Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 30 (24.7.1903)
- Article
- Leo XIII. und die Juden
- Date
- 1903-07-24
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 30 Die 3*k Weil4* Seite 5 Reinheit, die aussergewöhnlichen geistigen Gaben und die sympathische Persönlichkeit Leo XIII. gerne anerkennen und den Wunsch nicht unausgesprochen lassen, dass der nächste Papst zum mindesten die äussere Korrektheit, die Leo XIII. nie ausser Augen Hess, den Juden gegenüber auch weiterhin übe, —r. Pädagogischer Antisemitismus. Russland ist nicht das einzige Land, in dessen Schulen der Antisemitismus obligater Unterrichtsgegenstand geworden ist. Rumänien, das Vaterland des Antisemitismus, hält auch in dieser Hinsicht Schritt. Der pädagogische Antisemitismus ist sogar in Rumänien älter als in Russiand, und in der letzten Zeit auch radikaler. In der guten, alten Zeit, zur Zeit des Dichters Alexandri, war der Jude noch bloss eine lächerliche Figur. In den Anekdoten Sperantzas finden wir ihn ausgesprochener unehrlich und feig, mauschelnd und hinterlistig, aber noch immer nur eineSjjottgestalt. Die kleinen Rumänen, denen der Jude in der Auffassung Alexandris und Sperantzas vorgestellt wurde, verachteten den Juden, verspotteten seine bekannte Karikaturnase und seine Furcht vor Hunden und Betrunkenen, aber sie dachten noch nicht daran, den Trägern der krummen Nase das weitere Tragen ihres Rassenmerkmals durch Schädeleinschlagen zu verleiden. Zwar ist verachtet und verspottet werden auch nicht besonders angenehm, und oft kam es auch schon in der guten, alten Zeit vor, dass man einem alten Juden den Bart auszupfte, oder die Scheiben seiner Wohnung durch Steinwürfe zertrümmerte. War doch dieses Scheibeneinwerfen an jüdischen Häusern eine der angenehmsten Kindheitserinnerungen des Dichters Alexandri. Jüdische Schädel soll er nur aus Versehen einigemal eingeschlagen haben. (Siehe N. Petrascu: V. Alexandri; kritisch-biographische Studie, Bukarest.) Aber das war nur jugendlicher Uebermut, und mit Sehnsucht gedenkt gar manche „bessere" Jüdin der schönen verschwundenen Zeit, wo sie im kleinen Ortstheater bei Schulfestlichkeiten einen voluminösen Platz einnahm und sich so köstlich bei den Rezitationen aus Sperantzas Judenanekdoten amüsierte. Das war eine schöne Zeit! Mit dem Heftigerwerden des politischen Antisemitismus nahm auch der pädagogische einen gehässigeren Charakter an. Es kamen die bekannten antialkoholischen Tafeln, die in der Schule und im Rathaus aufgehängt wurden, und die den Juden als Giftmischer zeigten. Den Text dazu lieferten die Dorfschullehrer, die einen antialkoholischen Vortrag zu halten verpflichtet sind, und der Text war so beredt, dass die „Frkft. Ztg.", die davon berichtete, sich ein offizielles Dementi zuzog. Das Dementieren musste aber aufgegeben werden, denn die Bilder waren in Bukarest öffentlich ausgestellt. Dann kamen moralische Stücke in die Lesebücher von der Sorte: „Der Jude isst nicht, bevor er nicht betrogen hat'4 etc. Aber die Sache nahm erst in der letzten Zeit die scharfe Form an, die sie heute zeigt. Die Dorfschullehrer und -Lehrerinnen wurden plötzlich politisch tätig. Von überall wurden sie mit antisemitischen Hetzschriften überschüttet. Man stellte ihnen die Spalten der antisemitischen Zeitungen zur Verfügung, und sie politisierten. Frau Titza Paveiescu, die bekannte antisemitische Führerin aus Fokschany, hat sich in der Dorfschulpropaganda geradezu spezialisiert. Ihr Blatt „Sentinela" ist grösstenteils von Dorfschullehrern und -Lehrerinnen geschrieben und wird nur von diesen, von Popen und Bauern gelesen. Und „Sentinela" ist das ordinärste antisemitische Blatt Rumäniens, „Vocea Tutovei" nicht ausgenommen. So arg treibt es die edle Dame, dass sie von dem rumänischen Gerichte wegen Ruhestörung und Aufhetzerei verurteilt worden ist. Und, weiss Gott, toleranter für antisemitische Skandale als die rumänischen Gerichte kann doch niemand sein. Kürzlich veranstaltete sie S c h u 1 f e s t e in einigen. Dörfern. Wie sie in ihrem Blatte berichtete, nahmen daran auch die Eltern der Kinder teil, dann auch der Pope und der Bürgermeister. Frau Paveiescu setzte den Kindern und den Erwachsenen auseinander, was für eine Gefahr die Juden für Rumänien seien. Sie musste vor Freude weinen, schreibt Frau Titza, so gut wurde sie von den zehnjährigen Kindern und ihren Eltern verstanden. Ein jüdisches Blatt, das dies dem Unterrichtsminister mitteilte, wies seinerseits nach, was für eine Gefahr für die Ruhe Rumäniens die Lehren der Frau Titza5 vorgetragen vor schulpflichtigen Kindern, bedeuten. Die Antwort darauf gab die Revue „Aibina", ein kulturelles, für die Weiterbildung eben der Dorfschullehrer vom Unterrichtsministerium herausgegebenes Blatt. In der nächsten Nummer brachte die „Albina44 ein Gedicht, „JidanuP4 (der Jude), von dem literarischen Direktor der Revue, dem Dichter George C o s c h b u c. J i d a n u 1 ist der Schimpfname für Jude, und das ganze Gedicht ist eine gehässige Aufreizung gegen die Juden. Obzwar in Versen, ist Jidanul eine offizielle Anweisung,- wie die Jugendbildner puncto „Jud44 zu denken und zu handeln haben. Die Anweisung wurde auch verstanden, und in einem Dorfe im Distrikte Neamtz (Moldau) endigte dieser Tage ein energischer Lehrer seine antijüdische Rede mit den denkwürdigen Worten: „Wenn ihr gross sein werdet, so tötet sie (die Juden)!44 Furchtsame jüdische Gemüter befürchten, dass die jetzigen „Grossen44, um die Arbeit ihrer „Kleinen44 in der Zukunft zu erleichtern, schon jetzt mit der Ausführung dieser Lehren beginnen könnten. Th. P 1 e b e. Professor Sellins Ausgrabungen in Palästina. (Aus dem Anzeiger der philosophisch-historischen Klasse der Akademie der Wissenschaften.) Der Sekretär überreicht eine Abhandlung des Herrn Professors Dr. Ernst Sellin in Wien, betitelt: ,Tell Tacannek. Bericht über eine mit Unterstützung der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften und des k. k. Ministeriums für Kultus und Unterricht unternommene österreichische Ausgrabung in Palästina. Nebst einem Anhange von Dr. Friedrich H r o z n y : Die Keilschrifttexte von Ta'annek'. Der Verfasser ersucht um Aufnahme seiner Abhandlung in die Denkschriften und bemerkt hierzu : Der Bericht, der in der Einleitung die Enstehung und den äusseren Verlauf der im März bis Juli 1902 und im März 1903 unternommenen Expedition schildert, handelt in Kapitel 1 von der Geschichte des ausgegrabenen Hügels, in Kapitel II von seiner Lage und gegenwärtigen Beschaffenheit, in Kapitel III von dem Gange der Ausgrabung im ganzen. Dann werden in Kapitel IV bis XVIII die einzelnen Gräben und Schächte gesondert behandelt und die in ihnen gemachten Funde beschrieben, wobei schon eine besondere Aufmerksamkeit der Verschiedenheit der aufgedeckten Kulturschichten gewidmet ist. Kapitel XIX bis XXI führen die Resultate systematisch geordnet vor. Kapitel XIX behandelt die kulturgeschichtlichen Ergebnisse. Der Ausgangspunkt wird in § 1 genommen bei den Erzeugnissen der Keramik. Bei ihnen lassen sich sowohl nach der Form der Krüge wie der Dekoration und ßemalung derselben klar vier Hauptschichten unterscheiden: 1. die kananitische, a) originell kananitisch, b) mit ägäisch-phönizischem Einschlage;2. die altisraelitische, a) Vorherrschen des phönizischen Einflusses, b) klassisch-israelitisch; 3. die spätisraelitische, a) Beginn des griechischen Einflusses, b) Herrschaft desselben; 4. die arabische. § 2 bespricht die sonstigen Geräte des täglichen Lebens. Die gefundenen Werkzeuge, Messer, Waffen u. dgl. lassen sich diesem Gange der Entwicklung sehr gut einreihen und bestätigen die Eichtigkeit desselben. Schicht 1