst. Die Frommen in unserer Organisation hatten fast unüberwindliche Schwierigkeiten zu beseitigen; sie hatten nicht allein ge.^eu Unwissenheit und Unkenntnis zu kämpfen, sondern auch gegen grobe und gemeine Verleumdungen und Entstellungen, durch die ihr Ideal bei den Volksmassen in Misskrcd.it gebracht werden sollte. Ihr Recht auf getrennte Arbeit in erziehlichen Dingen hat ihnen gute Dienste geleistet; sie konnten die Verleumder Lügen strafen, sie waren in der Lage, ihre gleich* gesinnten Brüder über den Irrtum aufzuklären, in den diese von den Gegnern des Zionismus hineingeführt wurden. Seit der Minsker Versammlung sind die orthodoxen Zionisten stärker und in musterhafter Disziplin organisiert; ihre Vereine, die streng auf dem Boden des Basler Programmes stehen, vermehren sich in sehr erfreulicher Weise. ,,Misrachi4t, dies der Name der orthodox-zionistischen Partei, hat bereits sein eigenes Organ, eine hebräische Monatschrift namens PHlEn (der Osten), von dem uns ein bereits erschienenes Heft und die Inhaltsangabe des zweiten, noch im Druck befindlichen Heftes vorliegt. Der Zweck dieser Zeitschrift ist, nach den einleitenden Auseinandersetzungen eines Artikels des Führers des Misrachi, Rabbiner J. Reines in Lida, „nicht zu kämpfe n , sondern über das Wesen, die Zi ele und die wahren Bestrebungen des Zionismus aufzuklären und die falschen Anschuldigungen, die ge^eii ihn erhoben werden, zu widerlegen". „Es sollen sich" — fährt Herr Reines fort — „unsere frommen Brüder überzeugen, welchen Nutzen der Zionismus unserer Religion bringen kann, unserem Volke und Lande. Sie sollen erfahren, dassder Zionismusallein imstande ist, unsere Lehre zu heben, unsere Jugend d e ni J u d e n t u ni z u r u c k z u geben, dass er allein imstande ist, die Einheit Israels herzustellen -und es zu einem geeinigten Volke zu machen. Nur der Zionismus kann die Kräfte des Volkes zu gemeinsamer Arbeit wecken, zum Nutzen und Frommen unseres Volkes und Landes; er allein kann uns aus der furchtbaren geistigen und ökonomischen Notlage befreien . . . 4 , . .«-.:.' Eine stattliche Reihe von publizistischen und wissenschaftlichen Artikeln, die von der bewährten Hand eines tüchtigen Schriftstellers, wie es Herr W. J a w e t z ist, redigiert sind, zeigt uns, wie ernst. „Misrachi" seine auf dem Minsker Kongresse übernommene Mission auffasst und welch schönes. Stück Kulturarbeit seither von ihm geleistet würde. Wenn er in dieser Weise fortfährt, die orthodoxen Massen' über den Zionismus aufzuklären und zu belehren, so wird er für unsere Gesamtorganisatipn Grosses und Erspriessiiches leisten. „Misrachi" wird nicht, wie man bisher irrtümlich glauben machen wollte, als Kulttirfeind gelten, sondern ein mächtiger Kulturfaktor sein, der innerhalb einer freien Volksbewegung nicht allein berechtigt, sondern für die nationale Entwicklung auch notwendig ist. M. B. Briefe aus England. in. Und wieder ist alles ruhig in der Gemeinde .... Es wird kein Protestmeeting stattfinden und die „Führer" der englischen Judenschait werden mit einem Seufzer der Erleichterung ihren so ehrlich verdienten Sommerurlaub antreten. Haben sie denn nicht schwer, gearbeitet in der letzten Zeit? Man bedenke nur! Einen Brief, der eine ganze Spalte füllt, haben sie an die „Times" geschrieben, einen Aufruf in „Jewish Chronicle" veröffentlicht, und — man staune — Woche für Woche in den Versammlungen herumgesprochen! Ist das nicht eine Riesenarbeit? Und was war die Ursache dieser stürmischen Erregung? Ein paar polnische luden, denen die Russen eine Lektion erteilt haben, 'höchstwahrscheinlich weil sie ihre Häuser nicht rein genug hielten oder weil sie zu eng beisammen wohnten oder sich nicht der landesüblichen Sprache bedienten oder vielleicht auch, weil sie den Segen der russischen Zivilisation nicht anerkennen wollten. Warnt sie denn nicht unser eigener Oberrabbiner wiederholt davor, dass das Gott bewahre — nicht selbst hier, in England, den Argwohn unserer Mitbürger hervorrufen könnte, und war das nicht die alleinige Ursache der Bewegung gegen die Einwanderung der Fremden?. Und so scheint mir der Sachverhalt zu liegen: Ich sehe im Geiste ihr schmerzverzerrtes Antlitz und ich errate ihre Gedanken: „Mit welchem Rechte existieren diese polnischen Juden überhaupt und machen uns so viel Verlegenheiten, dass wir uns sogar während unseres Urlaubes mit ihnen .abgeben müssen?" Ich glaube auch ein Lächeln im Antlitze des. Hauptanführers in dem edlen Kampfe gegen das Protestmeeting zu sehen, im Antlitze des Sir Samuel Montagu. Er denkt: Dieser Zionist Bentwich hat sich nie Bahn brechen können. Aber wie er immer bis zum letzten Augenblick ausgeharrt hat! Nicht einmal, wenn ich den Lord Rothschild selbst zum Meeting gebracht hätte, hätte er von' seiner Resolution gelassen. Er wusste, dass die Chancen der Annahme seiner Resolution 30 zu 100 wären und er weigerte sich trotzdem, dieselbe zurückzuziehen, Alis solchem Holz sind diese Zionisten geschnitzt. Kein Wunder, dass sie das Vertrauen des Volkes gewinnen; wir können;es :nicht! Armer alter Sir Samuel! Ich kann ihn meiner eigenen Sympathie und der aller Zionisten versichern. Wie hat er sich bemüht, seine Politik der „meisterhaften Untätigkeit" zu rechtfertigen, und in welch unangenehme Debatten wurde er oft hineingezogen! Da war z. B. einer neugierig genug, ihn zu fragen, warum er, Sir Samuel, Protestmeetings in London einberufen hat gegen die schlechte Behandlung der aufständischen Armenier, während ihm der "Gedanke gegen die Niedermetzelung von friedlichen, ordnungsliebenden Juden zu protestieren, die Haare zu Berge stehen macht. Der Neugierige blieb natürlich ohne Antwort, und das geschah ihm recht so: Er soll nächstens nicht so ungeschickt fragen! - Wie es auch sei — jetzt ist alles vorüber! Die Gemeinde wird sich zu ihrem grossartigen Werke gratulieren, dasselbe der langen Reihe ihrer „weisen und gerechten" Massnahmen anfügen und der Zwischenfall wird erledigt sein. Aber trotzdem gibt es einige Punkte, die ans Tageslicht gekommen sind, welche wir Zionisten unter keinen Umständen als erledigt betrachten dürfen. Einer dieser Punkte ist die Verwaltung öffentlicher Gelder. Ich scheue mich nicht zu sagen, dass keine Vereinigung der Welt sich damit zufrieden geben könnte, dass mit