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Die Welt · 1903-07-31 · 31 (31.7.1903) · p. 15

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
31 (31.7.1903)
Article
Auf den Trümmern von Zion
Date
1903-07-31
Page
15 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 31 „Die %l Welt6* Seite 15 statte geworden, welche die Feinde so mutwillig zerstört haben!" Und er weinte und sagte: „Wehe, wo sind meine Kinder, meine Priester, meine Freunde? Wo seid ihr alle? Habe ich euch doch rechtzeitig zur Umkehr mahnen lassen!" .... Und zu Jeremias sagte er: „Ich gleiche einem Könige, der seinem Sohne ein Hochzeitsgemach errichtet und dessen Sohn darin stirbt. Empfindest du gar keinen Schmerz mit mir, mit meinem Sohne? So rufe denn die Patriarchen und Moses aus den Gräbern herbei, die so gut zu weinen verstehen!" Jeremias ging zu dem Grabe der Patriarchen und rief sie an, ohne ihnen den wahren Grund zu sagen; er fürchtete den Vorwurf, dass es dem Volke gerade zu seiner Zeit so schlecht ergehen musste. Moses, dem es auch unbekannt war, weshalb er gerufen werde, fragte die Engel, die er vom Sinai her kannte, was geschehen sei, und sie erzählten ihm, dass der Tempel zerstört und Israel verbannt sei. Trauernd und laut klagend gelangte Moses vor die Ruhestätte der Patriarchen, und mit ihnen zusammen kam er zu den Trümmern des Heiligtums; hier stand Gott und klagte: „Wehe dem Könige, dem es in der Jugend gut ging und im Alter schlecht ergeht!" * Abraham hub nun zu klagen an: „Weshalb musste mir widerfahren, was keiner Nation so ^schrecklich widerfuhr?" Und die Engel klagten mit ihm: „Öie Strassen, die er in Jerusalem gebaut, auf denen Israel an den Feiertagen zu dir wallfahrte, sind verwüstet; dein Bündnis mit Abraham, der deinen Namen der Welt kundgab, ist gelöst; Zion und Jerusalem, die du erwählt hast, sind verachtet! . . . Wir führen Klage für deinen Liebling Abraham, den du nicht beachtet hast." . . . Gott wandte sich nun zu Abraham und sagte: „Was will mein Freund in meinem Hause?" Und Abraham sagte: „Herr der Welt! Weshalb hast du meine Kinder in die Fremde verbannt, sie Völkern ausgeliefert, von denen sie in grausamster Weise hingeschlachtet werden? Weshalb hast du das Heiligtum zerstört, verwüstet den Ort, wo ich dir einst einen Altar gebaut, um nach deinem Wunsch meinen Sohn zu opfern?" „Deine Kinder haben gesündigt," gab ihm der Herr zur Antwort. „Sie befolgten nicht die Thora." „Wer wagt es, zu bezeugen, dass sie die Thora nicht befolgten?" fragte der Patriarch. Da stellte sich die Thora als Anklägerin vor. Abraham aber sagte zu ihr: „Schämst du dich nicht, meine Tochter, gegen Israel zu zeugen? Denke doch an jenen Tag, wo Gott dich herumtrug von einem Volke zum anderen und keines dich annehmen wollte, bis du auf den Sinai kamst, wo meine Kinder dich freudig und in Ehren empfingen — und nun, da sie so schwer leiden, kommst du, um sie anzuklagen? ..." Reuig trat die Thora zurück und entschlug sich der Aussage. Ebenso traten die als Belastungszeugen vorgeführten sämtlichen Buchstaben des Alphabetes zurück, deren jeder an irgend ein Verdienst Israels gemahnt, von Abraham beschämt und zum Schweigen gebracht wurde. * Und nun trat Isaak vor und erinnerte an seine Opferwilligkeit. Jakob dagegen verwies auf seine langjährigen Leiden und die Kränkungen, die er ertragen, bis er seine Kinder erzogen. Endlich begann Moses zu klagen: „War ich nicht ein treuer Hirt Israels? Wie ein Pferd wurde ich vierzig Jahre lang in seinem Dienst in der Wüste gehetzt, und als endlich die Zeit kam, in das gelobte Land einzuziehen, da wurde mir der Eintritt versagt. So bewahrheitet sich denn das Sprichwort: An dem Glück meines Herrn habe ich kein Teil, wohl aber au seinem Unglück. Und so werde ich jetzt gerufen zu klagen über Israels Leid!" * Und Moses Hess sich von Jeremias an die Stätte geleiten, wo seine verbannten Brüder sassen, um zu sehen, wer sich ihrer bemächtigt habe. Der Weg dahin war mit Leichen besäet. Sie kamen an die Wasser Babylons. Als das Volk sie erblickte, rief es laut: „Nun kommt der Sohn Amrams, um uns aus Feindeshand zu erlösen!" Moses aber sagte ihnen: „Eure Verbannung ist beschlossen. Jetzt könnt ihr nicht zurückgehen. Aber Gott wird euch einst in eure Heimat zurückführen." Das Volk aber stimmte in das Lied ein: „An den Strömen Babels sassen wir und weinten, als wir Zions gedachten!" Auch Rachel trat vor Gott und sprach wie folgt: „Denke doch daran, dass Jakob, dein Diener, sieben Jahre um mich schwer gedient und dass ich selbst meine Hand dazu bot, dass ihm meine Schwester an meiner statt gegeben werde. Wenn ich nun als Menschenweib, vom Staube geschaffen, so frei war von Eifersucht und meiner Rivalin wohlwollend begegnete, um wieviel mehr musst du, der lebendige, ewige und barmherzige Gott, die Eifersucht bannen gegenüber Götzen von Holz und Stein, die ganz bedeutungslos sind, und weshalb nun hast du ihretwillen meine Kinder vertrieben, dem Schwerte des Feindes preisgegeben?" Und Gott sagte: „Um deinetwillen, Rachel, werde ich Israel in seine Heimat zurückführen!" Und Jeremias verkündete im Namen Gottes: „Also spricht der Herr: Eine Stimme der Klage wird zu Rama gehört, bitterliches Weinen. Rachel weint um ihre Kinder; sie kann sich nicht trösten um ihre Kinder, die dahin sind. Also spricht der Herr: Hör auf zu weinen; deine Augen sollen nicht mehr Tränen vergiessen, denn es gibt einen Lohn für dein Tun, spricht der Herr. Deine Kinder werden zurückkehren aus dem Lande der Feinde. Deine Zukunft ist hoffnungsreich, spricht der Herr, deine Kinder werden in ihr Land zurückkehren! . . ." M. H e n e s. Fastengesichte. Von Dr. Emil L o i m d. ö r f e r. Die Xneht vom (.). auf don 10. Ab des Jahres '3171 nach (Irr Frbauung Jerusalems hatte ihre dunklon Schleier über das grause "Bild des Tcmpelbrandes gebreitet, als ein hochbetagter Mann schweren. Schrittes und gesenkten Hauptes vom Tale Kidron her zur Stadt hinaufstieg. An einer Wendung des Weges Hess der müde Alte sich ein Weilchen auf einen .Baumstumpf nieder und blickte tränenvorsehloierleu Auges ins rauoherf ül Itc Tal hinab. Drin wallten gleich Trauerfahnen vom sanften Odem der .Nacht bewegt, die schwarzen Rauchfetxen. Strich ein stärkerer Windhauch über die Niederung, so schuf er phantastische Formen und die fieberisch erregte Einbildungskraft des Alten sah. dann dämonische Gestalten: die einen Brust an Brust miteinander ringend, andere wieder einander fliehend und hierauf abermals zum Kampfe in wirrer blasse geballt. Da treten aus dem brodelnden Chaos zwei (gestalten, J e r e m i a s und E z e c h i e 1, die hochborühinten. Propheten, beide von erhabenem Ernste, Ezechiel, aber, der jüngere, lebhafter in allen seinen Bewegungen. Die Schatten halten Zwiesprache. Doch glaubt der Alte ihre Bede verstehen zu können und lauscht aufmerksam ihren Worten. * E z e c h i c 1 : „Dahin ist alle Pracht Jerusalems. Die Königin der Städte ist ihres herrlichsten Schmuckes beraubt, das Heiligtum des Herrn ist in den Staub gesunken. Auf den Trümmern des Baues Berge von. Deichen. O, zwiefacher Tag des Inheils! Ist das denn nicht der Tag, an dem der Feind von den (udildcn Babels Zion erstieg, uns zu Sklaven machte und vom teuren Boden, der Heimat wegriss? Und an eben diesem Tage — welche Fügung! — wirft der Feind aus dem Westen die Brandfackel in den Tompol und

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