Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 31 (31.7.1903)
- Article
- Konferenz der zionistischen Handelsnagestellten und Arbeiter Galiziens
- Date
- 1903-07-31
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 31 ,Dte £ Welt" Seite 7 Nichteinhaltung des Schulzwanges und des Gesetzes hin, wonach ein Lehrling unter 14 Jahren nicht aufgenommen werden darf. Er sprach von der geistigen Verwahrlosung der Gehilfen und Arbeiter. Ein Antrag, sich an die Handelskammern zu wenden, damit die Gesetze auch mit Strenge gehütet werden, wurde angenommen. In der Diskussion sprach man hauptsächlich darüber, welchen Weg die Agitation einzuschlagen habe, ob sozialistisch, national oder ökonomisch-zionistisch. Die Mehrheit sprach sich in letzterem Sinne aus. Zu diesem Punkt der Tagesordnung wurde beschlossen, Versammlungen und Vorlesungen zu veranstalten, fachwissenschaftliche Kurse, Kurse für jüdische Geschichte und Literatur zu gründen, Veranstaltungen von jüdischnationalen Feiern zu treffen etc. Ein Antrag des Gesinnungsgenossen Herz, die Angriffe der assimilatorischen jüdischen Sozialisten auf den Zionismus auf das energischeste abzuwehren, wurde angenommen. Zweiter Tag. Der Vorsitzende verliest die eingelaufenen Begriissungsschreiben und Depeschen, darunter die von Herrn Dr. Herzl, vom III. Zionistentag in Wien, vom Verein zionistischer Handelsgehilfen in Wien, von der Studenten-Vereinigung „Kadimah" in München etc. und erteilt sodann dem Gesinnungsgenossen Rieser (Krakau) das Wort zum Referate „Organisation44. Referent wies auf die Notwendigkeit einer strammen und festgefügten Organisation hin, die auf jüdisch-nationalem Boden basiert. Denn nur durch eine solche könne eine Besserung der kläglichen Lage der Arbeiter und Handelsangestellten in Galizien herbeigeführt werden. Die Verkürzung der Arbeitszeit, vollständige Samstags- oder Sonntagsruhe, Regelung des Lehrlingswesens, Freigabe während der Arbeitszeit behufs Besuches der Fortbildungsschule für den Lehrling müsse die Kampfparole der Handelsangestellten und Arbeiter in Galizien werden. Die Organisation müsse sofort an die Gründung eines unentgeltlichen Stellenvermittlungsbureaus herantreten, zur Sammlung von Unterstützungsfonds usw. Die Anträge des Referenten, einen allgemeinen Verband der jüdischen. Arbeiter und Handelsangestellten zu gründen und das vom Referenten eingebrachte zionistische Organisationsstatut anzunehmen, wurden angenommen. Eine weitere Resolution desselben, mit nichtzionistischen, speziell sozialistischen Vereinen keine dauernden Kompromisse einzugehen, wurde angenommen. Ueber „Parteipresse" referierte Gesinnungsgenosse Glas (Stanislau). Der „Wschod" (Lemberg), „Jüd. Volksstimme" (Brünn), „Jüd. Volkszeitung" (Stanislau) sind als Parteiblätter anerkannt worden. Pflicht der Genossen ist es, für die Verbreitung dieser Blätter Sorge zu tragen. Jede Organisation habe eine Broschüreiikornmission zu wählen, die den Vertrieb der Parteiliteratur zu organisieren hätte. Der Punkt „Stellenvermittlung und Konditionslosenfonds" wurde über Autrag des Oesinnungsgenossen Dr. Pordes nicht besprochen, sondern es wurden diese Arbeiten der Gesamtexekutive übergeben. Der Sitz der Exekutive für Galizien wurde nach Krakau verlegt. Mit der Absingung der jüdschnationalen Hymne schloss die l. Konferenz der jüdischen Handelsangestellten und Arbeiter Gal.iziens um 11 Uhr nachts. J. R. Zur Papstwahl. Dr. F. Citron - Genua. Leos XIII. Tod lenkt die Blicke der ganzen zivilisierten Welt nach Italien. Es ist für alle Staaten von grossem Interesse, wer in Zukunft Pontifex maximus sein wird. Kein Staat ist mehr interessiert, als Italien* Liegt doch im Herzen Italiens das vom Papst in Anspruch genommene Patrimonium Petri, — das ewige Rom. Was aber, so werden wohl jetzt manche fragen, geht uns Juden die Papstwahl an? Was haben wir von ihr zu hoffen, was von ihr zu fürchten? Zu hoffen haben wir nichts. Zu fürchten haben wir viel. Zu den Ländern, die als antisemitenrein galten, gehörten bisher neben England und den Vereinigten Staaten von Nordamerika, Italien. Mit Schmerz haben wir in allerjüngster Zeit in England und in der Union den Antisemitismus einziehen und dort wachsen gesehen. Und so blieb nur noch ein Eldorado — Italien. Ein jüdischer Kriegsminister, sprechen die Assimilanten und selbst mancher brave Zionist, sagt dies nicht genug? Leider nein. Viel mehr sagt uns jene kleine Notiz, die der in Mailand erscheinende „Corriere della Sera" vor wenigen Tagen brachte: In Mantua ist bei der Gemeindewahl ein Priester gewählt worden, dessen Programm — antisemitisch war. Das lombardische Blatt fügt dieser Meldung noch eine Mitteilung hinzu, welche uns Zionisten weiter nicht überraschen wird. Für den antisemitischen Kandidaten haben nicht nur seine klerikalen Parteigenossen, sondern Angehörige aller Parteien gestimmt. Es ist dies zum ersten Mal, dass in Italien eine Wahl unter dem Zeichen des Antisemitismus erfolgt ist. Gewiss verdiente der „vereinzelte Fall", dass in einer Provinzstadt neben vielen Sozialisten und Radikalen auch ein Antisemit gewählt ist, keinerlei weitere Beachtung, bewiese er nicht aufs klarste, dass es mit der vielgerühmten Immunität Italiens gegen den Antisemitismus nichts ist. Kein Volk ist so giftfest, dass es dieser Seuche Widerstand leisten könnte. Italien ist liberal, die Juden haben alle Rechte, weil die Regierung liberal ist. Die Regierung ist liberal, weil das Parlament liberal ist. Das Parlament ist liberal, weil das italienische Volk liberal ist, sollte man denken. Und so denken unsere Juden in Italien und treiben Vogelstrauss- Assimilationspolitik. Die Wahrheit aber ist die, dass das italienische Parlament liberal ist — weil die Klerikalen sich von der Wahl fern halten. Nicht aus freiem Willen tun sie es, sondern einem Winke des Pontifex folgen sie. Pius IX. und Leo XIII. grollten. Wer aber wird jetzt den Stuhl Petri besteigen? Ein Intransigenter oder ein Versöhnlicher? Wir wissen es nicht. Als sicher aber darf es gelten, dass eine volle Aussöhnung zwischen Papst und König jetzt noch nicht erfolgen wird. Der erste Schritt zur Versöhnung wäre der, dass der Papst den Katholiken die Erlaubnis gibt, sich an der Wahl zum Parlament zu beteiligen. Geschieht dies aber, dann zieht in das italienische Parlament eine starke klerikale Partei ein und mit ihr der Antisemitismus. Die italienischen Juden aber wiegen sich in Sicherheit. Sie glauben, dass der Krieg zwischen Papst und König ewig dauern wird, und sie irren schwer. Sind doch die jungen Kleriker Italiens heute genau ebensolche Patrioten, wie die deutschen und die polnischen Kleriker deutsche und polnische Patrioten sind. Noch ein Konklave und vielleicht noch ein zweites — und die Versöhnung wird erfolgen. Sie muss erfolgen. Und die Juden werden mit ihrer Freiheit den Preis bezahlen. Es wird ein trauriges Erwachen aus dem langen Schlaf sein, und es wird ein hoffnungsloser Zustand sein, wenn die italienischen Juden dann nicht in einem freien Zion Schutz und Stütze werden finden können, ^>i*ib(ii)e. QeehrterHerr Redakteur! In dem Berichte der „Welt" über die Rede, die ich zur Feier des Schekeltages in Paris am 4. Juli hielt, findet sich eine Phrase, die ich tatsächlich nicht gesagt habe und die mir einen Gedankengang zumutet, der nie der meine war. Es heisst dort: „Ich wäre lange der Ansicht gewesen, dass die östlichen Juden hinter den westlichen zurückstehen, dass nur diese letzteren die Blüte des Judentums bilden.'4 Tatsächlich habe ich gesagt, dass viele w e s t- 1 ä n d. i s c h e J u d c n bisher die Juden Osteuropas für minderwertig hielten, und dass erst der Kongress sie eines Besseren belehrt habe. Uebrigens bin ich sicher, dass die Leser der „Welt", die mich kennen, den Irrtum von selbst berichtigt haben. Mit vorzüglicher Hochachtung ergebenst Paris. Dr. Alexander Marmorek. *