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Die Welt · 1903-07-31 · 31 (31.7.1903) · p. 11

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
31 (31.7.1903)
Article
Kischenew [Nachricht] / bz.
Date
1903-07-31
Page
11 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 31 „Die # Welt" Seite 11 Kischenew. Seit einigen Tagen weilt hier der Direktor der jüdischen Kolonien in Argentinien, Herr K a z e s, der über die Eignung der nach Argentinien emigrierenden Juden zum Ackerbau Nachforschungen anstellt. Von hier begibt sich Herr Kazes in Begleitung des Herrn Feinberg nach Odessa, um über den Landkauf zu verhandeln, der für die Gründung einer Ackerbauschule in der Nähe von Odessa in Aussicht steht. Wie verlautet, sollen 200 Familien entschlossen sein, ihre Bitten um Ansiedlung zu überreichen. Dem „Bessarabetz" zufolge wurden von dem hiesigen Polizeiamte in der Zeit vom 9. April bis 25. Juni 1. J. 350 Pässe an auswandernde jüdische Familien ausgefolgt. Der neue Gouverneur von Bessarabien, Fürst U russ o w, beehrte die Mitglieder der jüdischen Deputation, Dr. M u c z n i k und Königschatz, mit seinen Gegenbesuchen, deren jeder eine halbe Stunde dauerte. bz. Odessa. Wie die Zeitungen melden, haben über 1500 jüdische Kaufleute seit der Zeit des Kisehenewer Greuels beschlossen, ihre Geschäfte am Sonnabend zu schliessen. Diesem Beispiel folgten auch, wie die russischen Zeitungen mel ien, die ineisten jüdischen Kaufieute vieler Städte Südrusslands. Petersburg. Das verkrachte Hetzblatt „Snamja", auf welches ein Gdessaer Bankinstitut Beschlag gelegt hatte, ist gerichtsseitig versteigert und durch den Ex-Kapitän Skott für den Preis von — 400 Rubeln erstanden worden. Der Käufer war nur ein Strohmann des ehemaligen Besitzers Kruschewan, der das Blatt vom 1. August ab wieder herausgeben wird. New-York. Der heurige Schulschluss zeigt die Tatsache, dass unsere jüdischen Schüler und Schülerinnen die meisten Ehrungen und Preise davontrugen. Unter den zweiundzwanzig besten Studenten am New-Yorker Qity College, einer Anstalt, die nur etwas mehr als acht Prozent jüdische Schüler hat, sind zwanzig Jude n. New-York. Der Präsident des hiesigen jüdischen Vereines für Obdachlose, Mr. S. D. Levy, macht eine Reise nach Europa,, um hier die grössten Asyle für Obdachlose und Waisenkinder zu besuchen. Mr. Levy will sich nach England, Deutschland und in die Schweiz begeben, um so das beste System für das liier zu errichtende Asyl kennen zu lernen. VW^Übi'ODik. Das alte Gespenst. Wieder raunt sich das Volk ein Blutmärchen in die Ohren und lässt die Arbeit früher ols sonst im Stich, um zu aufgeregten und aufregenden Konventikeln zu eilen. An der Grenze des Komitats Saros liegt der Zipser Marktflecken Szepes Jakubfalu. Dort hat sich jüngst folgender Vorfall zugetragen: Den Postverkehr zwischen dem genannten Orte und dem benachbarten Bad Lublo besorgt seit längerem eine christliche zwanzigjährige Magd. Auch am 9. Juli ging sie mit den Postsachen nach Lublo und begab sich von dort erwiesenermassen um 11 Uhr vormittags auf den Rückweg. Als sie aber bis zum Abend nicht zu Hause angekommen war, wurde man im Postamt, bei ihren Eitern und schliesslich allgemein unruhig, und eine Bauerngruppe ging auf die Suche. M.an fand die Magd in einem Graben nahe bei Lublo als Leiche. Tötliche Stichwunden am Halse und die erbrochene Posttasche erwiesen deutlich einen Raubmord. Trotzdem entstand sofort im Volke das furchtbare Gerücht, dass ein jüdischer junger Fleischhauer, der täglich Fleisch nach Lublo liefert, der Mörder sei, und zwar aus dem Grunde, weil er als Bräutigam — er ist verlobt — Christenblut brauche, um heiraten zu können! Dazu kam noch, dass bei der Untersuchung der Leiche in Lublo sich ein Arzt fand, der konstatierte, dass die Wunden wahrscheinlich von einem Fleischhauer herrühren! Alsbald meldeten sich auch schon mehrere christliche Zeugen, die in der beiläufigen Zeit des Mordes auf der Waldstrasse, die zum Tatorte führt, einen rotbärtigen, grossen Mann gesehen haben wollten. (Stimmt auf den Verdächtigen.) Daraufhin wurde der Fleischhauer verhaftet und ins Untersuchungsgefängnis nach Lublo überführt. Die Wirtshäuser sind seit diesem Ereignis in der ganzen Gegend überfüllt, das Blutmärchen im Schwange. Die Juden fühlen sich stark beunruhigt. Glücklicherweise soll von Leutschau, der Komitatshauptstadt, eine Untersuchungskominission eintreffen, deren Tätigkeit man fieberhaft erwartet. Es melden sich viele jüdische Zeugen, die den Verdächtigen in der kritischen Zeit zu Hause trafen. Weitere Berichte folgen. Eperjes. A. Altmann. Antisemitischer Vandalismus. In Dramburg haben antisemitische Burschen auf dem jüdischen Friedhof, im Luisenhain und in der Umgebung des Seminars arge Verwüstungen angerichtet. Auf dem jüdischen Friedhof sind etwa 40 Denkmäler umgebrochen, von den Sockeln gestossen und zum grössten Teil zerschlagen. Eine Dankadresse an RoosevelL Ein galizisch-jüdisches Blatt erlässt einen Aufruf an die gaiizischen Juden, eine Dankadresse an den Präsidenten Roosevelt zu richten, da er der einzige Machthaber, der seine Entrüstung über die blutigen Exzesse in Kischenew öffentlich kundgegeben hat. Vom Hilfskomitee in Kischenew. Im Laufe des ersten Monates seiner Tätigkeit hat das Hilfskomitee für Kischenew 736.476 Rubel gesammelt, von denen 192.443 Rubel cus Amerika, 16.001 aus England, 10.475 aus Oesterreich, 35.675 aus Deutschland, 5000 aus Italien, 1000 aus Holland und 9248 aus Frankreich, der Rest aus Russland stammten. Von dieser Summe wurden 464.462 Rubel verausgabt, darunter 50.000 Rubel zur Uebersiedlung von 50 jüdischen Familien nach Palästina. Dem Komitee waren bisher 2538 Gesuche um Unterstützung zugegangen. Hebräische Postforniulare in Palästina, Der „Jcwish Chronicle" rnedet, dass in den Kolonien nächst Jaffa Postämter der österreichischen Post eröffnet worden sind, und dass mehrere Formulare hebräischen Text mit einem Mögen David als Emblem tragen. Ein hohes Alter. Bei Kiew starb der Jude Nuchim, Falko witz im Alter von 121 Jahren. Einzelne seiner Söhne und Töchter sind gegen 80 Jahre alt. Der Greis erinnerte sich, Napoleon I. und die Kaiserin Katharina II. gesehen zu haben. Unter den Juden des Fleckens Nicolskoje, des Wohnortes Falkowitz', soll es zirka 25 Personen im Alter von 80 bis 100 Jahren geben. Ein K»nderhospiz. Aus Modena wird uns gemeldet: Dank den Bemühungen unseres Gesinnungsgenossen. Doktor Edgardo Morpurgo, der ein begeisterter Vorkämpfer der physischen Neubelebung des Judentums in Wort und Tat ist, hat sich in Mailand ein „Komitee zur Gründung eines Seehospizes für arme jüdische Kinder" gebildet, das aus Herren und Damen aller Gesellschaftskreise besteht. Die Kinder werden in Riccionc, einem am Meere gelegenen Orte, der Obhut des Bürgermeisters anvertraut sein und sich unter der Beobachtung tüchtiger Aerztc und der besonderen Aufsicht einer Vorstaudsdamc befinden. Die Kosten für ein Kind betragen zirka 100 Lire für den Sommer; ein bedeutender Betrag steht dem Komitee bereits zur Verfügung. Hoffen wir, dass die Sache einen vollen Erfolg haben wird! Ein Rothschild als Vortragender an einer jüdischen Volksbildwigsstätte. Für Sonntag den 26. Juli hatte Baron Henry Rothschild, der bekannte Kinderarzt, an der von unseren Gesinnungsgenossen in Paris gegründeten jüdischen Volkshochschule (Universite populaire juive) einen Vortrag über die ,,Hygiene des Kindesalters" angekündigt. Cholera in Syrien. Die Cholera ist in Syrien wieder in voller Zunahme. Am 15. d. M. wurden, wie man uns aus Konstantinopei berichtet, in Damaskus offiziell 19 Fälle angezeigt und in Hama in den letzten Tagen 30 bis 40 Todesfälle. Die letzteren erreichen jedoch erwiesenermassen eine viel höhere Zahl, vie]e Tote werden nämlich heimlich in der Nacht begraben. Trotzdem hat der Sanitätsrat des Vilajets die Provenienzen aus Damaskus und Hama nur einer dreitägigen Quarantäne, welche im Lazareth Mrcjatt durchzumachen ist, unterworfen, statt, wie dies in solchen Fällen vorgeschrieben, fünf Tage. Eine weitere Ausdehnung der Cholera gegen die Meeresküste ist zu befürchten. Es wurde daher mittelst Irade angeordnet, Hama unter Kordon zu stellen, und es geht dieser Tage eine medizinische Kommission, nach Damaskus, welcher acht an der Konstautinopeier Zivilmedizinschule promovierte Aerzte zugeteilt wurden. Jüdische Offiziere in Frankreich. Bei der jüngsten Truppenrevue in Longchamps bat ein jüdischer General (Naquet-Laro que) die dritte Artilleriebrigade kommandiert; ferner nahmen teil der Artillerieoberst V a 1 a b r e g u e, Direktor der Militärschule, der Oberstleutnant der Artillerie Mayer, der das 12. Regiment führte und der Oberst Herr man, der das 84 Infanterieregiment führte. Der Freisinn. Die „Freisinnige Zeitung" in Berlin hat eine sehr merkwürdige Art, gegen ihr missliebige Zeitungen anzukämpfen. Sie schreibt zum Beispiel über ver.-ch iedene liberale Blätter: „Herr Arthur Le srysohn schreibt in dem Organ des Herrn Mos se", yHerr Isidor Levy schreibt in der Vossischen Zeitung", „es heilst in dem Organ des Herrn Ullstein", „das Organ des Herrn Cohn schreibt". Neuerdings polemisiert sie gegen den Berliner jüdischen „Generalanzeiger", den sie in schalkhafter Weise fortwährend das „Organ des Herrn Moses* nennt.

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