Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 31 (31.7.1903)
- Article
- Ein Turnfest der jüdischen Turnvereine in Basel
- Date
- 1903-07-31
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 4 „Die # Welt" Nr. 31 stets furchtlos, fest und offen vor jedermann vertreten. Von den Mitgliedern wird lediglich die Anerkennung des nationaljüdischen Prinzips gefordert. Dagegen bleibt es jedem einzelnen überlassen, zum Zionismus Stellung zu nehmen, und so turnen in unseren Reihen ebenso Bekenner wie Gegner des zionistischen Ideals. Es würde mich nicht wundernehmen, wenn diese gegenseitige „Toleranz" gewissen „Liberalen" unfassbar bliebe. Nur sollen sie es nicht wagen, uns für verkappte Zionisten zu erklären, d. h. für Leute, die zwar den Namen Zionisten vermeiden, faktisch aber Zionisten sind. Gegen den voraussichtlichen Vorwurf der Verschleierung sei hiermit nachdrücklichst protestiert. Durch die turnerischen Vorführungen zeigen wir dem Baseler Kongress und damit der Oeffentiichkeit, was wir als Turner leisten können. Damit erhält der Zionismus als Schöpfer unserer Turnbewegung den ihm gebärenden Dankeszoll durch die Tat abgestattet. Das Erscheinen der jüdischen Turner ist ein Akt der Dankbarkeit und historischen Pietät, Empfindungen, die den Juden ganz besonders eigen sind. Die Baseler Zionisten dürfen mit stolzer Freude und Genugtuung auf die junge Turnmannschaft blicken und sich das Verdienst zusprechen, durch die Anregung des jüdischen Turnwesens dem jüdischen Volke neue Bahnen gewiesen und Kreise, die vielfach jede Verbindung mit ihren Statnmesgenossen verloren hatten, für ein jüdisches Volksideal zurückgewonnen zu haben. Das Zusammentreffen und Zusammenturnen in Basel ist ein höchst bedeutsames Ereignis in der Geschichte unserer Turnvereine. Niemals waren die tüchtigsten Turner so vieler Vereine bisher zu gemeinsamem Wirken vereinigt. Jetzt sollen sie zeigen, was sie gelernt haben, und sie sollen es zeigen unter den erschwerendsten Umständen: sie kennen einander in ihrer turnerischen Eigenart nicht und sind an die Art des Kommandos, das schliesslich einheitlich in Basel gegeben werden wird, nicht gewöhnt. Die turnerische Leistungsfähigkeit der einzelnen Vereine ist vielleicht dermassen abgestuft, dass das Ensemble darunter leiden und das turnerische Gelingen in Erage gestellt sein kann. Dabei ist noch zu bedenken, dass Proben kaum werden veranstaltet werden können. Umsomehr liegt jedem Turnwart eines Brudervereines, der Turner nach Basel entsendet, die Pflicht ob, die verhältnismässig kurze Spanne Zeit, die uns von den Kongresstagen trennt, mit aller Energie zu gründlicher Einübung der Mitglieder zu benutzen. Unter Berücksichtigung aller der genannten hinderlichen Faktoren wird man keinen allzustrengen Masstab an die turnerischen Vorführungen in der alten Schweizerstadt anlegen dürfen. Sollte aber auch das Ensemble vom turnerischen Gesichtspunkte aus vielleicht zu wünschen übrig lassen, so wird das Einvernehmen unserer jugendlichen Turnbrüder umso harmonischer sein. Es liegt nahe, dass die in Basel vertretenen Vereine die günstige Gelegenheit benutzen und die Beratung und Erledigung der in letzter Zeit arg vernachlässigten Frage der Verbandsgründung ernstlich in Angriff nehmen. Welcher Erfolg, wenn sich in Basel, jener für uns klassischen Stätte, wo der Gedanke der jüdischen Turnbewegung geboren wurde, auch der Zusammenschluss der einzelnen und vereinzelten Turnvereine vollziehen würde. Dazu wäre es allerdings erforderlich, dass sie nicht nur ihre Eliteturner, sondern ausser diesen auch ihre Vertreter nach Basel schicken und ihnen Vollmacht geben, bindende Beschlüsse zu fassen. Damit wäre schon etwas Erhebliches erreicht. Die in letzter Zeit stark in den Hintergrund getretene Diskussion über die Verbandsgründung wieder in Gang zu bringen ist Sache der geistigen Elite unserer Turnerschaft, insbesondere der einzelnen Vereinsvorstände, die sich bewusst sein müssen und auch sicherlich bewusst sind, dass eine in engem Vereinsrahmen sich haltende Kleinarbeit unmöglich das Endziel der jungjüdischen Turnbewegung sein kann. Eine straffe und planvolle Organisation tut uns bitter not. Dass sie leicht zu schaffen ist, ja dass starke Ansätze dazu gewissermassen latent vorhanden sind, folgere ich daraus, dass bis jetzt schon sieben Korporationen finanzieller Opfer ungeachtet ihre Mitwirkung bei dem Schauturnen in Basel zugesichert haben. Ich hoffe, dass der erste Vertretertag der jüdischen Turnvereine nach Basel einberufen wird und dass sie sich dort nicht nur zu kurzer, gemeinsamer Aktion zusammenfinden, sondern dass in Basel der Grundstein zu dem Allgemeinen jüdischen Turnverband gelegt wird. In diesem Sinne rufen wir unseren Brüdern zu: Auf nach Basel! („Jüdische Turnzeitung", Juli 1903.) Zionistisches aus Anhalt (Brief aus Göthen in Anhalt.) Allmählich ist der zionistische Gedanke auch in das kleine Herzogtum Anhalt gedrungen und hat unter den dortigen Juden trotz der stark obwaltenden Assimilationsbestrebungen Freunde gefunden. Dank der Bemühungen verschiedener Zionisten, insbesondere der Agitationsreden des Herrn Dr. Gronemann - Hannover, bildete sich in der Hauptstadt Anhalts, in Dessau, im letzten Winter ein zionistischer Verein mit Herrn Rechtsanwalt Dr. Ascher an der Spitze, welcher zur Zeit 50 Mitglieder zählt, und als dessen Verzweigungen bestehen zwei zionistische Ortsgruppen in Cöthen und Bernburg. Niemand hätte es noch vor einem Jahre geahnt, dass der Zionismus hier Anhänger finden werde, und in diesem Jahre rüstet sich Anhalt, den zionistischen Kongress mit einem eigenen Delegierten zu beschicken. Wahrlich ein grosser Erfolg. Ausser durch die genannten Verbindungen unter den hiesigen anhaltinischen Juden ist der Zionismus speziell in Cöthen durch den Verein „Techio" der am hiesigen höheren technischen Institut studierenden jüdischen Jünglinge aus Russland vertreten. Leider verfügt dieser Verein nur über eine geringe Zahl von Mitgliedern und zeichnet sich nicht durch besonders rege Tätigkeit aus, da die Mehrheit der russisch-jüdischen Studierenden allen möglichen Ideen, nur nicht jüdischen huldigt und sich dem Zionismus gegenüber teils indifferent, teils sogar feindlich verhält. Wenn ich jetzt auf diesen Verein zu sprechen komme, so geschieht es wegen eines sehr wichtigen Vortrages, „Palästina in Wort und Bild", welcher in diesem Verein am 21. Juni vom Herrn Dozenten am hiesigen höheren städtischen technischen Institut, Ingenieur O. Kays er, gehalten worden ist und der es verdient, in seinen Hauptzügen hier wiedergegeben zu werden. Der Vortragende, ein Urgermane, doch einer derjenigen Christen, welche im jüdischen Volke die Nachkommen der Propheten und einen wichtigen Faktor der menschlichen Kultur erblicken, ist ein begeisterter Anhänger der Idee von der nationalen Wiedergeburt des jüdischen Volkes durch die Kolonisation Palästinas. Er bereiste selbst Palästina, lernte Land und Leute kennen und machte dabei viele Erfahrungen, welche er in seinem höchstinteressanten Vortrage mitteilte. Das Wichtigste sei hier angeführt: Palästina — führte der Redner unter anderem aus — ist sehr geeignet für die Kolonisation durch Juden und gerade nur durch Juden. Das Land, von der Natur reich ausgestattet, mit einem gesegneten, teilweise tropischen Klima, doch gegenwärtig infolge der Trägheit und Rückständigkeit der mohammedanischen Bevölkerung brach und öde, könnte unter den Händen der Juden, welche im Gegensatz zu anderen Europäern sich dort nachweislich leicht akklimatisieren, zu einem wahren Lande voll Milch und Honig sich entwickeln. Zweimal so gross wie Sachsen und gegenwärtig bloss etwa */a Million Einwohner zählend, könnte das Land, welches zu seiner Blütezeit 5 Millionen Menschen besass, jetzt bei entwickelter Technik und fortgeschrittener Bodenkultur noch