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Die Welt · 1903-07-24 · 30 (24.7.1903) · p. 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
30 (24.7.1903)
Article
Transkaukasische Juden
Date
1903-07-24
Page
8 (sequence 2)
Language
German
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Seite 8 „Bi* $ WcMp» Nr. 30 und Obstgärten, Weinbergen und Tabakbau besteht, die zusammen das bilden, was man im Tatarischen „Tschiflik" nennt. Der Anbau ist gut, der Ertrag ausgezeichnet. Alle Tataren sind vorzügliche Landwirte und Weinbauern, aber in keiner Hinsicht reichen sie darin an die Juden heran. Die zur Farm gehörigen Gärten sind mit Mauern aus Lehm von sechs Fuss Höhe umgeben, viele von den Häusern haben Verandas auf der Vorderseite, wo Tür und Fenster angebracht sind, Immerhin ist der Lieblingsaufenthalt das flache Dach, wo sich gegen Abend ganze Familien niederlassen, die Männer still vor sich hin rauchend, die Frauen die „Guzla" (ein tatarisches Instrument), spielend. Die Hochländer sind elegante, grosse und muskulöse Gestalten, ganz anders als die Juden, die der Westen kennt; sie sind durch Sonne und Wind und durch die Feldarbeit und Beschäftigung im Freien gebräunt. Sie tragen das halsfreie Hemd und die kurze, blaue Jacke der Tataren, weite Hosen und ungegerbte Schuhe, die an der Spitze nach oben gedreht sind. Die jüngeren und in mittleren Jahren stehenden unter ihnen tragen eine doppelte Haarflechte vor den Ohren. Die älteren rasieren den Kopf und tragen eine kleine, eng anliegende blaue Kappe. Sie sind ziemlich händelsüchtig, und da sie dem Trünke ergeben sind, sind Streitereien mit häufig ernsten Ausgängen nicht selten. Wenn einer einen anderen im Streite tötet, muss er sein Dorf verlassen und für immer in einer anderen Ansiedlung wohnen. Die Hochländer rühmen sich ihrer Tapferkeit und sind überzeugt davon, dass jeder von ihnen es immer mit zweien von den Piastonis aufnimmt, einem benachbarten Räuberstamme, welcher sie häufig belästigt, indem er ihnen Rinder und Schafe stiehlt. Soeben sehe ich sechs junge Burschen ankommen nach einem sechzehnstündigen Ritte, bewaffnet mit Flinten und den kurzen Hirschfängern, die sie zum Schleudern brauchen. Die Art, wie sie vom Sattel springen und das Pferd besteigen und auf einen Zug ein halbes Mass Brantwein trinken, welcher ihnen in einem grossen Hörne von einer älteren Frauensperson gereicht wird, zeigt, dass es jeder Tat fähige Leute sind. Die Frauen machen keinen so guten Eindruck auf mich. Sie sind auf keinen Fall Schönheiten. Sie sind grösstenteils gross und dick. Sie haben ein glattes, rundes Gesicht, behäbige Bewegungen und schläfrige Augen, welche den armenischen Frauen eigen sind, denen sie auch sonst gleichen. Ihr Haar tragen sie wie diese, ebenso denselben Kopfschmuck. Sie sind mit einem einfachen, langen Obergewand bekleidet, das am Hals und an den Knöcheln eng anliegt. Strümpfe kennen sie nicht und haben dieselben Schuhe, wie die Männer. Gewöhnlich schminken sie sich nicht, aber am Sabbate, zu öffentlichen Zusammenkünften, Verlobungen, Hochzeiten und ähnlichen Familienfesten malen sie sich einen Strich über das ganze Gesicht, schwärzen ihre Augenbrauen und färben die Fingernägel rot. Diese Mode zielt nicht auf ihre Verschönerung ab, doch scheint der Brauch von ihren jüdischen Vorfahrinnen auf sie gekommen zu sein. Lesen wir denn nicht, wie die Königin Isabel sich schminkte, ihre Nägel bemalte, bevor sie zum Fenster hinaussah, an dem Jehu vorbeifuhr? Die Frauen herrschen unumschränkt im Hause, und ihre Autorität in häuslichen Angelegenheiten ist unbestritten. An allen Orten, wo die Hochlandjuden wohnen, ist eine Schnapsbrennerei, welche immer die Frauen des Ortes leiten; sie sind ausgezeichnete Köchinnen und berühmt wegen des Brantweins, den sie brennen, ergeben sich aber — merkwürdig genug — niemals und unter keinen Umständen, dem Genüsse desselben. London Daily News. ^fibäiK. Anregung für den Nationalfonds. Ich möchte unseren Gesinnungsgenossen folgenden Vorschlag unterbreiten : Jeder Zionist, der sich etwas Wertvolleres kauft, zum Beispiel einen Anzug etc., möge etwas für den Nationalfonds als Abgabe an das Volk spenden. L. F r i e d m a n n, Kairo, Aegypten. Bonn, 14. Juli 1903. Geschätzte Redaktion! In einer Angelegenheit, welche mich und meine Freunde in den deutschen und französischen Hafenstädten schon seit langem beschäftigt, bitte ich Sie, die Spalten der »Welt" im Interesse unserer j üdischen E migranten, unsgüti gst öffnen zu wollen. Zugleich drücke ich die Hoffnung aus, dass die gesamte osteuropäisch-jüdische Presse diese Zeilen nach Möglichkeit weiterverbreiten helfen wird. Schon seit Jahren bringen besonders russische und galizische Auswanderer eine Masse Gegenstände mit, welche nicht den halben Wert der Fracht und sonstiger Spesen wert sind, welche sie verursachen. Soweit Kleidungsstücke in Betracht kommen, kann kaum der fünfte Teil dessen, was die Emigranten mit sich schleppen, in Amerika länger als wenige Tage, selten zwei Monate lang getragen werden, insbesondere was Männerkleidung betrifft. Andere Gegenständeerweisen sich bei Ankunft schon von vornherein als unbrauchbar, werden zuweilen mit Zoll belegt, von der Hafenbehörde nicht selten als „infektionsverdächtig" beanstandet und lenken die Aufmerksamkeit des Hafeninspektors dann auch oft in unliebsamer Weise auf den Eigentümer. Es ist kein seltenes Vorkommnis — und ich habe solche selber schon in New-York erlebt, — dass solcherart Personen detiniert und sogar nach Europa zurückgeschickt wurden, allein deshalb, weil das TGepäck" die Aufmerksamkeit auf den Eigentümer lenken musste. Nach einer vor etwa 5 Jahren aufgestellten Berechnung eines New-Yorker Hafenbeamten werden pro Einwanderer — hier sind nur jüdische aus dem Osten berücksichtigt — durchschnittlich Schillinge 1/65 für Fracht etc. ausgegeben, für Gegenstände, die absolut wertlos sind. Bei der Durchschnittssumme der 60.000 Einwanderer pro Jahr ergibt sich zirka 95.000 Schillinge rein verlorenes Geld! Nach den Aufstellungen desselben Beamten geht eine um die Hälfte noch grössere Summe durch Verlust der G e g e n s t ä n d e, die bereits mit solcher Fracht belastet waren, alljährlich bei obengenannter Einwanderungszahl total verloren, und wächst mit dieser Einwanderung proportional. Der Geldverlust und eventuelle „Wert" der Gegenstände beträgt somit bei gleichbleibenden Einwanderungsziffern pro Jahr über eine halbe Million Mark!! Aus den beiden Briefen der um die jüdischen Auswanderer hochverdienten Herren J. Bollag-Feuchtw a n g e r in Basel und E. Schwabacher in Paris, geht hervor, dass die hier geschilderten Zustände noch fortbestehen. Ich bitte Sie daher höflichst, auch diese beiden Schreiben in Ihrer geschätzten Zeitschrift publizieren zu wollen. Sie werden hiedurch unsere Emigranten vor manchem Schaden bewahren helfen. Mit vorzüglicher Hochachtung Dr. Arthur Kahn. at Basel, 7. Juli 1903. Sehr geehrter Herr Doktor! Gestatten Sie uns, werter Herr Doktor, Ihre bewährte Güte in Anspruch zu nehmen in einer Angelegenheit, die für uns mit viel Scherereien und für die armen Auswanderer mit viel Kosten verbunden ist. Knotenpunkt für die letzteren ist Basel schon deshalb, weil ab hier ihr sämtliches Gepäck gratis nach New-York befördert wird, allerdings, ohne dass die Agenturen oder die Schiffsgesellschaften irgendwelche Garantien für die richtige Ankunft übernehmen, noch irgendwelchen Empfangsschein dafür ausstellen. Diese letztere Tatsache erfahren die Leute erst hier — nach einem kurzen Gejammer, gegen das wir leider schon abgestumpft sind — fügen sie sich in das Unvermeidliche und hoffen drüben ihr Gepäck wieder zu finden! Tausende und Abertausende solcher Gepäckstücke

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