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Die Welt · 1903-08-07 · 32 (7.8.1903) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
32 (7.8.1903)
Article
Kadimah
Date
1903-08-07
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 „Die £ Welt^ Nr. 32 Ja, das stimmt allerdings. 'Flucht;;war nie eine Vorwärtsbewegung. Flucht ist eine Bewegung nach rückwärts. Flucht ist-das letzte Nachgeben. Wer. fliiclitet, hat sich bereits ergeben. Wer flüchtet^ hat damit gesagt: Ich entsage,dem Kampfe. Ich verteidige nicht mehr das, was zu verteidigen'ich mir vorgenommen^habe. Ich überlasse euch das, wofür ich gekämpft habe. IXeberlasse euch das, was ich als mein Eigentum betrachten wollte. Flucht ist'.eine Eückwärtsbewegüng und kann auch nichts anderes sein, denn sie ist die Lossagung von jenem'- Prinzipe, für welches der Kampf geführt wurde. Das ist die Hauptsache. Ohne Lossagimg gibt es keine Flucht. Wenn ich mich aber in der Tür geirrt habe, in eine fremde Wohnung kam'und meinen Irrtum erkenne, dann entschuldige ich mich und gehe fort; das ist keine Flucht, denn ich hatte ja gar nicht die Absicht, von der fremden Wohnung Besitz zu nehmen. Ja, etwas anderes, wäre es, wenn ich absichtlich hineingedrangen - wäre, um sie zu erobern und man mich gezwungen hätte, diese Absicht aufzugeben und fortzugehen---dann wäre mein Fortgehen eine wahre Flucht — denn derjenige ist ein Flüchtling, welcher der Kraft nachgebend, sich von dem Prinzipe lossagt, für welches er gestritten hat. Die Juden* aber sind nicht in die Diasporaländer gekommen, um sich dieselben anzueignen, oder sich dort dauernd anzusiedeln. Wir sind nicht einmal gekommen, man zwängte uns in diese Länder hinein. 19 Jahrhunderte unserer Geschichte erzählen nicht davon, was wir gemacht haben, sondern davon, was andere mit uns gemacht haben. Andere zwängten uns nach Spanien hinein, andere verdrängten uns aus Spanien und zwangen uns, nach Osteuropa, zu gehen. Wir gingen, wohin man uns stiess und blieben stehen, wenn die Kraft des Stosses nachliess. Die einen blieben in Holland, die anderen schon in Kuniäuien; aber weder die einen noch die anderen kamen zielbewusst, mit Eroberung**- oder Kiederlassungsabsichten dahin. Vor Ermüdung auf dem Boden Kumäniens fallend, sagten sie sich nicht: Hier will und werde ich leben! Sie sagten vielmehr: Weiter zu gehen habe ich keine Kraft; ich bleibe also hier; vielleicht wird man auch hier nicht solchen Qualen unterworfen, wie im Lande der Sephardim. Wir kamen in die Diasporaländer ohne Niederlassungsabsichten. In unserer damaligen Fortbewegung gab es überhaupt keine Absicht — es war bloss eine Ursache vorhanden. Jetzt aber sehen wir, dass wir uns in der Tür geirrt haben und nicht dahin gelangt sind, wo unser eigentlicher Platz ist und wollen fortgehen. Das ist keine Flucht, denn wir brachten gar keine Absichten mit, als wir in diese Länder kamen und wir haben gar keinen Absichten zu entsagen. TTebrigens, nein. Eine Absicht brachten wir mit: die Erhaltung unserer Nationalität, welche sich für uns in der Religion symbolisierte. Spanien wollte "uns Gleichberechtigung für Glaubensverleugnung geben, wir aber zogen Folter und Verbannung vor. Aus Spanien ziehend, wollten wir also Juden bleiben. Das war unsere einzige Absicht. Dieses einzige Ziel haben wir durch Feuer und Wasser unserer langen Geschichte getragen. Und diesem Ziel entsagen wir nimmer: wir dienen ihm heute treuer als irgendwann; wir wollen auch nur deshalb für immer aus den fremden Städten fortgehen,um Juden bleiben zu können. Wir haben uns nicht ergeben und haben nichts von dem aufgegeben, was das Ziel unseres historischen Kampfes ist und war; deshalb wird unser Auszug keine Flucht, sondern ein Triumph sein. Aber Flüchtlinge werden diejenigen genannt werden, welche sich lossagten, sich ergaben, diejenigen, welche dem Drucke nicht Widerstand lejsten konnten und Juden zu sein aufhörten'; die 'Lehre der Lossagung, die Aufrufe zur Akrünhigkeit, die Einladung, sich zu demütigen und petitscjie oder Franzosen zu werden, da es doch nun einmal schwer fällt, Jude'zu Ideiben — das ist es,'was^ wirklich, gebrandmarkt werben wird mit'dem Kamen Mutlosigkeit und flucht. ' Jetzt , sind wir zum /Hauptpunkt ziir Abtrünnigkeit angelangt. Flucht ist Abtrünnigkeit.;,;Un d w.'e n n w i r b 1 o s s F 1 u c h t wo 111 e n, s o Ii ätt e n wir n i c h t d en Z i o n i s'm u s, sonder n A b t r u.n n i gk e i t g e 1 e h r t. Die M'assen wenden sich unter dein Einflüsse einer äusseren Wirkung immer nach der Seite des .kleinsten Widerstandes. Der Antisemitismus ist ein starker äusserer Druck;'aber, um sich vor ihm zu retten, hahen wir gar nicht nötig, Palästina oder ein anderes neues Land zu kolonisieren. - Es gibt einen viel ' weniger komplizierten Weg — den Weg der Abtrünnigkeit. Für die Flucht ist das der Weg des'kleinsten Widerstandes. Wechselt den Glauben und heute noch bekommt ihr alle Keehte vor dem Gesetze und morgen oder übermorgen werdet ihr mit "Hilfe von Mischehen auch von der Gesellschaft als ihresgleichen anerkannt. Wenn diese Verschmelzung auch Zeit erfordert, so wird sie euch fü^ alle Fälle leichter fallen als die Erlösung des verwahrlosten Landes und die Schaffung einer neuen Heimstätte auf den Trümmern--- Der Antisemitismus k o n n t e n i c h t den Zionismus zur Welt bringen. Der Antisemitismus .konnte nur das Bestreben, hervorrufen, vor den Verfolgungen auf.dem Wege des kleinsten Widerstandes zu flüchten, d, h. zur Abtrünnigkeit. Aber, damit statt der Abtrünnigkeitslehrc der Aufruf zum nationalen Selbstbewußtsein und zur Wiedergeburt erschalle, war etwas ans'ser dem Antisemitismus nötig — es musste ein innerer Stachel, ein inneres und'positives Imperativ vorhanden sein. Dieses Imperativ sitzt. im lebensschaffenden Triebe der nationalen Selbsterhaltung, welcher uns die Kraft gab, durch die Geschichte zu gehen. Das ist die Bolle des Antisemitismus in der zionistischen Bewegung. Wir wollen nicht leugnen, dass er uns aufwachen half. Aber sonst nichts. Wenn wir aufgewacht, uns zur Arbeit anschickten, dann taten wir es nicht wegen des Antisemitismus, sondern um des "Lebensinstinktes willen, der sich in uns befindet, , . Wenn wir Flucht gewollt hätten, würden wir zur Abtrünnigkeit gelangt sein, wenn wir ein Fort erstrebten, würden wir zur Abtrünnigkeit aufrufen, weil Abtrünnigkeit leichter ist und am ehesten unsere Haut in Sicherheit bringen würde. Aber nicht wir, sondern unsere Gegner gehen auf diesem leichten Wege der Lossagung; wir Zionisten weisen jede Ergebung zurück und rufen zur schweren Arbeit des Wirkens auf. Wir rufen das jüdische Volk zum historischen Schaffen auf. Nach Osten hinweisend, sprechen wir nicht zum Volke: flüchtet, versteckt euch vor den Verfolgungen in dieser Höhle; wir zeigen „ostwärts" und rufen „vorwärts": K a d i m a Ii! Der sechste Kongress. (23.-28. August.) Die Delegiertenwahlen sind auch diese Woche nicht beendet worden. In Frankreich, Oesterreich, Rumänien, Bulgarien und Amerika steht das Resultat noch gänzlich aus. Auch aus den übrigen Landsmannschaften fehlen noch viele Wahlresultate, so dass ein abschliessendes Bild über das Gesamtergebnis der Delegiertenwahl noch nicht gegeben werden kann. Allerdings steht die Thatsache bereits fest, dass der

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